Der letzte Tanz der Altmeister beginnt mit einem Knall: Lionel Messi stellt per Hattrick den WM-Tor-Rekord einDer Argentinier bleibt auch mit fast 39 Jahren der Massstab im Fussball. Was macht seine Brillanz so zeitlos?Florian Haupt, Barcelona17.06.2026, 12.19 Uhr5 LeseminutenEr kann es noch immer – und wie: Mit einem Hattrick egalisierte Lionel Messi den WM-Tor-Rekord.Joel Marklund / ImagoEs konnte kein besseres Tor geben, um dem Epos die nächste grosse Geschichte hinzuzufügen. Tausendmal gesehen, tausendmal konnte niemand etwas dagegen machen. Ballannahme am Strafraum, ein, zwei Trippelschritte, und die Kugel flach neben dem Torpfosten platziert. 3:0 für Argentinien. Vintage-Messi.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Geschichte: Lionel Messi eröffnete seine WM 2026 gegen Algerien mit einem Hattrick. Auf den Tag genau zwanzig Jahre nach seinem ersten WM-Tor bei einem 6:0 gegen die damalige Mannschaft von Serbien und Montenegro erzielte er seine WM-Treffer 14 bis 16 und stellte damit den Allzeit-Rekord des Deutschen Miroslav Klose ein.Mit fast 39 Jahren ist er dabei über fünf Jahre älter als der bisher älteste Hattrick-Schütze bei Weltturnieren – sein Dauerrivale Cristiano Ronaldo, dem das 2018 gelang. Und der nun, mit 41, bei Portugals Debüt am Mittwoch gegen DR Kongo noch einmal ins Geschehen eingreift.Messi läuft die Hälfte, beeinflusst das DoppelteDer letzte Tanz der Altmeister ist einer der grossen Handlungsstränge dieser WM. In Kansas City begann er mit einem gigantischen Tusch – in einem Stadion, einem Turnier und einem Sport, die dem achtfachen Weltfussballer nicht nur wegen seiner Vergangenheit ergeben waren. Sondern auch und vor allem wegen seiner Gegenwart.Messi lieferte im Gliedstaat Missouri eine Masterclass darin, Messi zu sein. Es kann nie einen Fussballer mit einer überlegeneren Intelligenz für das Spiel gegeben haben, mit einer derartigen Verarbeitungsgeschwindigkeit für das Geschehen, mit einem solchen Gespür dafür, wann es wo was zu tun gilt.In dem Masse, in dem seine Dribbelkünste mit den Jahren notwendigerweise nachliessen, hat Messi seinen Blick für das Wesentliche immer weiter perfektioniert. Er läuft halb so viel wie der Rest und beeinflusst das Doppelte.Gegen die wahrlich nicht schlechten Algerier machte er sich warm mit ein paar ausgesuchten Klärungsaktionen am eigenen Strafraum und einem knapp wegen Abseits aberkannten Treffer. Den Rest der Zeit schien er anfangs zu stehen oder zu spazieren. So wie in der 17. Minute, als Argentinien eine lange Ballbesitzphase hatte.Messi liess sich gemütlich fallen, spielte einen Doppelpass, trabte gemütlich wieder nach vorn. Aber plötzlich war dort, in der Mitte der gegnerischen Hälfte, eine Insel an Platz freigespielt. Der Pass kam von seinem Inter-Miami-Klubkollegen Rodrigo de Paul durch die erste gegnerische Abwehrreihe dorthin. Messi nahm den Ball an, beschleunigte mit ihm am Fuss und jagte ihn mit links aus rund 20 Metern in den Winkel.Algeriens Goalie war machtlos – wie so viele andereAlgeriens Torwart Luca Zidane, zweiter Sohn der französischen Legende Zinédine, machte bei seinem Abwehrversuch keine sonderlich glückliche Figur. Wie auch in der 60. Minute, als der Goalie einen Fernschuss von Alexis Mac Allister nach vorne abklatschte. Messi, der den Angriff mit einer Spieleröffnung auf den Flügel selbst eingeleitet hatte, tauchte nun genau dort auf. Weil er halt Messi ist. Und weil er es ist, drosch er vor Zidane nicht hektisch drauf, sondern stupste die Kugel mit dem rechten Innenrist geradezu beiläufig an ihm vorbei zum 2:0.Der Goalie, so viel zu seiner Ehrenrettung, verhinderte kurz danach stark den dritten Treffer Messis – ehe er wie so viele Kollegen vor ihm machtlos war, als der Argentinier seinen klassischen Spielzug in der 76. Minute zum Endstand abschloss; zum 120. Tor in seinem 200. Länderspiel.Danach liess Messi sich auswechseln, und das Publikum verneigte sich vor ihm wie vor einer Gottheit. Auch diesen Gestus kennt man nun schon so lange. Ja, es kann wohl immer weniger Zweifel geben, dass man es wirklich mit dem besten Fussballer der Geschichte zu tun hat, trotz einem Pelé, trotz einem Maradona. «Heute hat sich geklärt, dass Leo der Wichtigste von allen ist», sagte der Teamkollege Mac Allister.Wäre seine Karriere ein Film, wäre er zurückgetreten«Goat», greatest of all time, nennt man so einen im grössten Ausrichterland der WM. In den USA also, wo Messi seit seinem Wechsel nach Miami vor drei Jahren missioniert. Wo eine Strasse im Ort Berkeley Heights, Bundesstaat New Jersey, jüngst in Leo Messi Way umbenannt wurde. Sie liegt nur eine Stunde vom WM-Finalstadion entfernt, wo am selben Dienstag der Franzose Kylian Mbappé zwei Tore schoss (und damit jetzt insgesamt auf 14 WM-Treffer kommt), so wie auch der Norweger Erling Haaland in Boston bei seinem Endrundendebüt gegen den Irak.Sie liegt nur eine Stunde vom WM-Finalstadion, wo am selben Dienstag der Franzose Kylian Mbappé zwei Tore schoss (und damit jetzt insgesamt auf 14 WM-Treffer kommt), so wie auch der Norweger Erling Haaland in Boston bei seinem Endrundendebüt gegen den Irak.Ein formidables Turnier kündigt sich an. Stars, die auf Anhieb liefern, und ein «Verrückter», der über allen steht. Mit diesem Wort gratulierte Haaland, als er von Messis Taten in Kansas City erfuhr.Als «Zugabe» qualifizierte Messi es selbst nach Spielschluss. Nachdem er Argentinien nach Jahren des Scheiterns und der Verzweiflung bei der Winter-WM 2022 mit 35 Jahren zum Titel geführt hatte, schien seine Karriere eigentlich schon vollendet.Wäre seine Karriere ein Film, wäre er damit zurückgetreten. Aber Messi sagte, er wolle noch ein paar Spiele weitermachen, jetzt, wo er die Auftritte mit Argentinien endlich geniessen könne, ohne den ewigen Druck auf seinen Schultern.Aus dem Bisschen wurden dann ein voller WM-Zyklus mit einem Gewinn der Südamerikameisterschaft 2024. Immer noch als Leuchtturm und Inspiration der jüngeren Spieler, immer noch als Captain, der dirigiert und Matches entscheidet. «Ich könnte nicht mehr verlangen als alles, was ich bekommen habe», erklärte Messi. «Wie ich schon öfter sagte: Danke an Gott, er hat mir zu viel geschenkt.»Messi lobte sogar RonaldoFür Messi war es ohnehin ein emotionaler Abend – wegen einer «aussersportlichen Sache», die er nicht näher spezifizierte, hatte er nach seinem ersten Tor sogar Tränen in den Augen.Und es war ein Abend voller Grandezza – zu der er weiter beitrug, indem er seinen neuesten Rekord in aller Demut kommentierte und dabei sogar Elogen auf den ewigen Rivalen unterbrachte: «Es ist eine Ehre, aber es sind nur Zahlen. Sie bedeuten nichts. Ronaldo ist einer der Grössten, und er ist nicht Erster, also geht es nur um eine Statistik.»Mehr als nur Zahlen bedeutet die WM an sich. Als Messi sich zu einer letzten Teilnahme entschloss, ging damit die Ambition einher, nicht bloss eine Ehrenrunde zu drehen. In Miami bereitete er sich in Doppelsessions auf das Turnier vor, morgens im Mannschaftstraining, nachmittags mit Personal Trainer.Und so schreibt er also weiter an diesem einmaligen Epos. Am Montag im zweiten Match gegen Österreich geht es weiter.Passend zum Artikel