Zu den Dingen, die Marcelo Bielsa mehr oder weniger ein Leben lang begleiten, zählt der Beiname „El Loco“, der Verrückte. Wobei die Frage ist, ob er wirklich verrückt ist, oder ob er nicht manchmal einer Reihe von Menschen bloß einen Spiegel vorhält.Am Montag spielte die aktuelle Mannschaft des Trainers Bielsa, Uruguay, in Miami 1:1 gegen Saudi-Arabien, was man aufgrund der Lebensläufe beider Teams eine Überraschung nennen konnte. Uruguay hat die Brustpartien seiner Trikots mit vier Sternen bestickt, wegen zweier Goldmedaillen aus der Zeit, da es noch keine Weltmeisterschaften gab (1924 und 1928), sowie für die WM-Titel von 1930 und 1950. Zum Thema wurden nach dem Spiel aber nicht die „zehn Tore“, die Uruguay in der zweiten Halbzeit durch Chancenwucher verdaddelt hatte, wie Bielsa vorrechnete, sondern eher die völlig verschlafene erste Halbzeit seines Teams, und noch mehr: das Gebaren des Trainers auf der Pressekonferenz.Zunächst lehnte Bielsa es ab, sich einen Kopfhörer ans Ohr zu halten und die auf Arabisch formulierte Frage eines Reporters selbst zu hören. „Sagen Sie mir, was er fragt“, wies er den neben ihm sitzenden Presseoffizier des Weltverbandes Fifa an, und antwortete dann, dass seine Mannschaft nicht das Niveau erreicht habe, zu dem sie imstande sei. Was andererseits nicht heiße, dass er die Qualitäten eines Gegners gering schätzen wolle, der durch ein Abstaubertor von Abdulelah Al-Amri (41.) in Führung gegangen war und erst in der 80. Minute Uruguays Ausgleich durch Maxi Araújo hinnehmen musste. Richtig interessant wurde es aber, als eine Journalistin von USA Today wissen wollte, warum Bielsa bei der Aufnahme der offiziellen Fifa-Bilder zur Teampräsentation zu Boden blickte, statt in die Linse der Kamera zu schauen.Diese Bilder sind Teil der Inszenierung der WM-Spiele durch den Weltverband. Alle Spieler und Trainer der 48 Teilnehmer wurden vor Beginn der WM gebeten, nach einem bestimmten Protokoll für Aufnahmen zur Verfügung zu stehen. Die Porträts wurden seither in die sozialen Netzwerke der Fifa eingespeist. Und vor Beginn der Spiele unter anderem auf den Anzeigetafeln projiziert, damit alle Zuschauer, die für absurde Preise ins Stadion gekommen sind, eine gewisse Grundversorgung an Information bekommen. Und zum Beispiel erfahren: wie die Protagonisten ausschauen.Die Frage, warum er bei dem Shooting den Blick ab- beziehungsweise zu Boden wandte, wollte Bielsa erst nicht beantworten. Dann tat er es doch: „Ich bin kein Model.“ Er habe den Fotografen gegenübergestanden, „und das war halt das Foto, das sie erhalten haben“. Nichts weiter. Danach redete er sich in Rage, zumindest gab er reichlich Unverständnis zu Protokoll: „Muss ich auch erklären, warum ich meinen Gesprächspartnern nicht in die Augen schaue?“ Tatsächlich kultiviert Bielsa seit Jahren die Schrulle, bei Pressekonferenzen auf den Tisch zu blicken, nicht in die Augen des Gegenübers – angeblich wegen einer besonders ausgeprägten Form der Nervosität, die ihn in Räumen mit vielen Menschen befällt. Später kehrte er bei der Antwort auf eine andersgeartete Frage und aus eigenem Antrieb zu dem Thema zurück: „Man muss nicht immer alles erklären“, sagte Bielsa erstens. Und zweitens, dass man nicht „wie ein Mannequin posieren müsse, um Ansprüche zu erfüllen, die kein Fundament haben“.Dass der Argentinier damit die Forderungen der Marketing-Abteilung der Fifa gemeint haben könnte, und dass er sich für diese nicht zum Affen machen wollte, dürfte gesichert sein. Bielsa hat sie schon länger gefressen. So hatte er sich bereits vor Uruguays WM-Auftakt über die dreiminütigen „Cooling-Breaks“ nicht weiter auslassen wollen. Die Gründe für die Einführung dieser Trinkpausen seien „so eindeutig“, dass es „nicht nötig“ sei, „Meinungen hinzuzufügen, die bereits in einstimmiger Weise vorhanden sind“. Bielsas Lesart: Die Fifa ermöglicht den TV-Sendern, denen sie die WM verkauft hat, durch die „Breaks“ Werbeeinnahmen zu erzielen – und verkauft es dem Publikum als Sorge um die Gesundheit der Spieler. Wer war hier noch mal verrückt? Ach ja, Bielsa!