Peter Thiel durfte nicht kommen. Und so gehen die Wiener Festwochen ihren gewohnten, vergleichsweise unpolitischen GangNach dem Aufruhr über die Teilnahme des umstrittenen Milliardärs widmete sich das Festival wieder den sinnlichen Seiten der Bühnenkunst. Der Intendant Milo Rau hat die Aufmerksamkeit erhalten, die er in seinem provokativen Schaffen sucht.Bernd Noack, Wien09.06.2026, 05.30 Uhr5 Leseminuten«Nicht um jeden Preis»: So begründete Milo Rau die Ausladung von Peter Thiel.Michela Di SavinoVielleicht wird man später einmal sagen, die Wiener Festwochen 2026 seien deshalb in aller Munde gewesen, weil ein Prominenter eingeladen worden war, der aber gar nicht da war. Der nicht kommen sollte. Die Rede ist von Peter Thiel, nicht eben ein künstlerisches Aushängeschild, aber ein Mann, bei dem die Erwähnung des Namens allein schon zieht, da er heftig polarisiert. Also viele auch abstösst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Thiel, rechtsliberaler Ideologe der Maga-Bewegung, Milliardär und Endzeitprophet, der für sich den Antichrist als erklärten Feind auserkoren hat, sollte an einer Diskussion teilnehmen. Die Proteste in der Öffentlichkeit, den Medien und in den eigenen Reihen der Festwochen gegen den Amerikaner waren jedoch so laut, inklusive Absagedrohungen, dass der Festivalleiter Milo Rau die Veranstaltung kurzfristig absagte.Öffentlich verkaufte Rau diese radikale Programmänderung als Erfolg für die Festwochen. Die Begründung des Schweizer Intendanten lautete «Nicht um jeden Preis». Er nehme die kritischen Stimmen «sehr ernst»: Würde er auf der Veranstaltung beharren, stünde dies im Widerspruch zu seiner Wertschätzung für das künstlerische Programm und alle daran Beteiligten. Er dürfte sich heimlich dennoch über die Proteste gefreut haben, die den Festwochen viel mediale Aufmerksamkeit bescherten.Auf GottessucheWer Milo Rau nach der Vorstellung von Robert Wilsons «The Tempest» im Burgtheater auf der Bühne sah und hörte, hätte meinen können, dass ihm tatsächlich nichts mehr wert sei als die kunstvolle, völlig unpolitische Unterhaltung. Rau schwärmte von Ästhetik, auf sie komme es bei dem Mega-Event an der Donau hauptsächlich an.Im dritten Jahr seiner Intendanz schien ohnehin der gesellschaftspolitische Anspruch des Schweizers etwas zu verwässern. Angetreten war er 2024 mit Pomp und Power, hatte gar im Staate Österreich eine «Freie Republik Wien» ausgerufen und organisierte unermüdlich lange Diskussionsreihen. Das eigentliche Programm kam einem bisweilen wie ein Nebenprodukt vor.In diesem Jahr war man nun in der «Republic of Gods» gelandet. Gott sei gar nicht tot, hiess es überraschend. Es lohne sich wieder, über den Glauben zu reden und zu streiten. Da hätte Peter Thiel mit seinen Apokalypsethesen prima gepasst. Es sollte nicht sein, alles hat seine Grenzen – das musste Rau erfahren. Und so zog sich die Gottessuche zwar wie ein roter Faden durch die Festwochen, ein eher dünner aber war es. Das Publikum wollte Kunst und weniger Diskurs. Und die bekam es.Eine Verneigung vor 75 Jahren BühnenkunstIm 75. Jahr ihres Bestehens kam die Veranstaltung ihrem ursprünglichen Motto wieder sehr entgegen. Zu ihren Anfängen hiess es, man wolle im Frühjahr «Lebensfreude und Zuversicht schenken» und ein «Fenster zur Welt» sein. «Strahlen» wolle man und zeigen, was in der so kunstverliebten Stadt Wien alles möglich sei.Rau versuchte, diese Gedanken aufzugreifen, indem er «Das beste Stück aller Zeiten» auf die Bühne brachte, das er selber geschrieben hatte und selber inszenierte und in dem er einige Höhepunkte der letzten 75 Jahre zitierte. Daraus wurde allerdings nur eine grossspurig-kurzweilige Erinnerungsrevue mit Bürgerbeteiligung und viel Pathos. Wie auch sollte eine Erfolgsgeschichte in 90 Minuten das unglaubliche Spektrum der Festwochen abbilden, an denen die hochkarätigsten Bühnenkünstler der Nachkriegszeit beteiligt waren?Das Pferd ist echt, sonst ist hier vieles Zitat: Szene aus «Das beste Stück aller Zeiten», geschrieben und inszeniert von Milo Rau.Inés BacherEs gibt kaum einen Theatermacher, der nicht seinen Beitrag hierzu geleistet hat. Aber zur Eröffnung in diesem Jahr sah man nur einen Abklatsch der Einmaligkeit. Also musste man sich an Altbewährte halten. An Robert Wilson zum Beispiel, einst Stammgast der Festwochen. Zu sehen und umjubelt war seine 2021 in Sofia entstandene Interpretation von Shakespeares «The Tempest», die bei dem im Juli 2025 verstorbenen Magier seltsam konfliktfrei daherkam. Was ihr keinesfalls schadete.Es war ein Abend, der einem den Glauben an das Theater zurückbrachte. Da erlebte man die pure Lust am Spiel mit Menschen, Licht, Farben und Geräuschen. Wie Marionetten betraten die Figuren die Szene, die sich mit Donnerknall und Blitzgewirr in ein unwirtliches Traumland verwandelte. Doch Prospero, der verbannte Herrscher, ist nicht zu Rache aufgelegt. Er will beruhigen, den Frieden herstellen, verzeihen. Wilson brachte die Schiffbrüchigen zum Tanzen, aus den kantigen Bewegungen wurde ein Fliessen, wer böse war, wurde gut, wo Chaos herrschte, wurde es paradiesisch – so einfach und doch so herrlich und zauberhaft ging es zu auf der Insel.Ein Fest der Sinne und SinnsucheNatürlich ist die Harmonie nicht durchwegs das Motto der Festwochen in diesem Jahr. Künstler wie Philippe Quesne mit seinen Vampir-Visionen, Florentina Holzinger mit ihrer Hermann-Nitsch-Hommage, Susanne Kennedy, die Wagners «Parsifal» mit archaischer Wucht ab Mitte Juni auf die Sprünge helfen wird, sorgten und sorgen für Höhepunkte, die man so geballt nur bei derartigen Festivals erleben kann. Daneben gab es kleine, feine Produktionen, die im Trubel zwischen Museumsquartier und Spielstätten wie Ruhezonen wirkten, weit verteilt über die Hauptstadt.Zum Raum wird hier die Zeit: Susanne Kennedys digital angereicherte Bilderwelten für Richard Wagners «Parsifal».Annemie-AugustijnsIm Augarten etwa gab es mit «Wallden» eine putzige Mischung aus Mittelaltermarkt und Kindergeburtstag, angerichtet mit postapokalyptischer Nibelungen-Treue von der Wiener Truppe Nesterval. Romeo Castellucci verpasste seinen Zuschauern Masken, hinter denen sie Emotionen verbergen konnten beim Anblick eines elektrischen Stuhls, auf dem wie zum Spass gestorben wurde.Performances, Sprechchöre, leise Operntöne und schrille Abenteuer, Patti Smith und «Tanzende Idioten» von Thorsten Lensing, dazu Schlingensief-Erinnerungen, museal aufbereitet: So ging es einmal durch die Theaterwelt und zurück. Geboten wurde ein Kaleidoskop der Illusionen und Realitäten, ein Fest der Sinne und der Sinnsuche.Standbild aus Christoph Schlingensiefs «The African Twin Towers» von 2005.Aino LaberenzDa mutete die Produktion «Mythen des Alltags» von Mattias Andersson mit Schauspielern des Volkstheaters und Laien zunächst altmodisch an. Und doch war es ein ungemein intensiver Abend, der den Alltag zum Ereignis machte. Basierend auf der Frage an Wiener, welche Situation aus ihrem Leben sie gerne einmal auf der Bühne dargestellt sehen wollten, gab das Stück Einblicke in Wünsche und Abgründe ganz normaler Bürger: Energiekosten, der Alltag eines Obdachlosen, ein nach Ruhm gierender Musiker, Asylbewerber, denen die einheimischen Sitten so fremd sind.Zwischen absurd und traurig, fremd und vertraut bewegten sich diese Geschichten, die improvisiert wirkten und doch etwas zusammenbrachten, was heute verloren scheint: Das Theater entdeckt den Menschen – und der Mensch traut dem Theater zu, dass es ihn, seine Sorgen und Freuden zeigen und interessant machen kann für ein grosses Publikum.Vielleicht war das gemeint 1951, als die Wiener Festwochen starteten: ein «Wiedererwachen auf kulturellem Gebiet», was damals die Absicht war. Dass sich daraus ein Nachdenken ergibt, das über Peter Thiels Endzeitphantasien und Angstszenarien hinausgeht, versteht sich von selbst.Passend zum Artikel
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