Wenn morgens kurz vor sechs über dem Dorf Castello die Sonne aufgeht, trinkt Peter Pichler auf seinem Balkon einen Kaffee und schaut aufs Meer. Er könnte hineinspringen, so nah an der Abbruchkante steht sein Haus. Rund herum sind nur Felsen und gleißendes Licht. Neben Pichler hockt Nala, ein Border-Collie-Weibchen, und fixiert erwartungsvoll die Brioche in seiner Hand. „Wir waren zusammen als Hirten im Einsatz, jetzt sind wir beide in Pension“, sagt Pichler. Mit einer Selbstgedrehten im Mundwinkel fährt er wenig später in seinem Dreiradroller vor das Dorf hinaus. Pichler, er stammt aus Südtirol, wird in seinem Garten Obst und Gemüse ernten. Was er nicht selbst essen kann, verschenkt er. „Hier auf der Insel Giglio brauchen wir wenig Geld – wir tauschen Güter aus, revanchieren uns für Gefälligkeiten“, sagt Pichler.Mit einer Fläche von 21 Quadratkilometern ist Giglio die zweitgrößte von sieben Inseln des Toskanischen Archipels – des größten Meeresschutzgebiets Italiens. 1200 Einwohner verteilen sich auf drei Inselorte. Mit Stränden und einem kristallklaren Meer, in dem sich Thunfische, Pottwale und Delphine tummeln, bildet die Insel ein beliebtes Badeurlaubsziel. Es gibt hier jedoch auch ein Netz von Wanderwegen, auf denen man Giglios stille Ecken erkunden kann.Durch Porto mit seinem Hafen kommt jeder. Hier im Osten legen nämlich die Fähren aus Porto Santo Stefano am Monte Argentario an. Weil wir nicht schon Wochen im Voraus für unser Auto einen Platz auf der Fähre gebucht haben, betreten wir Giglio per pedes. Immerhin bleibt uns so das Gerangel um einen Parkplatz in den verwinkelten Inselorten erspart. Hektisch wird es allerdings auch inmitten der nichtmotorisierten Fährpassagiere, die den einzigen wartenden Autobus stürmen. Viele wollen nach Campese auf der anderen Inselseite, oder nach Castello, dem Hauptort oben am Berg. Als uns der Busfahrer mit strenger Miene erklärt, dass nur mehr einer reinpasst – wir sind aber zu zweit –, disponieren wir kurzfristig um. Wir müssen nicht sofort nach Castello.Beschauliches Leben: Castello ist der Hauptort der Insel.Helmuth LutherAm von pastellfarbenen Häusern gesäumten Hafenkai genehmigen wir uns einen Kaffee. Der Blick auf schaukelnde Fischerboote hat ja immer etwas Beruhigendes. Außerdem bietet Porto viel Geschichte. Vor einigen Jahren wurden bei Hafenarbeiten Amphoren-Bruchstücke sowie Granitsäulen aus der Römerzeit entdeckt. Bei einem Rundgang durch die Gassen entdecken wir Spolien – Bauteile einer Villa der Domizi Enobardi, jener Sippe, die den berüchtigten Kaiser Nero hervorbrachte. „Rom wurde mit Granit aus Giglio errichtet“, erklärt uns ein stoppelbärtiger Mittsiebziger am Nebentisch. Der Herr heißt Luigi Baffigi – er war der letzte Leuchtturmwächter von Giglio. Über vierzig Jahre, erzählt Baffigi, habe er am „Faro di Capel Rosso“ Seefahrern den Weg gewiesen. Der Leuchtturmwärter schwärmt von einsamen Sternennächten, den Stürmen und im Meer verlöschenden Blitzen – heute ist der Faro Capel Rosso ein teures Hotel.In Baffigis Gedächtnis eingebrannt hat sich der Abend des 13. Januar 2012, als das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia vor Giglio einen Felsen rammte und daraufhin kenterte, 32 Menschen verloren ihr Leben. „Dort draußen geschah es“, sagt Baffigi und zeigt auf ein Felseck im Norden des Hafens. „Viele Passagiere übernachteten dann in unseren Wohnzimmern.“Die Abwanderung der Jungen ist ein großes ProblemSie sei hier in einem uralten Haus auf die Welt gekommen, sagt Marina Aldi, als wir die weißhaarige Touristenführerin an der Piazza Gloriosa vor der Stadtmauer von Giglio Castello treffen. Die Piazza mit einem Denkmal für die Gefallenen beider Weltkriege bildet das Wohnzimmer des Dorfes. Die Hände auf ihre Stöcke gestützt, beobachten einige Alte im Schatten einer Palme das Geschehen ringsum. Ein paar Halbwüchsige kicken sich einen schlecht aufgepumpten Gummiball zu. Ein großes Problem für die Insel sei die Abwanderung, sagt Aldi. Vor zehn Jahren habe es in Castello noch fünf Grundschulklassen gegeben. Heute seien es zwei. „Um eine weiterführende Schule zu besuchen, muss der Nachwuchs in die Provinzhauptstadt Grosseto – oft zieht dann die ganze Familie mit.“Castello ist komplett aus Stein erbaut. Mit seiner Burg, Rundtürmen, Treppen und Torbögen, den buckligen Gassen hat sich das Dorf seit dem Mittelalter kaum verändert. „Wir Bewohner Castellos waren immer Bauern. Wir hatten Angst vor dem Meer“, erzählt Aldi. Vom Meer herauf kamen nämlich die Feinde, etwa im Jahr 1544, als mehr als 700 Inselbewohner getötet beziehungsweise als Sklaven verschleppt wurden. In der Pfarrkirche zeigt uns Marina Aldi einen verwitterten Armknochen: eine Reliquie des heiligen Mamilianus von Palermo. Als 1799 die Türken Giglio belagerten, habe der Heilige ihre Sinne verwirrt, indem er ihnen unzählige Verteidiger auf den Stadtmauern vorgaukelte. „Ein Wunder. Die Türken zogen daraufhin entmutigt ab“, erzählt Aldi.Winzer aus Leidenschaft: Giovanni Rossi bewirtschaftet mit seinem Bruder sieben Hektar Rebfläche.Helmuth LutherAn der Carabinieri-Kaserne vorbei und dann durch einen Pinienwald begleitet uns die Touristenführerin nach Le Porte. Ein prähistorischer Mauerring sowie Steinwerkzeuge und Keramikfragmente belegen, dass dieser Hügel seit der Jungsteinzeit besiedelt war. „Das ist ein spiritueller Ort – spürt ihr die Energie?“, fragt Aldi, als wir eine weite Fläche mit großen runden Granitfelsen erreichen. Wegen wannenförmiger Vertiefungen in einigen dieser Brocken wird der Ort im lokalen Dialekt „Cote Ciombella“ genannt. Marina Aldi erzählt von elektromagnetischen Linien, einer sakralen Geometrie und der Archäoakustik: jenem Wissenschaftszweig, in dem die akustischen Eigenschaften von Bauten und archäologischen Stätten im Zusammenhang mit kultischen Praktiken erforscht werden. „Die Leute sperren den Mund auf, wenn sie hören, wie jede Vertiefung, sobald der Wind darüberstreicht, einen anderen Ton erzeugt“, sagt Aldi. Für sie ist hier ein toskanisches Stonehenge. Und jetzt sollten wir uns vor Augen halten, sagt Aldi, indem sie mit grimmiger Miene vor ihrer Brust die Arme verschränkt: „Genau hier wollte die Gemeindeverwaltung eine 80 Meter hohe Windkraftanlage errichten. Es ging um Fördermittel!“ Um wirkungsvoll zu protestieren, sei sie Mitglied der Grünen Partei geworden. „Weil Giglio auf einer wichtigen Migrationsroute für Zugvögel liegt, konnten wir das Projekt stoppen.“Ein Unglücklicher kehrt heimAm nächsten Morgen brechen wir zeitig auf. Außer uns sind momentan nur die Mauersegler unterwegs, mit schrillen Sriih-sriih-Rufen jagen sie um die Türme und hohen Mauern der Burg. Unser Ziel ist der Leuchtturm Capel Rosso ganz im Süden. Über einen steinigen Weg erreichen wir den Poggio della Pagana, mit 496 Metern den höchsten Inselpunkt. Wohin man sich hier auch wendet, überall blitzt das blau-weiß geriffelte Meer. Von der letzten Hügelkuppe geht es nur mehr bergab, schon von Weitem zieht der rot-weiß gestreifte Leuchtturm sämtliche Blicke an.Kurz davor versteckt sich in einer Senke ein weiß getünchtes Häuschen mit Kuppeldach. Auf Trockensteinterrassen rundherum wachsen niedrige Weinreben. Mittendrin bindet ein Bärtiger die grünen Zweige an Drähten fest. Es ist Giovanni Rossi, vor gut zwanzig Jahren fing er zusammen mit seinem Bruder Simone damit an, die überall auf Giglio zusammengefallenen Trockenterrassen wieder instand zu setzen und mit der autochthonen weißen Rebsorte Ansonica zu bepflanzen. „Ich bin hier aufgewachsen, nach dem Studium arbeitete ich in Florenz als Wirtschaftsberater – was mich nicht glücklich machte“, erzählt der Winzer. Bei einem Heimatbesuch habe ihm ein Onkel angeboten, seinen Weingarten zu übernehmen. Giovanni tat sich mit Simone zusammen. „Dieser Acker hier, ‚Fontuccia‘ genannt, bildete die Keimzelle unseres gegründeten Weinbaubetriebes“, erzählt er. Heute bewirtschaften die Brüder sieben Hektar Rebfläche. „Mein Weg führte mich von der Hacke zum Computer und wieder zurück zur Hacke“, grinst Giovanni.Ob wir Lust hätten, zusammen mit ihm und Freunden später vor diesem Häuschen seinen strohgelben Ansonica zu verkosten, lädt uns Giovanni ein. Ein Angebot, das wir nicht ablehnen können. Als wir dann am Abend verschiedene Jahrgänge dieses mineralischen Weines testen, jeder schmeckt anders, wobei bei allen diese feine Kräuternote auffällt, zeigt sich, dass nicht nur wir, sondern auch der Profi Giovanni nach ausgiebigem Riechen, Schwenken und im Mund-hin-und-her-Spülen nicht ausspuckt. Es wäre auch schade um den guten Tropfen. Nebenbei stellt sich heraus, dass der Winzer unter anderem für seinen Ansonica Caperrosso 2023 vom renommierten Weinführer Gambero Rosso mit drei Gläsern prämiert wurde. Zwischendurch tischt ein Freund Tagliatelle mit Wildschweinragout sowie eine Bistecca Fiorentina auf, toskanisches Steak von der Chianina Rinderrasse. Ziemlich spät endet dann der Abend damit, dass wir von Giovanni Rossi und Co. dazu verpflichtet werden, nächstes Jahr beim traditionellen Wein- und Kellerfest in Giglio Castello dabei zu sein. Das lässt sich einrichten. Zwecks Heimtransport der vermutlich nicht zu kleinen Weinvorräte werden wir allerdings rechtzeitig eine Fähre buchen.Informationen: www.giglioinfo.it/de