Er ging auf Konfrontationskurs mit den Mächtigen dieser Welt. Karim Khan, seit 2021 Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofes, beantragte unter anderem die Haftbefehle gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Entscheidungen, die nicht nur den Gerichtshof, sondern auch seine eigene Person weltweit in die Schlagzeilen brachten.Unterschiedliche Bewertungen nach den ErmittlungenDann wurde es lange still in der Affäre. Die Ermittlungen zogen sich über Monate hin und wurden für den Gerichtshof immer mehr zur Belastung. Das Weltstrafgericht versteht sich als höchste moralische Instanz im Kampf gegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord und Angriffskriege. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an die persönliche Glaubwürdigkeit und Integrität seiner Mitarbeiter.Erst im Dezember 2025 übergaben die Ermittler ihren Bericht an das Gericht. Ein dreiköpfiges Richtergremium wurde mit der Erstellung eines Rechtsgutachtens beauftragt. Weder der Ermittlungsbericht noch das anschließende Rechtsgutachten ist öffentlich bekannt. Medienberichten zufolge kamen die Gremien zu unterschiedlichen Einschätzungen. Während die UN-Ermittler die Vorwürfe als erwiesen ansahen, sollen die Richter Zweifel an der Beweiswürdigung geäußert haben. So soll etwa die Glaubwürdigkeit von Zeugen nicht ausreichend untersucht worden sein.Vor wenigen Wochen brach Karim Khan sein Schweigen. In Interviews sprach er von einer Kampagne gegen ihn. Hinter den Vorwürfen stünden, so seine Darstellung, mächtige politische und nachrichtendienstliche Akteure, die seine Ermittlungen gegen Israel behindern wollten.Haftbefehl gegen Netanjahu zog Kritik auf sichTatsächlich hatte Khan mit dem beantragten Haftbefehl gegen Netanjahu und seinen damaligen Verteidigungsminister Joaw Galant wegen ihres Vorgehens im Gazastreifen scharfe Kritik auf sich und den Strafgerichtshof gezogen. Den Haag wurde vorgeworfen, Israel nicht genug Zeit gegeben zu haben, um die Vorwürfe selbst zu prüfen. Denn der Gerichtshof darf nur tätig werden, wenn der betroffene Staat nicht selbst ermittelt.Israel warf Khan vor, er wolle mit seinem Vorgehen nur von den Anschuldigungen gegen seine Person ablenken. Nach der Suspendierung am Montagabend forderte Israels UN-Botschafter Danny Danon dann auch umgehend die Aufhebung des Haftbefehls gegen Netanjahu. Die Entscheidung zeige, „dass diese Institution bis ins Mark verdorben ist“, schrieb er auf der Plattform X.Karim Khan übernahm 2021 das Amt des Chefanklägers in Den Haag. Seit seiner Gründung im Jahr 2002 sah sich der Gerichtshof immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, zu zögerlich zu agieren und seinen Fokus zu stark auf Länder des „globalen Südens“ zu legen. Der heute 56 Jahre alte Brite wollte dieses Image überwinden. Spätestens mit dem Haftbefehl gegen Putin im Jahr 2023 verschaffte er dem Gericht eine neue Sichtbarkeit – und sich selbst den Ruf eines entschlossenen Anklägers.Vertragsstaaten müssen jetzt über Khan entscheidenDie Haftbefehle gegen Netanjahu und Galant Ende 2024 hatten allerdings weitreichende Folgen. Sie stürzten den Gerichtshof in seine bislang wohl schwierigste Phase. Die USA reagierten damals mit harten Sanktionen. Auch aus Europa kam Kritik, enge Verbündete wie Deutschland äußerten Vorbehalte. Ungarn kündigte sogar seinen Austritt aus dem Gerichtshof an. Inzwischen hat Ministerpräsident Péter Magyar die Entscheidung seines Vorgängers Viktor Orbán allerdings wieder zurückgenommen.Die jüngste Entscheidung im Fall Khan markiert eine Zäsur. Der Chefankläger hatte sein Amt bislang freiwillig ruhen lassen – nun ist er offiziell suspendiert. Über seine Rückkehr entscheidet nicht mehr er selbst, sondern die 125 Mitgliedstaaten des Internationalen Strafgerichtshofes per Mehrheitsbeschluss. War Khan Opfer einer Kampagne, weil er es wagte, gegen die israelische Führung zu ermitteln? Oder ein Täter, der sich hinter den Erfolgen seiner Amtszeit versteckt?Der Ausgang der Abstimmung gilt als offen, auch weil rechtliche und politische Erwägungen miteinander vermischt werden. Die Abstimmung könnte einen Keil zwischen die Mitgliedsstaaten treiben, die in Bezug auf Israel unterschiedliche Positionen vertreten. In Den Haag hoffen manche daher auf einen freiwilligen Rücktritt Khans. Doch das gilt als unwahrscheinlich. Der frühere Strafverteidiger war bekannt dafür, seine Mandanten stets mit harten Bandagen zu verteidigen – das dürfte auch in eigener Sache gelten.In Den Haag geht es aber nicht nur um die persönliche Zukunft des Chefanklägers, sondern auch um die Integrität des Gerichts. Der Internationale Strafgerichtshof, angetreten, um Straflosigkeit zu beenden, kann sich keine Lähmung von innen leisten. Der Schwung, den Khan zu Beginn seiner Amtszeit mitbrachte, hat spürbar nachgelassen. Die Institution war zuletzt vor allem mit sich selbst beschäftigt. Währenddessen gingen die Kriege weiter – und mit ihnen die Zahl möglicher Verbrechen, für die das Gericht zuständig wäre.
Warum Putin-Ankläger Karim Khan von einer Kampagne spricht
Der Internationale Strafgerichtshof hat seinen Chefankläger Karim Khan suspendiert. Der Jurist, der Putin und Netanjahu anklagte, spricht von einer Kampagne.








