Vor ein paar Jahren erzählte Jorge Valdano eine Anekdote, die belegte, dass Zinédine Zidane nie richtig vergessen hat, wo er herkommt; die Episode stammte aus einer Zeit, da er, der argentinische Fußballphilosoph, bei Real Madrid noch der Sportdirektor und Zidane ein Spieler war.Real Madrid war in Marseille in einem Fünfsterne-Hotel abgestiegen, die Spieler beobachteten im Speisesaal, wie eine Reihe Kinder – erkennbar Nachfahren von Einwanderern aus dem Maghreb – sich an der Fensterscheibe die Nasen zerdrückten. Zidane sei in sich gekehrt gewesen, erinnerte sich Valdano, der ihn deshalb gefragt haben will, ob es Anlass zu irgendeiner Sorge gebe. Nein, sagte Zidane. Ihm sei nur gerade klar geworden: „Das könnte ich sein.“ Ein kleiner algerischer Junge aus unvorteilhaften sozialen Verhältnissen, der davon träumt, einen Blick auf die Helden einer entfernten Galaxie zu erhaschen.Was das im Kontext der aktuellen WM bedeutet? Dass man sich Zidane als einen glücklichen Vater vorstellen muss. Sein Sohn Luca, 28, wird am Dienstag in Kansas voraussichtlich bei der WM debütieren – und als Torwart der Nationalmannschaft Algeriens die eigenen Wurzeln und also die Ahnen der Zidanes ehren.Es ist nicht so lange her, dass der 1998 in Marseille geborene Luca Zidane die algerische Staatsangehörigkeit annahm; er tat dies erst im vergangenen September. Die Frage, ob er sich je realistische Hoffnungen auf eine Berufung in die französische Nationalelf machen durfte (und ob Algerien bloß ein einfach zu erreichendes Einfallstor zu einer WM war), liegt auf der Hand. Unter anderem, weil Luca Zidane in den Jugendnationalmannschaften Frankreichs gespielt hat. Vielleicht aber ist die Frage auch ungerecht.Luca Zidane selbst jedenfalls sagte im Dezember dem französischen Sender RMC, dass die algerische Kultur in seiner Familie immer sehr gegenwärtig gewesen sei. Er sagte auch, dass er sich mit seinem Großvater beratschlagt habe, ob er diesen Schritt wagen solle; sein Vater stellte es ihm frei. Der Opa sei „über diesen Schritt extrem glücklich gewesen“, sagte Luca Zidane, „jedes Mal, wenn ich berufen werde, ruft er mich an und sagt mir, dass ich eine großartige Entscheidung getroffen habe – und er stolz ist auf mich“.Er scheint nicht der einzige Algerier zu sein, der Stolz verspürt. Luca Zidanes Entscheidung sei „ein Symbol für ein ganzes Volk und seine in der Welt verstreute Diaspora“, schrieb die Zeitschrift GQ Middle East, was besonders bedeutsam sei, weil Algerien bis 1962 eine französische Kolonie war.Noch gibt es Gerüchte, dass er dem Trainer für eine WM zu unerfahren sein könnteBeim Africa Cup, der um die Jahreswende ausgetragen wurde, war Zidane die unangefochtene Nummer eins der Algerier. Weil er Ende April in einem Zweitligaspiel in Spanien einen Kiefer- und Kinnbruch erlitt, gerieten WM-Teilnahme und Stammplatz aber noch einmal in Gefahr.Seit seiner Glanzleistung beim WM-Testspielsieg in Rotterdam gegen die Niederlande, als er mit einer Schutzmaske antrat und das 1:0 festhielt, gilt er wieder als gesetzt. Es gibt allerdings Gerüchte, dass Trainer Vladimir Petkovic sich frage, ob Zidane jr. als Torwart des Zweitligisten FC Granada erfahren genug sei, um auf internationaler Bühne zu bestehen. Sollte er spielen, würden die Augen auf ihm ruhen. Denn es käme zu einem Duell, das nach Gault-Millau, Turner-Preis oder eben Ballon d’Or klingt: Zidane gegen Messi, der den Weltmeister Argentinien als Kapitän gegen die Algerier aufs Feld führen wird. Gegen den Vater spielte Messi nur einmal, bei einem Clásico im Bernabéu-Stadion. Seinerzeit siegte der FC Barcelona 3:0.Bei der WM wird Zidane tatsächlich auf dem Shirt von Luca stehen, das ist nahezu eine Nachricht. Es heißt, er sei sehr bewusst Torwart geworden, um nicht im unüberwindbaren Schatten des Vaters zu stehen. Als er der Jugend von Real Madrid entwachsen war, tauchte er auf der Homepage des spanischen Rekordmeisters als Luca Fernández auf, was nicht ganz ein Künstlername war, aber fast: Fernández ist der Nachname der Mutter.Die Liste von Vätern und Söhnen, die bei Weltmeisterschaften zum Einsatz kamen, ist gar nicht so kurz. Man denke an den Sohn von Periko Alonso – Xabi Alonso –, an Lilian und Marcus Thuram, an Mazinho und den einstigen Bayernspieler Thiago Alcántara. Und bei dieser WM werden neue Sagen begründet: Am Freitag machte es Sebastian Berhalter seinem Vater Gregg nach und spielte für die USA, der Papa war bei der WM 1994 dabei. Im Laufe des Turniers dürften Kristian Thorstvedt und Erling Haaland auf ihre Väter Erik Thorstvedt beziehungsweise Alfie Haaland folgen. Und Argentinien wird am Dienstag gegen Algerien DNA-Spuren aus der Vergangenheit finden: Giuliano Simeone und Nico Paz folgen auf Diego Simeone und Pablo Paz, die beide bei der WM 1998 angetreten waren. Das war jene WM, die Zidane zugunsten des Gastgebers Frankreich entschied. Und die aus dem Namen Zidane ein Adelsgeschlecht machte.Der Weltstar: 1998 prägte Zinédine Zidane die WM, hier beim 3:0-Sieg im Finale gegen Brasilien. Eric Verhoeven/BSR Agency/ImagoDas war für Luca Zidane nicht immer angenehm. Und er hat sein Leben lang schon einiges getan, um zu unterstreichen, dass er „seinen eigenen Weg gehen wolle“, sagt Alberto García. Der Keeper beendete 2021 seine Karriere bei Rayo Vallecano – und überließ den Platz im Tor der etatmäßigen Nummer zwei, Luca Zidane. Sie haben darüber auch gesprochen, „die Chemie zwischen uns beiden stimmte von Anfang an“, berichtet García der SZ. Deshalb könne er behaupten, dass „Luca nie gegen seinen Nachnamen angekämpft hat“. Aber: „Was aus seinem Nachnamen gemacht wurde, das hat ihn beschäftigt. Wir haben hin und wieder auch darüber gesprochen.“ Denn Zidanes Fehler seien größer gemacht worden, als sie realiter waren. „Und wir wissen alle, was ein Torwartfehler bedeutet.“Man muss tatsächlich nur an das erste Pflichtspiel von Luca Zidane in der ersten Mannschaft von Real Madrid denken: im Mai 2018 in Villarreal (2:2). Weil Luca bei einem Gegentor schlecht aussah, hagelte es Kritik – am Vater. Es wurde ihm unterstellt, die Karriere des Sohnes künstlich befördern zu wollen, ihm damit zu schaden. Jordi Cruyff, 52, der weiß, was es heißt, den Namen des Vaters zu tragen, sprang ihm bei: „Ich bin überzeugt davon, dass Zinédine Zidane, wie jeder Vater, der seinen Sohn liebt, niemals sein Kind ins Scheitern stoßen würde“, das wäre „grausam“, schrieb er in El País.Während sich Jordi Cruyff seinerzeit mit einem Urteil über den jungen Torwart zurückhielt, sagt García, dass Luca Zidane in seinen Anlagen einen vermutlich angeborenen Vorzug hat: eine Ballbehandlung, die ihn über andere erhebe und aufwiege, „dass er mit seiner Körpergröße von 1,83 Meter eigentlich zu klein ist für die Torhüter, die gerade in Mode sind“. Luca Zidane erlaube seinen Mannschaften, auf elf Feldspieler zu zählen. Im Training habe er oft den berühmten Zidane-Move gezeigt, im Spiel bislang nicht; Frivolitäten sind seine Sache nicht. Was ihm fehle? „Zeit“, sagt García, „und die Chance, all seine Qualitäten zu zeigen.“Vielleicht ist am Dienstag die Gelegenheit dafür. Mutmaßlich unter den Augen des Vaters, der am Wochenende beim Spiel der Brasilianer gegen Marokko anwesend war (1:1) – und der nach der WM französischer Nationaltrainer sein wird, ohne in die Verlockung zu kommen, den Filius in die Équipe de France zu berufen.