Bei Joachim Löws Rasenmischung sprießten in Russland nicht einmal grüne Spitzen. Groß war beim Vorrundenaus nur die Selbstüberschätzung. Als der nun 31 Jahre alte Kimmich nach dem ersten Spiel bei seiner dritten WM noch einmal auf die drei Spiele seiner ersten WM zurückschaute und über seinen Gedanken von 2018 sprach, stellte er fest: „Am Ende hat uns die Mischung nicht viel geholfen.“ Die Mischung macht’s – nur welche?Wer den Blick in die Historie der deutschen Nationalmannschaft noch mehr weitet als Kimmich, erkennt die Unterschiede in den Altersstrukturen der WM-Kader. Der Durchschnitt der Mannschaft von 2010 war mit 24,8 Jahren besonders jung: Thomas Müller, Mesut Özil, Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Sami Khedira und Toni Kroos spielten damals ihre erste WM.Vier Jahre danach bildeten sie, mit Mats Hummels, den Kern; dazu kamen Erfahrene wie Miroslav Klose, Philipp Lahm, Per Mertesacker und Bastian Schweinsteiger, die schon bei der Heim-WM 2006 im Spiel waren. Bei einem Durchschnitt von 25,8 Jahren erwies sich die Mischung aus hochtalentierten, zudem auf höchstem Niveau erfahrenen Spielern in den Mittzwanzigern und dem Gerüst aus Älteren als ideal für einen Titelgewinn – aber nicht für einen zweiten 2018.Die richtige Mischung für den WM-Titel: 2014 gewann Deutschland den Pokal in Rio de Janeiro.dpaDen Kern der ersten Kimmich-WM bildeten die Weltmeister, die aber um vier Jahre gealtert waren. Im Durchschnitt waren die Spieler, die erstmals in der Historie der Nationalmannschaft schon in der Vorrunde scheiterten, 27,1 Jahre alt. Der Wert erhöhte sich beim Debakel von 2022 noch einmal auf 28 Jahre – also im Schnitt mehr als drei Jahre älter als 2010.Bei dieser WM stagniert der Wert im Vergleich zu Qatar, was auch am nun 40 Jahre alten Neuer liegt. Passt die Mischung also schon wieder nicht für einen gedeihlichen Fußballsommer? Wenn Kapitän Kimmich auf seine Mitspieler schaut, hat er trotz der negativen Erfahrung positive Gedanken. Denn die Mischung einer Mannschaft besteht für ihn aus mehr als nur Geburtsdaten – von Neuer, Jahrgang 1986, bis Assan Ouédraogo, 2006.Oliver Baumann: „Wenn du willst, stelle ich mich rein“Kimmich nimmt einen „besonderen Hunger“ wahr. „Außer Manu haben wir nur Spieler im Kader, die mit der Nationalmannschaft noch nichts gewonnen haben.“ 17 von 26 Nationalspielern erleben gerade ihre erste WM. 2022 und 2018 waren es jeweils elf, 2014 zehn, 2010 zwölf – wobei die Kader bis zum Turnier in Russland nur aus 23 Spielern bestanden.Kimmich spürt „bei den Jungs, dass sie glücklich sind, hier zu sein“. Wobei Hunger kein Alter kennt: Auch für den 36 Jahre alten Oliver Baumann ist es die erste WM. Er bot Kimmich beim Frühstück am freien Tag seine Dienste an: „Wenn du willst, dass wir Torschuss machen, dann stelle ich mich rein.“Doch reicht großer Hunger für satten Erfolg? Der Bundestrainer sieht in seinem Aufgebot eine „interessante Mischung“. Für ihn kommt es eher auf Charaktere als auf das Alter an, wie er bei der Kadervorstellung sagte: „Du brauchst ein paar positiv Verrückte. Aber auch ein paar Ruhigere.“Und einen starken Kern. Der Bundestrainer nannte auf die entsprechende F.A.Z.-Frage Kimmich, Neuer, Florian Wirtz, Jamal Musiala und Kai Havertz als „zentrale Figuren“. Sie bilden das Gerüst, das Nagelsmann in seinen vergangenen drei Jahren als Bundestrainer gebaut hat; sie sollen den besonderen Anforderungen dieser WM standhalten.Antonio Rüdiger: „Die Jungen helfen, jünger zu bleiben“Neben Havertz, 27 Jahre alt, und Wirtz wie Musiala, jeweils 23, bildeten Felix Nmecha, 25, und Aleksandar Pavlović, 22, den Kern der Startelf beim 7:1-Start gegen Curaçao. Spieler, die die Phantasie beflügeln, aber nicht alle auf Weltklasseniveau sind wie der größere Kern der Weltmeister. Noch nicht.Aber sie wirken auf die Älteren. „Die Jungen helfen, jünger zu bleiben. Es ist ein sehr guter Mix“, sagte Antonio Rüdiger, 33. „Die jungen Hüpfer sind sehr, sehr weit für ihr Alter.“ Diese Mannschaft scheint dennoch eher mit der noch aufsteigenden von 2010 als mit der auf dem Gipfel angekommenen von 2014 vergleichbar: eine Mannschaft im Werden, noch keine im Sein.So ging es nicht weiter: Timo Werner, Lars Stindl und Leon Goretzka gewannen 2017 den Confed-Cup.AFPDiesen Eindruck teilt Kimmich. Seit ein paar Monaten habe er das „Gefühl, dass da eine Mannschaft zusammenwachsen kann“. Das habe frühere Generationen ausgezeichnet. Nun sieht er viele junge Spieler, die so gut sind, „dass sie auch in zwei, drei Jahren noch da sind und sich dahin entwickeln, dann eine feste Säule der Mannschaft zu werden“. Dieses Wachstum spürt einer dieser jungen Spieler wie Wirtz, der zwischen EM und WM in eine größere Rolle wuchs. „Ich glaube, dass das Team das von mir erwartet.“Es ist der Schritt, den die Generation Kimmich nicht ging. Kimmich und Leon Goretzka stehen im WM-Kader, andere wie Julian Brandt, Timo Werner, Niklas Süle, Jahrgang 1995 oder 1996, wuchsen nicht am Weltmeister-Gerüst und schufen eine Generationslücke in der Nationalmannschaft, eine Lücke mit erfolglosen Jahren, in denen der heutige Kapitän in seine Blütezeit kam. „Wir haben es nach 2018 nicht hinbekommen, dass wir übernehmen konnten und uns zu festen Säulen entwickeln konnten“, sagte Kimmich.In Winston-Salem, wo sich die Nationalelf auf das zweite WM-Spiel an diesem Samstag (22.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV) gegen die Elfenbeinküste vorbereitet, scheint eine Mischung gefunden, die zum Wachstum anregt. Fragt sich nur, ob sie die Größe für Großes erreicht – und das, noch bevor die geschrumpfte Generation Kimmich das Spielfeld verlässt.
Deutschland bei Fußball-WM 2026: Welche Mischung führt zum Erfolg?
17 von 26 deutschen Spielern erleben ihre erste WM, fast alle haben mit dem Nationalteam noch nichts gewonnen. Kapitän Kimmich spürt einen besonderen Ehrgeiz – doch packt es die nächste Generation?












