Bibelfesten Weinfreunden ist der Name des ersten Winzers wohlbekannt: „Noah aber, der Ackermann, pflanzte als Erster einen Weinberg,“ heißt es im ersten Buch Mose. So präzise ist die Wissenschaft nicht. Sie vermutete die Wiege des Weinbaus vage im östlichen Mittelmeerraum und dem Nahen Osten. Als sicher gilt, dass auf dem Gebiet des heutigen Israel schon vor 10.000 Jahren Wein angebaut wurde.Heute gilt Israel mit seiner Anbaufläche von rund 6000 Hektar – das ist nur rund das Doppelte des Rheingaus – und seinen weniger als 400 Erzeugern unter Weinkennern als spannender Exot. Denn die Qualität gerade der vielen kleineren Boutique-Weingütern ist respektabel. Israelische Winzer haben schon vor 20 Jahren begonnen, die Kontakte zu ihren deutschen Kollegen zu intensivieren. 2008 wurde die Initiative Twin Wineries gestartet: Winzer-Partnerschaften statt Städtepartnerschaften.Einige Weinberge als militärische Sperrzone ausgewiesenKnapp 30 deutsche und israelische Winzer haben auf diesem Weg bislang zueinandergefunden und pflegen den regelmäßigen Austausch. Aus dem Rheingau beteiligen sich unter anderem die Weingüter Georg Breuer mit der Galil Mountain Winery als Partnerin und die Staatsweingüter mit der Golan Heights Winery. Zu den Pionieren der Twin Wineries zählt zudem das Hattenheimer Weingut Kaufmann, das in der eigenen Vinothek ausgewählte Tropfen seines langjährigen Partners Seahorse Winery anbietet. Weinguts-Chefin Eva Raps engagiert sich zudem als deutsche „Matchmakerin“, um passende Weingüter aus beiden Ländern zusammenzubringen.Bei den „Twins“ geht es weniger um die weinbauliche Praxis, denn dazu sind Klima, Böden, Rebsorten und Absatzkanäle beider Länder zu unterschiedlich. Es geht, so Raps, vor allem um den Austausch, das gegenseitige Verständnis sowie um Motivation und neue Impulse.Zum fünften Mal fand zu Wochenbeginn im Mainzer Schloss ein deutsch-israelischer Weingipfel der Twin-Wineries statt. Ein Gipfel in besonders schwieriger Zeit, denn vor allem die nördliche Anbauregion Israels ist durch den Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogen. Insgesamt sollen nach Berichten aus Israel mehr als 100 Hektar Rebfläche durch Brände zerstört worden sein. Die Feuer waren durch Raketen- und Drohneneinschläge ausgelöst worden.Manche Weinberge konnten nicht gepflegt werden, weil sie als militärische Sperrzonen ausgewiesen wurden. Das Weingut Avivim nahe der libanesischen Grenze wurde durch Raketentreffer völlig zerstört, seine rund 300.000 Flaschen Wein im Keller vernichtet. Die Eigentümer wollen sich dennoch nicht entmutigen lassen und das Weingut wieder aufbauen. Andernorts, wo Arbeit im Weinberg möglich war, wurde sie von Helfern mit Helmen und schusssicheren Westen ausgeführt.Steigerung der Bekanntheit der Weine in beiden LändernVon solchen Katastrophen blieben Anne und Moshe Celniker verschont. Ihr Weingut Yaffo, das seit einigen Jahren mit dem badischen Weingut Schätzle verpartnert ist, liegt im Ella-Tal des Anbaugebiets Judäa, das auch als „israelische Toskana“ gilt. Südlich von Jerusalem liegend ist es aktuell weit genug von der Frontlinie entfernt, um den Anbau so normal zu gestalten, wie es in einem Land im Kriegszustand möglich ist. Dass die Helfer ihre Arbeit öfter wegen Luftalarm unterbrechen müssen, gehört zum Alltag. Gravierender sind die Absatzsorgen angesichts eines im Krieg schwächelnden Inlandsmarktes, dem Niedergang des Weintourismus und der globalen Weinabsatzkrise.Nach Zahlen des Israel Wine & Grape Council fiel die Gesamternte in den von Krieg gezeichneten Jahren auf ein anhaltend niedriges Niveau von 44.000 Jahrestonnen. Es waren einmal rund 60.000 Tonnen. Dabei ist Yaffo auf die stabile Nische koscherer Weine spezialisiert, und die jährlich 80.000 Flaschen Rot- und Weißwein gehen ausschließlich an die jüdische „Community“, im eigenen Land und in Exportmärkte wie die Vereinigten Staaten, wo neuerdings 15 Prozent Einfuhrzoll fällig werden. „Es ist eine verrückte Welt“, sagt Moshe Celniker. Seine Frau, die aus einer Elsässer Winzerfamilie stammt, hatte er in Frankreich kennengelernt. Auch deshalb sollte das deutsche Zwillingsweingut möglichst nahe an der deutsch-französischen Grenze liegen.Das Kaiserstühler Weingut Schätzle sei das „perfekte Match“, sagen die Celnikers. Sie haben zusammen sogar eine „weltweit einzigartige“ Cuvée aus Weinen beider Länder kombiniert, die von Schätzle unter dem Namen „Alliance“ vermarktet wird. Für Eva Raps ist das eine vorbildliche Partnerschaft. Denn die Twin Wineries wollen nicht nur durch gegenseitige Besuche und Weingipfel wie jetzt in Mainz den interkulturellen Dialog und den Praxisaustausch fördern, sondern zur Steigerung der Bekanntheit deutscher Weine in Israel und israelischer Weine in Deutschland beitragen.Große Nachfrage nach Seahorse-WeinenDas Weingut Kaufmann ist mit der Seahorse Winery des Winzers und ehemaligen Filmemachers Ze’ev Dunie verschwistert. Ein nur gut drei Hektar großes Boutique-Weingut in den Jerusalemer Bergen, das unter anderem Chenin Blanc, Syrah und Zinfandel kultiviert. Zum Weingipfel ist Dunies engster Mitarbeiter Adar Chelouche angereist, hinter dem gerade erst zwei Monate Reservistendienst in der Armee liegen. Der Vierunddreißigjährige berichtet von vielen Einschränkungen durch den Krieg.Wenn die Sirenen heulen, wird das Abfüllen der Flaschen unterbrochen und der Schutzraum aufgesucht. Wenn der für die Weinbergsarbeiter zu weit entfernt ist, legen sie sich bis zur Entwarnung flach auf den Boden. Besonders gravierend ist laut Chelouche das Fehlen seines erfahrenen Teams palästinensischer Helfer, die seit Kriegsbeginn nicht mehr einreisen dürfen. An inländischer Nachfrage nach den außergewöhnlichen Seahorse-Weinen mangele es aber nicht.Allen Widrigkeiten zum Trotz blicken viele israelische Winzer mit einer Portion Optimismus in die Zukunft. Vor wenigen Wochen erst ist die Negev-Wüste offiziell als eigenständige, international geschützte geographische Weinregion anerkannt worden. Damit, so schrieb es die „Jerusalem Post“ mit patriotischem Stolz, steht die Wüste weinbaulich auf einer Stufe mit Erzeugerregionen wie der Champagne, Bordeaux, dem Napa Valley und dem Chianti. Das werde den israelischen Weinbau weiter stärken.