24 Minuten ließ sich Ralf Rangnick Zeit, bis er eine Nachricht verkündete, auf die das Fußballland Österreich sehnlich gehofft hatte. „Dejan Ljubicic hat die erste Nacht durchgeschlafen“, sagte der Teamchef, der den Schalker Mittelfeldspieler erst vor kurzer Zeit nachnominiert hatte, als Ersatz für den verletzten Christoph Baumgartner. Die Zeitumstellung aus der mittelösterreichischen Frühsommerzeit nach Kalifornien sei auch in diesem Fall optimal gelungen, zum Glück! So klar war das schließlich nicht, Österreichs letzte Fernreise zu einer Weltmeisterschaft is scho a Zeitl her. Aber in Santa Barbara, wo die Österreicher in einem feinen Etablissement der Hotelkette Ritz-Carlton residieren, geht es allen bestens, lautete der Bericht. Auch dem Teamchef, der wenige Tage vor dem Auftakt gegen Jordanien noch zu einer Sonderpressekonferenz gerufen hatte, auf der es natürlich nicht nur um die Tiefschlafphasen seiner Spieler ging.Man hatte sich in Österreich mal wieder sorgen dürfen in den vergangenen Wochen. Zumindest diejenigen Österreicher, die im Adria-Urlaub die Titelseiten der italienischen Sport-Gazetten erblickt hatten, wussten: Ein sehr wohlhabender, akut führungsloser Verein aus Mailand wollte den Teamchef über die Alpen lotsen. Die Gespräche zwischen Rangnick und der AC Milan waren in Italien bereits im Mai öffentlich geworden, Tag für Tag warben die Mailänder Hausblätter für den „Professore“ aus Deutschland. Und in Österreich ging es erneut um die Frage, die sich in Rangnicks Amtszeit schon öfter gestellt hatte: Geht er oder bleibt er? Der Trainer mit dem unverändert guten Ruf, den alle Jahre wieder ein internationaler Topverein angräbt.Die Antwort verkündete Rangnick am Samstag erst am Vormittag der Mannschaft, dann wurde die Öffentlichkeit daheim informiert, schließlich bekam die Presse die Möglichkeit für Fragen. Zu dieser Vertragsverlängerung bis 2028, die laut Rangnick innerhalb des Teams zu keinerlei „schmerzverzerrten Gesichtern“ geführt hatte. Und auch nicht in der Heimat, wo die Krone bei der Überschrift vor Schreck auf der Tastatur hängenblieb: „JAAA, Ralf Rangnick bleibt Teamchef“.„Glauben Sie nicht alles, was in irgendwelchen italienischen Zeitungen steht“Was hätte das für ein Drama werden können, wenn der Chef drei Tage vor dem ersten WM-Spiel seit 1998 verkündet hätte, dass er ab sofort parallel noch die AC Milan neu erfindet? So wurde es eine große Freude, erst recht bei all der Liebe zum Land: „Wenn ich mich nicht grundsätzlich in dieser Konstellation, in diesem Land wohlfühlen würde, würde ich hier schon länger nicht mehr sitzen“, sagte Rangnick, der stolze Anwohner am Obertrumer See im Salzburger Land, der im Alter von 67 Jahren mit viel Weisheit und Umsicht durch den Herbst seiner Karriere spaziert.Es war insofern verständlich, dass er sich den Umzug nach Mailand ersparte. Nicht nur, weil die Feinstaubbelastung in der Lombardei wesentlich höher ist als im Alpenvorland, sondern auch aufgrund der Umstände rund ums San Siro: Ein Verein bemühte sich dort um Rangnick, der derzeit so führungslos und chaotisch daherkommt, dass dem Vernehmen nach unter anderem professionelle Headhunter mit dem Findungsprozess für eine neue sportliche Führung beschäftigt sind. Rangnick bestätigte in seiner Pressekonferenz sowohl den grundsätzlichen Reiz der Aufgabe als auch die Gespräche vor einigen Wochen, wenngleich er den Erfindungsreichtum der italienischen Presse süffisant kommentierte. „Glauben Sie nicht alles, was in irgendwelchen italienischen Zeitungen steht“, warnte Rangnick die vor ihm versammelte österreichische Presse.Die AC Milan entpuppte sich offenbar als etwas unseriöser Verhandlungspartner und vermittelte „keine Klarheit“ vor dem WM-Start, was eine zentrale Forderung der Rangnick-Seite gewesen war. Die wahre Ironie der ganzen Geschichte allerdings ist, dass der Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) in diesem Licht auf einmal als überaus seriöser Verhandlungspartner dastand. Was in seiner Geschichte, aber auch in Rangnicks Amtszeit eher selten der Fall gewesen war.Ex-Politiker Pröll erkennt im Fußballtrainer Rangnick einen Visionär, mit dem sich Projekte anstoßen lassenDie nichtsportlichen Debatten mit dem Verband und seinen altehrwürdigen Landesfürsten hatten die Phase zwischen dem Achtelfinal-Aus bei der EM 2024 und der Weltmeisterschaft bestimmt, zwischenzeitlich schien das Tischtuch schon zerschnitten zu sein. Bis sich in Josef Pröll ein Retter für das Projekt Rangnick –Österreich fand: Der ehemalige Vizekanzler und Finanzminister ist seit April 2025 ÖFB-Präsident und in dieser Zeit für Rangnick ein so guter Freund geworden, dass dieser ihn verräterisch in einer Würdigung „Seppi“ nannte. Pröll erfüllte zuletzt offenbar mehr oder weniger im Alleingang alle Wünsche des Teamchefs: Er verlängerte nacheinander mit den wichtigen Mitarbeitern aus dem Staff und organisierte mithilfe mehrerer Sponsoren aus der Wirtschaft dem Vernehmen nach eine weitere Million Jahresgehalt für Rangnick (was einer Verdoppelung gleichkäme).Vor allem aber erkannte der Ex-Politiker Pröll im Fußballtrainer Rangnick einen Visionär, mit dem sich Projekte anstoßen lassen. So wie einst Cicero in seinen Reden immer mit der Forderung endete, dass übrigens Karthago zerstört werden müsse, so unermüdlich wirbt Rangnick in nahezu jeder öffentlichen Runde für den Bau einer „modernen Eventarena“ in Wien, die auch als neues Nationalstadion taugen soll. Pröll will ein solches Projekt ebenfalls umsetzen, genauso wie eine mögliche Ligareform. Und dann ist da ja noch die Nationalmannschaft.MeinungFußball-WM:Ein paar leere Plätze – und schon wird die Fifa nervösSie schläft gut, in Santa Barbara, die „goldene Generation“ Österreichs – aber ein bisserl ist auch die Frage: wie lange noch? Die Weltmeisterschaft soll im besten Fall die Renaissance einer kleinen Nation mit stolzer Fußballhistorie werden. Die Ahnenreihe aus unter anderem Happel 1954, Prohaska 1978 und Herzog 1998 sollen Alaba oder Arnautovic 2026 vervollständigen, zur Not auch Ljubicic, wenn der Jetlag sich nicht doch noch meldet. Aber danach? Folgt vermutlich ein Umbruch, der einen Moderator brauchen wird. Und so trist für Rangnick auch der Nations-League-Alltag im Herbst klingen mag (Terminhinweis: 4. Oktober, Kosovo, auswärts!), so sehr kann man ihm die Freude abkaufen, die er bei der vertrauensvollen Verbindung mit seinem Kader empfindet.Seit seinem Antritt im Juni 2022 hat Rangnick ein solides Fundament errichtet – fußballerisch zumindest, ob es für ein Stadion reicht, ist bisher nicht entschieden. Aber es ist vor allem Rangnick und seiner propagierten Spielweise zu verdanken, dass zu Hause alle überschnappen: 32 Prozent der Österreicher tippen laut einer ORF-Umfrage auf den Weltmeister Österreich. Das ist nur mit herrlichem Größenwahn zu erklären, der wiederum Rangnick natürlich ferner nicht liegen könnte. Bei aller Liebe zum Land, Leuten und Seen gelingt es ihm nämlich in entscheidenden Momenten auch, die Österreicher mit Nebensätzen auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.Zwischen den Themenblöcken Vertrag, Mailand und Infrastruktur blieb noch kurz Zeit für den ersten WM-Gegner am Dienstagabend (Ortszeit). Jordanien, sagte Rangnick, sei kein kleiner Gegner wie San Marino oder die Färöer: „Wobei sich Österreich selbst auf den Färöern schon mal schwergetan hat“, sagte Rangnick mit einem kleinen, süffisanten Lächeln auf den Lippen.