In Theaterkreisen erzählt man sich gern ein Bonmot über die zwei größten Fehler, die ein Schauspieler in seinem Leben begehen könne: Der erste Fehler sei es, Mitglied im Ensemble des Burgtheaters zu werden; der zweite Fehler sei es, das Ensemble des Burgtheaters wieder zu verlassen. Ähnlich verhielt es sich mit der Einladung Peter Thiels, auf die seine Ausladung folgte. Milo Rau beging beide Fehler.So hatte der Intendant der Wiener Festwochen den PayPal- und Palantir-Gründer nicht bloß dazu eingeladen, seine krude Gedankenwelt vor einer den kleinen Intelligenzskandal ungeduldig erwartenden Zuhörerschaft auszubreiten, sondern ihn nach einer Empörungswindböe anderer von den Festwochen zum öffentlichen Sprechen Eingeladener wieder ausgeladen. Am Ende blieben neben Thiel der französische Poststrukturalist und Mélenchon-Unterstützer Geoffroy de Lagasnerie sowie die Theaterwissenschaftlerin Evelyn Annuß weg. Ersatzweise bewältigten die Politologin und Aktivistin Monika Mokre sowie die Kulturtheoretikerin Christina von Braun das mit Rau geplante Podium zum Themenkomplex „Krise der Demokratie – Widerstand der Kunst?“.Doch auch hier, in einem tief in der zweiten Etage eines Hofburgflügels versteckten Saal, ging es nicht um das Problem, wie Künste und Wissenschaften Herausforderungen von rechts entgegentreten sollten, sondern weiterhin um Thiels Ein- und Ausladung sowie um Raus Ansätze zu politischen Endzeitszenarien. Der Intendant der Festwochen sah in den „neuen Faschisten“, als die Thiel, Musk und andere im Silicon Valley nun gelten, keine „charismatischen Führer mehr, sondern nur noch angsterfüllte Nerds“, uns als Publikum „schon fast ganz im autoritären Raum des Binären gefangen“ und fand darin keine Übereinstimmung mit seinen auf Dichotomie basierenden Tribunalen moralischer Gerechtigkeit.Die Krise der Demokratie ist auch eine Krise der ElitenChristina von Braun widersetzte sich gelassen dieser farbigen Schwarz-Weiß-Malerei. Fast ungehört warf sie Begriffe wie Ambivalenzfähigkeit, Ironie und die Kompetenzen der „Night Science“ in den Raum, die Fähigkeit zu ungeordneter Ideenfindung, die KI abgehe, und verwies auf den paranoiden Charakter der Techgiganten, der ihre Angst demaskiere.Sie blieb auch in dem am Abend folgenden Gespräch auf dem Wiener Badeschiff die Einzige mit klugen Anstößen zu Verständnis und historischem Kontext technologischer Revolutionen und einer Bedeutungsanalyse der Evolution, während ihr Gesprächspartner, der Theologe Wolfgang Palaver, über die Kryptogedanken des Kryptowährungserfinders Thiel referierte. Indessen erklärte von Braun, warum Glaubenssysteme auf Dogmatismus angewiesen sind, kooperative Gesellschaften aber auf Vertrauen beruhen und was das mit unserem Rüstzeug gegen technologische Gefahren zu tun hat. Das Einzige, das uns fehle, so von Braun, sei das selbstbewusste Narrativ: „Ihr habt keine Chance.“Mit diesem Abend waren die Thiel-Festspiele beendet, das zweite Podium in der Hofburg konnte sich ganz seinem eigentlichen Gegenstand widmen. Die Schriftstellerin Julya Rabinowich eröffnete mit einem feinsinnigen Vortrag über Wahrheit und Widerständigkeit in der Literatur, im Anschluss formulierten vier Institutionsleiter Gedanken zu ihrer politischen Verantwortung. Stefan Herheim, Chef des Musiktheaters an der Wien, beklagte die Untergrabung der Häuser durch Fördermittelentzug, die Leiterin des Festivals Steirischer Herbst, Ekaterina Degot, erkannte immerhin, wie stark die Krise der Demokratie mit der Problematisierung von Eliten zu tun habe, doch allzu vieles blieb im Ungefähren.Damit ähnelte die Debatte der neuen Produktion „Credere alle maschere“ / „An Masken glauben“ von Romeo Castellucci, sie kam für ihre Assoziationsbeliebigkeit jedoch ohne ein gesprochenes Wort aus. Die 40 Besucher erhielten je eine Maske, die ihnen ein fremdes Gesicht oft anderen Alters und Geschlechts verlieh. In der dreißigminütigen Performance sahen sie so maskiert zwei Männern zu, die wie Mitarbeiter eines Ausstellungsaufbaus regelmäßig ein neues Objekt vor eine weiße Wand stellten: einen ausgestopften Fuchs, ein Kruzifix, eine Gasflasche, die aufgedreht wird, ein Glas Milch. Darüber projiziert je ein zusammenhangloser Begriff: „Sonne“ (Gasflasche), „Pferd“ (Fuchs), „Regen“ (Kruzifix). Erst als ein Folterstuhl vor die Wand gestellt wird, ergibt sich eine Kongruenz mit seinem Begriff: „Stuhl“. Es setzten sich noch ein paar Maskierte auf den Stuhl, imitierten das Sterben durch einen Stromschlag, eine Frau zog ihn zur Seite, die Performance war zu Ende.Es ist unerheblich, ob einige der Akteure Mitarbeiter oder versierte Besucher Castelluccis waren, mehr als die Assoziation der Diskrepanz von Maske und Träger, Mensch und Persona, Abbildung und Abgebildetem hat der Abend nicht zu bieten. So passt „Credere alle maschere“ ganz gut zum politischen Programm des diesjährigen Festivals: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.
Romeo Castellucci bei den Wiener Festwochen
Auf den Wiener Festwochen diskutierte man über Peter Thiel statt mit ihm, dabei lieferte die Kulturtheoretikerin Christina von Braun kluge Anstöße. Mit einer banalen Performance des Regisseurs Romeo Castellucci neigt sich das Festival seinem Ende zu.







