Wenn man nach einer schönen Bestätigung für die Devise „Amor vincit omnia“ sucht, wird man sogar in der angeblich nur von Macht, Gier und Geld bestimmten Welt des internationalen Kunsthandels fündig. Das lehrt ein Kapitel deutsch-amerikanischer Kunstgeschichte, in dessen Zentrum die New Yorker Galerie Schlesinger-Boisanté steht. Stephen Schlesinger hatte in den Siebzigerjahren in New York seine Frau Vera kennengelernt und sie 1980 für einen Besuch in ihre Heimatstadt Saarbrücken begleitet. Dort verliebte er sich ein zweites Mal, und zwar in die Werke des Leipziger Malers Werner Tübke aus der Sammlung Irene und Peter Ludwigs.Zurück in New York, setzte sich der Galerist Ende 1981 mit dem Staatlichen Kunsthandel der DDR und mit Tübke in Verbindung. Von März 1982 an korrespondierte Schlesinger direkt mit dem Künstler, um eine Reise nach Leipzig zu arrangieren. Mitte Mai übermittelte er für sich und seine neunjährige Tochter Kristina die Personaldaten für die Visa, und schon Anfang Juli trafen beide in Leipzig ein. Gleichzeitig erwarb Schlesinger das erste Gemälde Tübkes, einen „Männlichen Akt“ aus dem Jahr 1966, der sofort nach New York versandt wurde. Erstaunlich an diesem Vorgang ist allein schon die Geschwindigkeit, mit der damals Kunstwerke, Personendaten, Reiseunterlagen, Visa und Devisen über den Eisernen Vorhang und den Atlantik hinweg verschickt wurden. Bei voreingenommener Sichtweise könnte man fast den Eindruck gewinnen, dass das analoge Zeitalter eigentlich schneller war als das digitale.In den USA hatte der Maler sofort eine Reihe hochpreisiger VerkäufeSchlesingers Besuch in Leipzig markiert den Beginn einer freundschaftlichen Zusammenarbeit, die in eine Reihe hochpreisiger Verkäufe der Werke Tübkes in die Vereinigten Staaten mündete. Pläne für eine Tübke-Ausstellung in New York wurden geschmiedet. Der Staatliche Kunsthandel der DDR organisierte die geschäftliche Seite des Vorhabens und ergriff damit die Gelegenheit, dem „kapitalistischen Ausland“ die Kunst der DDR nahezubringen und dabei auch noch Deviseneinnahmen zu erzeugen. Nicht zu übersehen ist zudem bei allen Akteuren ein gemeinsames Interesse an Kunst, völlig unabhängig von politischen Sympathien und ideologischen Gegensätzen.Die schließlich erst im Februar 1986 unter dem Titel „Werner Tübke: Dialogue With Tradition“ eröffnete Einzelausstellung in der Galerie Schlesinger-Boisanté in der Madison Avenue bestand aus acht sehr repräsentativen Gemälden mit Preisen zwischen 16.000 und 45.000 Dollar. Hinzu kamen Zeichnungen und Aquarelle, für die der Galerist 1000 bis 3000 Dollar ansetzte. Tübke hatte für diese Gelegenheit fast ausschließlich unpolitische Werke aus den Achtzigerjahren ausgewählt.In den Jahren zuvor hingegen waren die internationalen Auftritte Tübkes durch eher politisch konnotierte Werke bestimmt gewesen. Das gilt bereits für die erfolgreiche Wanderausstellung, die der Mailänder Galerist Emilio Bertonati 1971 bis 1972 in mehreren italienischen Städten veranstaltet hatte. Damals und auch in den folgenden Jahren legte das Ministerium für Kultur großen Wert darauf, ideologisch maßgeschneiderte Werke auszustellen. Diese Werke sollten beispielsweise zeigen, dass die einstigen Eliten des Faschismus auch noch in der Bundesrepublik großen Einfluss hatten und dass der Westen, angeführt von den Vereinigten Staaten, die sogenannte „Dritte Welt“ mithilfe militärischer und anderer Interventionen unterjochte und ausbeutete. Tübke hat immer versucht, diese Politisierung seiner Präsentation im westlichen Ausland abzumildern. International erfolgreich war er damit erstmals 1984 auf der Biennale in Venedig und schließlich mit seiner Ausstellung 1986 in New York.Parallelen zu Keith Harings oder David Hockneys BildernTatsächlich ließen sich bestenfalls zwei der in New York ausgestellten Zeichnungen bei genauerem Hinsehen und guter Kenntnis der Materie als Verweis auf ungesühnte Verbrechen des Nationalsozialismus deuten. Für die Gemälde gilt das in keinem Fall. In ihrer altmeisterlichen Art wirken sie wie Einblicke in ein postikonographisches Zwischenreich, das in einem auffälligen Gegensatz zu Tübkes älteren Werken steht, die trotz ihrer Ambivalenz in vielen Fällen eine politische Dimension zu suggerieren schienen. Ambivalent sind in den New Yorker Exponaten jedoch vor allem die Rollen, die man dem dargestellten Personal zuordnen möchte.„Transvestit und Mädchen“ beispielsweise konterkarieren jede normierte Identität und wirken konzeptuell wie eine Illustration von Alterität. Das „Happening in Pompeji“ projiziert eine moderne Kunstkategorie in ein diffuses Zwischenreich aus Antike und Neuzeit. Im Gemälde mit der „Zerstörten Puppe“ bleibt offen, wer eigentlich die „Puppe“ ist: die etwas manieriert anmutende junge Frau oder der links neben ihr zusammengesunkene Soldat, der an eine kollabierte Marionette denken lassen kann. Mehr Stabilität strahlen „Drei Frauen aus Cefalù“ aus, aber sie verharren wie eingefroren in einer für sie fremden Ideallandschaft, die von Sizilien in den Norden verpflanzt wurde.Mit dem Bad Frankenhausener Panoramabild „Frühbürgerliche Revolution 1525 in Deutschland“ wurde er weltberühmt: der Maler Werner Tübke.dpa/VG Bildkunst, BonnDie Reaktion der amerikanischen Presse war von großem Staunen über Tübkes virtuose Maltechnik und seinen altmeisterlichen Stilpluralismus geprägt. Mehrere Rezensenten bezeichneten die „schräg“ oder „obskur“ wirkenden Werke als typisch deutsch und bemerkten ausdrücklich die Abwesenheit explizit politischer Sujets oder zeitgebundener Themen. Lediglich Douglas McGill in der „New York Times“ gab seiner Rezension eine überraschende ideologische Richtung. In seinem längeren Text befasste er sich eingehend mit Tübkes „Ungeziefer“, auch „Die Botschaft der Taube“. Allerdings war das groteske und stark polemisierende Gemälde aus dem Jahr 1966 in der Ausstellung gar nicht vertreten. Es illustriert die These, dass die dekadenten und korrupten Protagonisten des „Dritten Reiches“ in Westdeutschland ein Leben in Saus und Braus führen konnten.McGills Fokussierung auf ein gar nicht ausgestelltes Gemälde, dessen plakative politische Botschaft im Gegensatz zu der bemerkenswert unpolitischen Ausrichtung der Ausstellung stand, lässt sich leicht erklären: Der Rezensent der „New York Times“ hatte sich für sein Urteil von westdeutschen Galeristen beraten lassen, die ihn offenbar auf die „richtige“ ideologische Spur setzten. Selbst jenseits des Atlantiks war ein Künstler der DDR offenbar nicht vor politischer Vereinnahmung sicher.Schon 1986 wurde er in einer wichtigen Überblicksausstellung gezeigtTrotzdem haben Tübkes Werke in der New Yorker Kunstszene einen ziemlichen Eindruck gemacht. Anders jedenfalls ist es nicht zu erklären, dass sie schon im Sommer 1986 in die vom Bard College veranstaltete Ausstellung „Neoclassicism. The Use of Tradition in Late 20th Century Art“ aufgenommen wurden. Tübkes Œuvre erschien dort als Teil postmoderner Strömungen, die jenseits der Hierarchien privilegierter Stile ihren Platz behaupteten. So jedenfalls sahen es die Kuratorin Deborah Drier und der New Yorker Kunstkritiker Donald Kuspit.Tübkes Gemälde, die in den Achtzigerjahren in den Vereinigten Staaten schnell ihre Käufer fanden, haben dort keinen dauerhaften Aufenthaltsstatus bekommen. Fast alle Werke sind inzwischen in das alte Europa zurückgekehrt. Die „Drei Frauen aus Cefalù“ haben ein neues Zuhause in Hasso Plattners Museum Barberini gefunden, das „Happening in Pompeji“ befindet sich heute im Besitz des Frankfurter Sammlers Fritz P. Mayer. Der kürzlich von Grisebach in Berlin versteigerte „Sitzende männliche Akt“ ist in eine tschechische Privatsammlung gelangt. Nur die „Zerstörte Puppe“ befindet sich noch in den Vereinigten Staaten: ein kollabierter Soldat und ein nachdenkliches Püppchen – vielleicht ein Anlass, noch einmal über die deutsch-amerikanische Freundschaft nachzudenken.
DDR-Maler Tübke wurde lange vor 1989 in USA gefeiert
Der Klassenfeind, der ihn so sehr liebte: Ausgerechnet der DDR-Maler Werner Tübke feierte in New York lange vor 1989 erstaunliche Erfolge – über den Eisernen Vorhang hinweg.







