Am Siegestor geht die Ludwigstraße in die Leopoldstraße über. Und bei diesem Triumphbogen beginnt, am selben Wochenende, gleich das nächste Fest: der Corso Leopold, ein eigenständiges Straßenfest und Kulturfestival, das dieselbe autofreie Idee bis zur Münchner Freiheit weiterträgt. Zwei Feste nebeneinander, eine durchgehende Meile. Rund 2,3 Kilometer Stadt, die für ein Wochenende den Menschen zurückgegeben werden.Geboten wird ein Programm auf acht Bühnen. Neben der Zamanand-Hauptbühne gibt es die Rock-Stage, die Bühne des Ausbildungssenders m94.5, die Welttanzbühne der Tanzschule Salsamas und die Electronic Unity Stage am Wittelsbacherplatz – mit Live-Musik, DJ-Sets, Panels und Performances.Das Zamanand-Festival zeigt auch viel Kultur. Vergangenes Jahr hat es allerdings stark geregnet. Catherina HessEs ist eines der größten Feste, die München kennt. Die Veranstaltersprechen von bis zu 250 000 Besucherinnen und Besuchern an einem Wochenende. Man könnte die Geschichte über das Bestehen erzählen: 25 Jahre autofreies Wochenende auf dieser Straße. Doch eine andere spielt sich an den Rändern der Festmeile ab, zwischen Foodtrucks und Bühne.Auf rund 400 Quadratmetern bespielt der AHA Super Science Summer Club die Straße mit Experimenten, Talks und Mitmach-Formaten für jedes Alter. Forschende erklären ihre Arbeit im Plauderton, zwischen Eisstand und Hüpfburg.Hinter dem Wissenschaftsprogramm steht ein Bündnis von elf Institutionen, der AHA Science Communication Hub: acatech, die Bayerische Akademie der Wissenschaften, das Deutsche Museum, die Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz Munich, die Hochschule München, die LMU, die Max-Planck-Gesellschaft, die staatlichen naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, die TU München und die Universität der Bundeswehr. Erst vor wenigen Jahren gegründet, gefördert vom bayerischen Wissenschaftsministerium, sitzt die Geschäftsstelle ausgerechnet bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften – einer Gelehrtengesellschaft von 1759.„Wir wollen umdenken. Von einer oben herab verkündeten Nachricht hin zu einem Dialog mit der Gesellschaft“, sagt Professor Markus Schwaiger, Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Robert BrembeckDass sie diese Adresse trägt, ist kein Zufall, sagt deren Präsident Markus Schwaiger: „Wir wollen umdenken. Von einer oben herabverkündeten Nachricht hin zu einem Dialog mit der Gesellschaft. Und dazu gehört, dass man den Elfenbeinturm verlässt und auf die Straße geht und bereit ist, auch Widersprüche in die Diskussion einzubeziehen.“ Der Stellenwert der Wissenschaft, so Schwaiger, sei „nicht mehr eine elitäre Angelegenheit“, sondern ein Thema, das alle angehe.Man muss sich vor Augen führen, wer da zusammenkommt – amüberraschendsten eine Universität der Bundeswehr, auf einem Fest, das aus der grün-alternativen Protesttradition stammt. Ihre Präsidentin Eva-Maria Kern, Wirtschaftswissenschaftlerin, sieht darin keinen Widerspruch, sondern den Kern der Sache: „Der direkteste und wirkungsvollste Weg ist für mich der persönliche Austausch bei Veranstaltungen. Dort können wir zeigen und erklären, dass Wissenschaft nichts Abstraktes ist, sondern einen konkreten Nutzen für Gesellschaft und Alltag hat.“Ganz konkret schickt sie den Medienwissenschaftler Jonas Schützeneder auf die Meile, der am 20. Juni mit Besuchern diskutiert, ob ein Social-Media-Verbot für Jugendliche sinnvoll wäre. Häuser, die ihre Würde jahrhundertelang aus Distanz bezogen, drängen sich nun auf eine Festmeile.Aber warum gerade jetzt? Der Sinneswandel ist datierbar: Die Corona-Pandemie führte schlagartig vor, wie sehr eine Gesellschaft auf verständliche Forschung angewiesen ist, und wie zerbrechlich das Vertrauen in sie sein kann. Das Wissenschaftsbarometer, das die Stimmung seit 2014 misst, verzeichnet heute rund 54 Prozent, die der Wissenschaft vertrauen – mehr als die Hälfte, aber keine selbstverständliche Mehrheit mehr. Zugleich zeigt es: Einmischung von Forschenden ist ausdrücklich erwünscht, das Publikum will nicht belehrt, sondern beteiligt werden. Die Lehre für die großen Häuser ist unbequem: Autorität allein genügt nicht mehr, Vertrauen muss man sich erarbeiten, im direkten Kontakt.Genau hier setzt Christoph Egle an, der den AHA-Hub seit Anfang 2026 leitet. Für ihn ist der Auftritt auf der Straße eine bewusste Strategie. Man wolle „raus aus der Blase“, sagt er, und dorthin gehen, „wo man Wissenschaft erst mal gar nicht vermutet“.Die üblichen Formate erreichten überwiegend jene, die sich ohnehin für Forschung interessieren. Auf dem Festival aber treffe man die große indifferente Mitte – Menschen, die der Wissenschaft weder feindlich gesonnen noch besonders zugeneigt sind. Bei ihnen einen „Aha-Effekt“ auszulösen, ist Egles erklärtes Ziel: „Ach, da ist Wissenschaft drin, auch in meinem Alltag spielt Wissenschaft eine Rolle.“ Wie man diese Gruppe erreicht, weiß LMU-Vizepräsidentin Beatrice Lugger: „Wenn wir auf die Straße gehen, dorthin, wo die Bürgerinnen und Bürger sind, dann erreichen wir alle.“ Bayerns Wissenschaftsminister nennt den Hub die „positive Antwort auf Wissenschaftsfeindlichkeit“ – ein Gegenangebot zu Fake News und Misstrauen sozusagen.„Das Selbstverständnis der über 550 Jahre alten LMU muss sich ändern, weniger Elfenbeinturm, mehr Austausch mit der Gesellschaft“, sagt Matthias Tschöp, Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität München. Robert HaasMittendrin liegt, mit ihrer klassizistischen Fassade direkt an derFestmeile, die Ludwig-Maximilians-Universität. Seit Oktober 2025 ist Matthias Tschöp Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität München und nimmt Wissenschaftsvermittlung auf Augenhöhe sehr ernst. „Das Selbstverständnis der über 550 Jahre alten LMU muss sich ändern“, sagt er, „weniger Elfenbeinturm, mehr Austausch mit der Gesellschaft.“ Der Gedanke dahinter dreht die alte Ordnung um: „Die Bürgerinnen und Bürger müssen nicht dorthin gehen, wo Forschung geschieht, sondern umgekehrt kommt die Forschung zu ihnen.“ Beim Zamanand sollen die Münchnerinnen und Münchner „flanierend Wissenschaft begegnen, erleben und bestaunen“ können und sehen, dass das, was die Universität tut, sie unmittelbar betrifft.Dass das mehr ist als eine Sonntagsansprache, dafür steht BeatriceLugger, die Tschöp als frühere Geschäftsführerin des NationalenInstituts für Wissenschaftskommunikation ins Vizepräsidium holte. Lange, sagt sie, habe Wissenschaftskommunikation vor allem vom Engagement Einzelner abgehangen: „Da bleibt es eben oft punktuell oder man muss schon fast sagen zufällig.“ Das ändere sich nun grundlegend: „Wenn es jetzt in der Leitungsebene verankert wird, dann wird eben auch Wissenschaftskommunikation Teil des Selbstverständnisses der Institution.“ Dann gehe es nicht mehr um die Frage, „ob wir mit der Gesellschaft kommunizieren“, sondern nur noch darum, wie. „Ich halte das für einen absoluten Kulturwandel“, sagt sie, „ein richtiger Systemwechsel.“Die Wissenschaftsmeile ist das Neue, doch sie wächst aus einem längst etablierten Fest mit ihren Höhepunkten heraus. Seit Jahren verwandelt, zum Einbruch der Dunkelheit, das Künstlerkollektiv Genelabo das Siegestor in eine Leinwand mit farbenprächtigen Bildern.Rund 1500 Mitwirkende gestalten das Programm, vom Energiespar-Check über E-Bikes und Kunstaktionen bis zum Marktplatz der Ernährung; der Eintritt ist frei, für gemeinnützige Vereine auch die Teilnahme.Für Festivalleiter Manuel Schaumann ist das der eigentliche Sinn: Er sehe an diesem Wochenende „einen öffentlichen Raum, der viel mehr ist als nur Straßenraum, sondern wirklich ein Begegnungsraum“. Gerade in einer Stadt wie München, wo so viele Aktionen Eintritt kosten, brauche es „solche offenen Angebote, wo wirklich alle Menschen dazu befähigt werden, teilzunehmen: an Kultur, an Begegnungen und damit am gesellschaftlichen Leben“.Die Straße wird, wenn auch nur für 48 Stunden, zum Wohnzimmer der Bürger und stellt damit eine alte Hierarchie auf den Kopf. Was am Ende bleiben soll, fasst Schaumann in einem schlichten Wunsch: dass die Menschen nach Hause gehen „mit einem Gemeinschaftsgefühl und auch ein Stück weit Hoffnung“.
Zamanand Festival München: Elf Forschungsinstitute sind dabei mit einem bestimmten Ziel
LMU, TU München, Max-Planck-Gesellschaft – beim Zamanand Festival wird die Ludwigstraße zur Wissenschaftsmeile. Was steckt dahinter?






