Wie spielt man, wenn das eigene Spiel mit Bedeutung überladen wird? Wie spielt man in dem Land, das einen Krieg begonnen hat gegen das eigene? Wie findet man die Leichtigkeit unter all den Projektionen?Ramin Rezaeian spielt mit Leichtigkeit. Ramin Rezaeian spielt mit dem Außenrist. So passt er den Ball in der 32. Minute von der rechten Seite in die Mitte, und so trifft er den Ball, als der Sekunden später, nachdem sein Mitspieler Saman Ghoddos ihn flink weitergeleitet und niemand ihn aufgelesen hat, wieder vor seinen Füßen landet. Er spitzelt ihn mit dem Außenrist vorbei am neuseeländischen Torhüter. Er dreht ab, rechts vom Tor weg, Richtung Eckfahne. Er läuft vor die Zuschauerränge, zieht sich das weiße Trikot über den Kopf und breitet die Arme aus.Er hat das erste Tor der iranischen Nationalmannschaft im Land des Kriegsgegners geschossen. Und Jubel umfängt ihn.Rund um dieses Spiel ist fast alles politischDas war eine der vielen großen Fragen vor diesem 2:2 gegen Neuseeland gewesen, dem ersten Spiel Irans bei dieser Fußball-WM: Wie die Iraner in den Trikots auf den Rängen sie empfangen werden würden, die Iraner in den Trikots auf dem Rasen. Vor allem wie jene Iraner sie empfangen würden, die ohne Trikot gekommen sind – dafür aber in T-Shirts und grün-weiß-roten Flaggen, auf die der Löwe und die Sonne gedruckt sind: die Symbole, die vor der Revolution die Flagge Irans zierten, vor dem Regime der Islamischen Republik. Ein Gericht in Los Angeles hatte noch Stunden vor dem Anstoß bestätigt, dass der Internationale Fußballverband FIFA die Symbole verbieten darf: Sie sind ihm zu politisch.Aber natürlich ist fast alles politisch rund um dieses Spiel. Die Tatsache, dass die Iraner lange nicht wussten, ob sie dieses Spiel überhaupt würden spielen können. Dass sie die Vorbereitung auf dieses Spiel in Mexiko bestreiten mussten und erst am Tag vor dem Anpfiff anreisen durften. Und die Stimmung rund um dieses Spiel, bis zum drohenden Verbot. In Los Angeles leben weit mehr als hunderttausend aus der Heimat geflohene Iraner, viele davon Gegner des Regimes. Irans Sportminister hatte vor dem Spiel gesagt, die Spieler sollten den Platz verlassen, sollten die Symbole des Schah-Regimes auf den Rängen auftauchen.Proteste vor dem StadionZweieinhalb Stunden vor dem Spiel sind die Löwen und Sonnen überall. Auf Mützen und Shirts, die vor dem Eingang verkauft werden, auf Schildern, die Menschen mitgebracht haben. Auch auf den Flaggen des Pulks, der lärmend am Stadion entlangzieht und sich vor einem der Eingänge postiert. Die Frau, die vorneweg läuft und die Sprechchöre anleitet, trägt eine US-Flagge, darauf reckt Donald Trump den Daumen in die Höhe. Die Frau neben ihr hat ein Schild mit der Botschaft der Protestierenden dabei: „Das Fußballteam der terroristischen Islamischen Republik repräsentiert nicht das iranische Volk.“Das ist die Botschaft, die der harte Kern der Protestierenden, vielleicht hundert Leute, vor dem Stadion verbreiten will. „Das Team der Mullahs ist nicht unser Team“, rufen sie, „das Team der Mullahs ist terroristisch“ und „Nieder mit der terroristischen Islamischen Republik“. Sie unterstützen den Sohn des Schahs, Reza Pahlavi, sein Gesicht blickt einen von etlichen Plakaten an. Sie unterstützen auch Donald Trump und seinen Krieg. Gegenüber jenen, die gekommen sind, um die Fußballer zu unterstützen, treten sie nicht immer freundlich auf.Starstürmer Azmoun fehlt bei Iran – wegen eines Instagram-PostsDas iranische Team wolle für alle spielen, hatte Irans Kapitän Mehdi Taremi gesagt, als er am Tag zuvor im Bauch des Stadions bei der Pressekonferenz saß. Fußball solle vereinen. Hier vor dem Stadion sieht man, dass manches nicht miteinander zu vereinen ist.Da sind jene, die diese Mannschaft für Unterstützer des Terrorregimes halten, wie Sara, die vor diesem Spiel unweit der Protestierenden steht. Sie trägt ein Shirt mit dem Löwen und der Sonne, um den Arm hat sie sich ein schwarzes Tuch gebunden. Das will sie sich um die Augen binden, in der achten und neunten Minute. Eine Geste des Protests gegen das Regime in der Heimat, eine Geste für die Tausenden Toten der Massaker vom 8. und 9. Januar, als das Regime auf die Protestwelle in Iran mit maximaler Brutalität antwortete. Sie wirft den Spielern vor, dass sie stumm bleiben, auch wenn die Willkür des Regimes ihre eigenen Kollegen trifft, wie den Stürmer Sardar Azmoun.Kapitän Mehdi Taremi: Das iranische Team wolle für alle spielenEPAEr, einer der erfolgreichsten Stürmer der Geschichte Irans, fehlt bei dieser WM. Er fehlt in der Nationalmannschaft, seit er bei Instagram ein Foto mit dem Herrscher von Dubai gepostet hat. „Er ist nicht hier, und wir wünschten, er wäre hier, aber das ist Fußball“, hat Irans Nationaltrainer Amir Ghalenoei am Tag zuvor gesagt.Gefangen in WidersprüchenDa sind aber auch jene, die Team und Regime strikt auseinanderhalten. Die betonen, wie gefährlich es für diese Spieler wäre, sich gegen das Regime zu stellen. „Jeder Iraner, der auch nur ein bisschen Verstand hat, sollte das wissen“, sagt einer von ihnen.Und da sind Menschen, die unsicher sind, wie sie umgehen sollen mit all dem, deren Gefühle miteinander ringen, die Verständnis haben für die Spieler und in dieser Mannschaft irgendwie trotzdem Repräsentanten des Regimes sehen. Er wisse einfach noch nicht, wie er sich verhalten soll bei diesem Spiel, sagt einer, der Trikot trägt und die Flagge mit dem Löwen schwenkt. Vielleicht wird er sogar jubeln, wenn Neuseeland ein Tor schießt, aber er kann es nicht sagen. Auch weil er nicht sagen kann, wer von den Spielern in dieser Mannschaft das Regime in Iran ebenso ablehnt und wer es tatsächlich unterstützt.Zwischen all diesen Konflikten und Widrigkeiten treten sie an diesem Abend an, die Nationalspieler Irans.Zwei Tore reichen Neuseeland nicht zum ersten WM-SiegAls kurz vor dem Beginn des Spiels die gigantischen Flaggen auf dem Rasen ausgebreitet werden, die von Neuseeland und die der Islamischen Republik, haben es trotz des Verbots etliche Löwen und Protestzeichen ins Stadion geschafft. Die Iranerinnen und Iraner auf den Rängen breiten ihre Flaggen aus, präsentieren und schütteln sie. Es ist ein Zeichen des Protests, wie auch der Sturm aus Pfiffen und Buhrufen ein Zeichen des Protests ist, der losbricht, als die Hymne der Iranischen Republik erklingt.Es ist bei der großen Mehrzahl aber kein Protest gegen die Spieler, die diese Hymne mitsingen, bis auf Saman Ghoddos, der als Sohn von Exiliranern in Malmö geboren wurde. „Iran, Iran“-Rufe schallen von den hohen Rängen der riesigen Arena, als das Spiel angepfiffen wird, und das Stadion brüllt, als der Stürmer Taremi das erste Mal versucht, einen Pass vors Tor zu erlaufen.Sie wirken nicht gehemmt von der politischen Wucht dieses Spiels, die Iraner, eher angestachelt, tatkräftig. Nur etwas überhastet. So können die Neuseeländer Chris Wood und Elijah Just nach sechs Minuten im Strafraum kombinieren, weil Irans Verteidiger unruhig werden. Just schießt den Ball ins Tor, es ist erst das fünfte in der WM-Geschichte Neuseelands. Später wird Just auch das sechste Tor schießen, wieder nach einem Doppelpass mit Wood.Trotzdem sitzt der Trainer von Just und Wood etwa eine Stunde später vor dem Mikrofon und sagt, er sei zwar stolz, aber auch enttäuscht. Seine Mannschaft hat zwar die Tore fünf und sechs geschossen, sie hat aber nicht ihr erstes WM-Spiel gewonnen. Weil auf der rechten Seite Irans Ramin Rezaeian spielt und die Leichtigkeit ins Spiel bringt.Seine Pässe alarmieren Neuseelands Innenverteidiger, seine Flanken zwingen sie zum Handeln. Wie in der 32. Minute, als er den Pass mit dem Außenrist spielt und den Ball mit dem Außenrist ins Tor spitzelt. Und wie in der 65. Minute, als er den Ball ganz genau auf die Stirn von Mohammad Mohebi zwirbelt und der ihn ins Tor köpft.„Sie geben uns keine Zeit, uns zu erholen“Als etwa eine Stunde nach dem Spiel Irans Trainer Amir Ghalenoei den Pressekonferenzraum betritt, will er in diesem Spiel nicht nur eines der besseren Spiele dieser Weltmeisterschaft gesehen haben. Sondern auch, sagt er, einen wichtigen Moment in der Fußballgeschichte seines Landes.„Heute waren viele Iraner hier mit unterschiedlichen Ansichten, aber sie haben uns alle von ganzem Herzen unterstützt.“ Das stimmt nicht ganz, nach beiden Toren sah man iranische Fans feiern, aber es waren wenige. Dass all diese Menschen sich identifiziert hätten mit dieser Mannschaft, das sei ein Sprungbrett für seine Mannschaft, ein guter Startpunkt.Sie werden bei diesem Turnier weiter ein paar Widrigkeiten überwinden müssen nach diesem Startpunkt. Die erste, über die Ghalenoei sich beklagt, ist die Rückreise nach Mexiko, die noch an diesem Abend ansteht, gleich nach dem Spiel. „Sie geben uns keine Zeit, uns zu erholen, sie sagen uns, wir müssen gehen“, sagt er. Dabei sei die Erholung so nötig für seine Spieler. „Sie machen es uns immer schwerer und stellen uns vor immer mehr Hindernisse“, sagt Ghalenoei. Es fühle sich an, als würden andere die Pläne für sie machen.Da muss man unwillkürlich an die Organisation des Mannes neben Amir Ghalenoei denken. Dort auf dem Podium sitzt ein Sprecher des Internationalen Fußballverbands FIFA, der eigentlich sicherstellen sollte, dass jeder Verband die eigenen Pläne verfolgen kann.