PfadnavigationHomeSportFußballWMDeutschlands AnführerKimmich sieht große Unterschiede zu den vergangenen TurnierenStand: 20:01 UhrLesedauer: 7 MinutenNach dem 7:1-Auftaktsieg der DFB-Elf gegen Curacao spricht Ex-Nationalspieler Jens Lehmann von einem „rundum guten Tag“. Ein so hoher Sieg könne allerdings auch trügerisch sein. „Das kann von hoch auf tief gehen und wieder zurück“, so Lehmann.Joshua Kimmich spielt seine erste WM als Kapitän. Deutschlands Anführer will diesen Titel mit Haut und Haaren, es geht um die Vollendung einer außergewöhnlichen Karriere. Kann das klappen? Kimmich sieht klare Anzeichen.Hätte Joshua Kimmich Recht, würde es diesen Text nicht geben. Der Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft hatte wie seine Kollegen am Dienstag frei – mit Ausnahme einer Pressekonferenz am Vormittag, für die er eingeteilt war. „Habt ihr Tipps für den freien Tag?“, fragte Kimmich vom Podium aus die deutschen Reporter im Hörsaal der Wake Forest University bei Winston-Salem, auf deren Gelände die Mannschaft trainiert. „Ihr habt doch alle Urlaub!“ Er grinste. Gelächter im Saal.Die WELT-Reporter haben wie die Kollegen der anderen Medien keinen Urlaub. Und erlebten einen aufgeräumten und optimistischen Mannschaftsführer, der in Bezug auf sein Team auch kritische Punkte ansprach. Einen Kapitän, der einen umstrittenen Star in Schutz nahm.Kimmich führt bei seiner dritten WM die Nationalmannschaft erstmals als Kapitän an. Er hat 111 Länderspiele absolviert. Mit 31 Jahren. Kimmich könnte Lothar Matthäus (150 Spiele) eines Tages als Rekordnationalspieler ablösen. Aber er hat noch nie ein K.o.-Spiel bei einer WM erlebt. „Man jagt nicht diese 150 Länderspiele, wobei das schon eine Marke ist, die man im Kopf hat“, so Kimmich.Der Schlüsselspieler des FC Bayern ist 1995 geboren. Er ist der Anführer dieser einst als golden bezeichneten Generation um diesen Jahrgang. Zu ihm zählen auch Mittelfeldprofi Leon Goretzka und Innenverteidiger Jonathan Tah. Längst nicht mehr in der Nationalelf dabei sind Abwehrprofi Niklas Süle oder Stürmer Timo Werner. 2017 gewann diese Generation den Confed Cup, ihre Bilanz bei den wirklich wichtigen Turnieren ist aber mies.„Es werden Prüfsteine auf uns zukommen“Ein Auftaktsieg ist etwas Neues für Kimmich. Bei den WM-Desastern 2018 in Russland (0:1 gegen Mexiko) und 2022 in Katar (1:2 gegen Japan) verlor er mit Deutschland jeweils die erste Partie. „Ich habe Angst, in ein Loch zu fallen“, sagte er vor vier Jahren. Die Befürchtung wurde nicht Realität. Doch er wird natürlich weiter mit den Misserfolgen assoziiert. „Ums Ausmerzen geht es eigentlich überhaupt nicht. Wir wissen, wie die letzten Turniere waren. Ich weiß es. Es ist eine neue Chance“, sagte Kimmich zu dieser WM. Lesen Sie auchNach dem 7:1 gegen Curaçao ist quasi schon sicher, dass er beim XXL-Turnier in Kanada, Mexiko und den USA erstmals ein Spiel in der K.o.-Runde erleben wird. Doch er warnte davor, den Kantersieg zu hochzuhängen: „Wir haben das erste Spiel gemacht gegen einen Gegner, der nicht Weltklasse-Niveau hat. Es werden Prüfsteine auf uns zukommen, an denen man erkennen kann, wo wir stehen.“ Lesen Sie auchSchon für die zweite Gruppenpartie am Samstag (22.00 Uhr/ZDF, MagentaTV und Liveticker bei WELT) in Toronto gegen die Elfenbeinküste mahnte Kimmich defensive Aufmerksamkeit an: „Wir müssen an der Stabilität arbeiten und weniger Gegentore bekommen.“ Der Treffer von Außenseiter Curaçao hätte trotz des letztlich klaren Resultats nicht fallen dürfen. Kimmich tut alles, um seiner Nationalelf-Vita ein Happy End zu verpassen. Er weiß, „dass du den Turniererfolg nicht zu hundert Prozent beeinflussen kannst“. Doch alles, was er beeinflussen kann, will er perfekt machen.Für Rudi Völler ist es die fünfte WM. Er war als Spieler dabei, als Teamchef, jetzt als Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). „Jo Kimmich ist der Fahnenträger für uns alle“, sagt der 66-Jährige. Kimmich sei „das Sprachrohr“ des Bundestrainers. Julian Nagelsmann sagt, Kimmich „ist mein Leader.“ Ein Spieler als Vorbild für alle im Kader.Kimmich liest den Bestseller „Belonging“ Kimmichs Karriere verlief bislang beeindruckend. 2015 wechselte er aus der zweiten Liga von RB Leipzig nach München. Und entwickelte sich zum Weltklasse-Spieler. Der „Spiegel“ bezeichnet Kimmich wegen der fehlenden Erfolge mit Deutschland als „den Unvollendeten.“ Beim FC Bayern glänzt er als Lenker im zentralen Mittelfeld und gewinnt mit dem Klub viele Titel. In der Nationalmannschaft stellt ihn Nagelsmann als rechten Verteidiger auf. Auf der Außenbahn agiert er mitunter als verkappter Spielmacher. Seine Rolle ist über die Seitenlinie hinaus eine sehr wichtige. Dienstag trug Kimmich ein Buch in seinem Rucksack mit sich, in dem es um das Funktionieren von Gruppen geht: den Bestseller „Belonging“ von Owen Eastwood. Untertitel: „Entfessle dein Potential mit dem uralten Code der Zusammengehörigkeit“.Kimmich wurde auf der Pressekonferenz auch zu dem umstrittenen Leroy Sané gefragt. Der Offensivstar von Galatasaray Istanbul überzeugte beim 7:1 nicht alle Zuschauer. „Das finde ich nicht so verständlich“, sagte Kimmich über die öffentliche Kritik an Sané. „Ich verstehe die Kritik nach einem 7:1 nicht.“ Er lobte die positive Körpersprache seines Kollegen: „Wie er sich freut, wenn wir Tore machen.“ Sané sei im Spiel sehr aktiv gewesen. „Ich fand ihn extrem engagiert, vor allem bei seinem Umschaltverhalten. Er hat mich nie allein gelassen, ist immer zurückgesprintet.“ Sané habe „aus Mannschaftssicht ein gutes Spiel gemacht“.Natürlich sei es cool, „wenn er jedes Spiel drei Tore macht. Wichtig aber ist, dass wir das intern als Mannschaft und auch der Trainer nicht nur daran bemessen.“ Es gäbe auch andere Aufgaben, die Sané zu erfüllen habe. Das habe Sané getan. „Bei Ballverlust hat er immer versucht, schnell wieder hinter den Ball zu kommen. Das hat er sehr, sehr gut gemacht.“Für Kimmich, den 30-jährigen Sané und den 40-jährigen Rückkehrer Manuel Neuer könnte es die letzte Chance sein, eine WM zu gewinnen. Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger waren nur wenig jünger als Kimmich, als sie 2014 den WM-Titel gewannen. Um die beiden wuchs damals eine Generation zu Topspielern heran, allen voran Mesut Özil, Toni Kroos und Sami Khedira.Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify oder Apple Podcasts.Jetzt spielen wieder Jungstars in der Nationalelf, die eine Ära prägen können, wie Florian Wirtz und Jamal Musiala. Dazu junge Spieler wie Nathaniel Brown, für den es wie für Wirtz die erste WM ist. „Was wir seit 2018 nicht hinbekommen haben ...“WELT fragte Kimmich, ob diese Mischung die Mannschaft weit tragen könne. Der Kapitän antwortete: „Ich habe wirklich seit ein paar Monaten wieder das Gefühl, dass eine Mannschaft zusammenwachsen kann, die sich auch über die nächsten Jahre zusammen entwickelt. Da sind einfach junge Spieler, in die ich das Vertrauen habe, dass sie auch in zwei, drei Jahren noch da sind. Die sich dahin entwickeln, dann auch eine feste Säule der Mannschaft zu werden. Und das war so ein bisschen das, was wir nicht so hinbekommen haben nach 2018.“ Kimmich sagte zudem: „Wir haben eine neue Mannschaft, wir haben neue Voraussetzungen.“ Lesen Sie auchDen größten Unterschied zu früheren Turnieren sieht der Kapitän in der Mentalität. 2018 habe man trotz vieler Weltmeister die richtige Mischung vermisst – diesmal hätten außer Neuer alle noch nichts mit der Nationalmannschaft gewonnen. „Wir haben den Hunger drin“, betonte er. Die Stimmung innerhalb der Mannschaft sei gut. „Es ist jetzt nicht so, dass es jeden Tag Friede, Freude, Eierkuchen ist. Ich glaube, das muss es auch gar nicht sein. Aber man hat schon das Gefühl, dass wir uns alle gut miteinander verstehen und jeder dazu da ist, um an dem großen Ziel zu arbeiten.“In den vergangenen Tagen telefonierte Kimmich mit Friedrich Merz. Die Message des Regierungschefs gefiel ihm. „Es geht um diese Botschaft, dass man sagt, ja, man drückt die Daumen von zu Hause. Das ist auch das, was wir sehr gut gebrauchen können. Viele, viele gedrückte Daumen und deswegen freuen wir uns natürlich auch, wenn der Kanzler sich dann die Zeit nimmt und kurz anruft.“Joshua Kimmich lehnte Angebot von PSG abKimmich hat seinen Vertrag beim FC Bayern nach langem Überlegen und trotz eines lukrativen Angebots von Paris St. Germain bis 30. Juni 2029 verlängert. Dann wird er 34 Jahre sein. Er will in Erinnerung bleiben – nicht ausschließlich als Fußballer. Kimmich will für Werte stehen. Und denkt bereits an die Zeit nach seiner Karriere. Er hat sich online bei einem Karriere-Netzwerk angemeldet. Vor allem aber hat Kimmich erstmal ein Ziel – nicht nur, aber auch als Weltmeister 2026 in Erinnerung zu bleiben. Und einen Tipp für den freien Tag bekam er von einem Journalisten auch noch – das indische Restaurant in Downtown sei gut. „Okay“, sagte Kimmich und grinste.Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit vielen Jahren über die Nationalmannschaft. Seit zwei Wochen sind sie für die Redaktion in den USA und schreiben von dort aus über die WM-Vorbereitung der deutschen Auswahl.