China wünscht sich einen florierenden Mittelstand und orientiert sich dabei an der Bundesrepublik. Während der Handelsstreit zwischen Brüssel und Peking zu eskalieren droht, umwirbt das Land deutsche Weltmarktführer, von denen viele aus der Region um die baden-württembergische Stadt Schwäbisch Hall stammen. Gerade erst war eine Gruppe Unternehmer aus dem deutschen Südwesten in Fernost, begleitet von einem ehemaligen Bundesminister. Doch dazu später mehr.Für Peking ist die Motivation klar: Erfolgreiche kleine und mittelgroße Unternehmen hervorzubringen, hat die Führung schon länger zum offiziellen Wirtschaftspolitikziel erhoben. In der Industriestrategie „Made in China 2025“, die sie im Jahr 2015 vorgestellt hatte, ist von einer Gruppe spezialisierter „Little Giants“, also „Kleiner Riesen“, die Rede. Unter diesen Begriff fasst Peking solche Unternehmen, die in Deutschland als „Hidden Champions“ bekannt sind: Hoch spezialisierte kleine und mittelgroße Anbieter, die in ihrem Segment führend in der Welt sind.„Die Little Giants sind definitiv von den Hidden Champions inspiriert“, sagt Hermann Simon der F.A.Z. Er ist der wohl bekannteste deutsche Managementdenker, Gründer der Unternehmensberatung Simon-Kucher und Partners und derjenige, der den Begriff der „Hidden Champions“ einst erfand und global vermarktete. Viele Dutzend Male bereiste er die Volksrepublik, seine auf Mandarin übersetzten Bücher hätten sich dort mehr als zwei Millionen Mal verkauft, sagt er. Auch mit chinesischen Behörden wie der Investitionsförderungsgesellschaft der Volksrepublik hatte er nach eigener Auskunft viel zu tun.Peking setzt aus mehreren Gründen auf den Mittelstand. Einerseits soll sich mit seiner Hilfe die technologische Unabhängigkeit des Landes erhöhen. Die „Kleinen Riesen“ sollen die Lieferketten widerstandsfähiger machen, hieß es in einer Mitteilung des Finanzministeriums aus dem Juni 2024. Im neuen Fünfjahresplan, den Peking Anfang März verabschiedet hat, ist von „Kleinen Riesen“ zwar nicht direkt die Rede, stattdessen aber von weiterer „Unterstützung für die Entwicklung von technologieorientierten kleinen und mittelständischen Unternehmen“.Die Weltmarktführer aus Schwäbisch HallHäufig sind es gerade kleinere Unternehmen mit ihren Produkten, die eine Lieferkette vervollständigen und sicherstellen, dass kein Bauteil aus dem Ausland benötigt wird. Peking verfolgt diese Strategie spätestens, seitdem die Vereinigten Staaten vor knapp einem Jahrzehnt begonnen haben, China von Hochtechnologie abzuschneiden. Entsprechend gehören laut Analysen etwa der Berliner China-Denkfabrik Merics rund vier Fünftel der chinesischen „Kleinen Riesen“ solchen Industrien an, die „Made in China 2025“ als Schlüsselbranchen definiert. Im Ausschreibungsdokument für das diesjährige „Kleine Riesen“-Programm des Pekinger Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie lautet eine Bedingung, das Produkt des „Kleinen Riesen“ müsse ein „Schlüsselglied der industriellen Kette“ sein und „die Resilienz und Sicherheit der Lieferkette erhöhen“.Gerade die deutschen kleinen und mittelgroßen „Hidden Champions“ sind für Peking als Rollenvorbilder und potentielle Investoren aber noch in einer anderen Hinsicht interessant. Sie existieren häufig abseits der wirtschaftlichen Ballungszentren, im eher ländlichen Raum, sind in ihrer Nische dennoch überaus erfolgreich und profitabel – und schaffen gut bezahlte Arbeitsplätze. Alle genannten Eigenschaften passen zu Pekings wirtschaftlichen Zielsetzungen, die sich etwa hinter Begriffen wie „qualitatives Wachstum“ verbergen, oder hinter dem Wunsch, den gewachsenen Wohlstand besser im Land zu verteilen, zumal abseits hoch entwickelter Regionen wie dem Großraum Shanghai oder dem Technologiezentrum Shenzhen.Als ein Vorbild gilt den Chinesen schon länger der Raum um Schwäbisch Hall. Dort initiierte der frühere baden-württembergische Wirtschaftsminister Walter Döring (FDP) einst das „Gipfeltreffen der Weltmarktführer“, ein jährliches Treffen erfolgreicher „Hidden Champions“ sozusagen. Inzwischen gibt es davon inspirierte Konferenzen auch in Fernost. Döring reiste gerade wieder mit Unternehmern und Wissenschaftlern vorwiegend aus seiner Heimatregion dorthin – just während die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) mit einer Delegation Konzernmanager auf Staatsbesuch in China war, und in einem Umfeld, in dem es handfesten Streit gibt zwischen Brüssel und Peking über die Handelsbeziehung der beiden Blöcke.Dem schwachen Wachstum daheim entkommen?Nicht nur China ist interessiert an den deutschen Unternehmern, diese sind auch interessiert an China. Aus durchaus unterschiedlichen Motiven. Manche wollen ihren Erfolg in Deutschland und Europa auf dem riesigen chinesischen Markt fortsetzen und die eigene Produktion weiter skalieren. Andere sind dort längst aktiv und denken darüber nach, ihr Engagement auszubauen und beispielsweise neben einem lokalen Vertrieb auch eine lokale Produktion zu errichten. Wieder andere hoffen, dem schwachen Wirtschaftswachstum hierzulande und den im internationalen Vergleich hohen Energiepreisen zu entkommen – und beides durch Verkäufe und Fertigung in China zumindest teilweise zu kompensieren. Und manche wollen sich ergebnisoffen einfach ein erstes eigenes Bild machen von einem Markt, der längst nicht mehr bloß Werkbank der Welt ist, sondern zunehmend den technologischen Takt vorgibt.Aber ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür? Während die europäische Politik vermehrt Risiken im Umgang mit China thematisiert, gehört Döring zu denjenigen, die weiter zu umfassendem wirtschaftlichem Austausch raten. „Die zweitgrößte und die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt können sich nicht entkoppeln“, sagt er, „zumindest nicht, wenn sie die zweitgrößte und drittgrößte Volkswirtschaft der Welt bleiben wollen“. Und dieses gerade auch, weil sich ein „traditioneller Handelspartner fatalerweise als unzuverlässig erweist“, ergänzt er, und meint damit die Vereinigten Staaten unter ihrem Präsidenten Donald Trump.Ähnlich äußert sich der frühere deutsche Verkehrs- und Digitalminister Volker Wissing, der Dörings Gruppe begleitet hat. Beide glauben weiterhin, dass Handel nicht nur wirtschaftlich hilft, sondern langfristig auch politisch stabilisierend wirkt. Immer noch. Und dass die Erfahrungen, die Deutschland mit Russland und der hohen Abhängigkeit von russischem Gas gemacht hat, nicht auf China übertragbar seien. Weil China viel stärker wirtschaftlich orientiert und an seiner eigenen Weiterentwicklung interessiert sei. Und auch sonst eher wenig gemein habe mit Russland.Volkswagen, Siemens und SchulerDöring wird in China angehört. Dem für Europa zuständigen Vizehandelsminister Ling Ji sagt er, dass chinesische Unternehmen auch mehr in Deutschland investieren sollten, wenn die deutschen Betriebe ihr Engagement in China ausweiten. Das dürfe keine Einbahnstraße sein. Auch über Seltene Erden spricht er und mahnt, diese nicht als Druckmittel einzusetzen.Wie sehr Peking die kleinen und mittelgroßen Unternehmen umwirbt, zeigt sich indes nicht allein in der chinesischen Hauptstadt. Sondern beispielsweise auch in Yangzhou. Die Stadt mit ihren mehr als viereinhalb Millionen Einwohnern liegt im Mündungsdelta des Jangtse-Flusses, etwa 1000 Kilometer von Peking entfernt. Sie war schon im chinesischen Altertum wirtschaftlich bedeutend, weil dort der antike Kaiserkanal entlangführt, eine wichtige künstliche Wasserstraße, die den Süden mit dem Norden Chinas verband. Der frühere chinesische Staats- und Parteichef Jiang Zemin wurde in Yangzhou geboren.Heute ist Yangzhou einerseits ein beliebtes Touristenziel aufgrund einer Vielzahl traditioneller Sehenswürdigkeiten. Und andererseits ein Industriestandort auch für große deutsche Unternehmen: Volkswagen betreibt dort mit dem chinesischen Partner Saic eine hochmoderne Fertigung, Siemens und der Pressenhersteller Schuler ebenso. Für kleine und mittelgroße Unternehmen entsteht gegenwärtig ein eigener Industriepark mit entsprechender Infrastruktur, in den sie sich günstig einmieten können sollen.Als ein Zeichen des großen Interesses, Respekts und der Gastfreundschaft empfängt die komplette Stadtführung von Yangzhou die deutschen Unternehmer mit einem staatsempfangsähnlichen Festakt. Dabei sind allen voran der Parteisekretär Wang Jinjian (die Nummer 1), der Oberbürgermeister Zheng Haitao (die Nummer 2) sowie ihre jeweiligen Stellvertreter und Büroleiter. Aus Frankfurt lässt sich der chinesische Generalkonsul Huang Yiyang zuschalten, der sich beherzt für mehr wirtschaftlichen Austausch engagiert und unter anderem schon mehrfach auf der Mittelständlerkonferenz in Schwäbisch Hall gesprochen hat. „Deutschland ist unser wichtigster Handelspartner“, sagt Yangzhous Parteisekretär Wang. „In Zeiten, in denen die Unsicherheiten auf der Welt zunehmen, ist es wichtig, Freundschaften zu vertiefen“, sagt der deutsche Ex-Minister Wissing.Sie wünschen einen freieren KapitalverkehrDie deutschen Unternehmen sehen beides, Chancen und Risiken. Sie haben den gewaltigen Absatzmarkt vor Augen, der noch lange nicht gesättigt ist, die mitunter deutlich günstigeren Lohn- und Stromkosten, die moderne Zahlungsinfrastruktur oder das Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnnetz. Sie sorgen sich aber auch darum, wie sicher geschlossene Verträge wirklich sind, ob ihr geistiges Eigentum wirklich geschützt ist und Verstöße dagegen einklagbar sind – trotz gesetzlicher Fortschritte in diesem Bereich in den zurückliegenden Jahren. Und natürlich wünschen sie auch einen weniger regulierten Kapitalverkehr.Es sei wichtig, sich auf dem chinesischen Markt zu messen, weil dieser wie ein unternehmerisches Fitnessstudio sei, ist zu hören. Aber auch, dass China nicht tauge, um ein in Not geratenes deutsches Unternehmen zu sanieren – eben weil der Wettbewerb zu groß sei.Wettbewerb ist auch das Mittel der Wahl für Peking, um mehr Mittelständler anzulocken, der Wettbewerb der Gebietskörperschaften. Die Lokalregierungen in China buhlen um die Ansiedlungen der kleinen und mittelgroßen Unternehmen und bieten großzügige Steuererleichterungen, vergünstigte Fabrikstandorte oder Mietzuschüsse für Mitarbeiter. Auch im „Kleine Riesen“-Programm stehen die Lokalregierungen im Wettbewerb untereinander, damit ihre Unternehmen die Förderung erhalten.„Die chinesischen Hidden Champions sind die schärfsten Konkurrenten der deutschen“, sagt seinerseits der erfahrene Unternehmensberater Hermann Simon. In Deutschland zählt er aktuell rund 1600 „Hidden Champions“, für China rund 300, wobei er die Liste für die Volksrepublik eher zufällig führt. In China gab es laut offiziellen Angaben zuletzt 17.600 Unternehmen, die den Titel „kleine Riesen“ tragen. Peking übertraf damit das selbst gesteckte Ziel von 10.000 Unternehmen bis zum Jahr 2025 deutlich.Die Definitionen unterscheiden sich aber und sind deshalb nicht vergleichbar. Die „Hidden Champions“ müssten in ihrem Segment zu den Top drei in der Welt zählen, sagt Simon. Für das diesjährige „Kleine Riesen-Programm“ des Pekinger Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie reicht dagegen eine Positionierung in den Top drei in China. So steht es in den Ausschreibungsunterlagen für das „Kleine Riesen“-Programm.Angesichts des industriellen Aufstiegs der Volksrepublik führe für Deutschlands „Hidden Champions“ kein Weg am Reich der Mitte vorbei, findet Simon. „Für Hidden Champions ist der Standort China unverzichtbar.“ Das gelte nicht mehr nur wie früher für den Absatz, sondern längst auch für die Produktion und die Forschung und Entwicklung. Manche deutsche „Hidden Champions“, etwa aus dem Bergbau, hätten ihre gesamte Wertschöpfungskette längst nach China verlegt. Er erzählt von einem deutschen Mittelständler, der sein KI-Zentrum in China aufgebaut hat, weil die notwendigen Daten dort viel besser verfügbar seien und der Datenschutz weniger Probleme mache. Für viele Unternehmen werde China auch zum Testmarkt. „Chinesische Verbraucher nehmen Innovationen schneller an als wir zögerlichen Deutschen.“