Meldungen von Massenentlassungen bei Meta, Microsoft und Amazon nähren die Sorge, dass Künstliche Intelligenz (KI) der größte Jobkiller seit der Erfindung von Pflug und Traktor ist. Die Vorstandschefs der führenden KI-Unternehmen OpenAI und Anthropic leisteten ihren Beitrag zum Schüren der Panik. „Jobapokalypse für Büroberufe“ oder „Jeder zweite Bürojob fällt weg“ lauteten die Schlagzeilen, für die die Spitzenmanager die Stichworte lieferten.Tatsächlich kann niemand für sich beanspruchen, die Folgen dieser revolutionären Technologie für den Arbeitsmarkt, die Volkswirtschaft und die gesellschaftliche Entwicklung verlässlich vorherzusagen. Man kann sich aber an das Überprüfbare halten.Was wird bloß aus den Radiologen?Vor zehn Jahren sagte einer der geistigen Väter der KI-Revolution, Geoffrey Hinton, man könne aufhören, Radiologen auszubilden. Künstliche Intelligenz werde sie ersetzen, weil sie Bilder schneller, präziser und günstiger auswerten könne als Spezialisten. Zehn Jahre später hat die Zahl der Radiologen in den USA um 20 Prozent zugenommen. Ihre hohen Jahresgehälter von durchschnittlich 500.000 Dollar bestätigen, dass diese Spezialisten weiterhin gefragt sind, obwohl Praxen und Kliniken KI in der Radiologie einsetzen und so die Kosten pro Bild um bis zu 70 Prozent senkten.Das Beispiel mahnt zur Vorsicht. KI ersetzt nicht automatisch Berufe, nur weil sie einzelne Tätigkeiten schneller oder billiger erledigt. Einen Befund zu lesen, ist eine Aufgabe; Radiologe zu sein, ist ein Beruf. Die Erklärung liefert das Jevons-Paradox, das folgendes Phänomen beschreibt: Effizienz senkt Kosten, sinkende Kosten erhöhen die Nachfrage. Das klassische Beispiel: LED-Lampen verbrauchen weniger Strom als Glühbirnen; dennoch hat billigeres Licht dazu geführt, dass die Welt mehr beleuchtet wird. Die erhoffte Energieeinsparung blieb aus.Für Anwälte, Unternehmensberater, Vermögensverwalter und Buchhalter, deren Dienste von Tech-Futuristen als obsolet deklariert wurden, liegt darin Trost und Hoffnung. Sie können mit KI ihre Dienstleistungen günstiger machen und damit die Nachfrage stimulieren.USA verzeichnen Rekord bei UnternehmensgründungenDie aktuellen Entlassungsrunden in den Silicon-Valley-Konzernen prägen Schlagzeilen, aber nicht die amerikanische Arbeitsmarktstatistik. Diese sieht überraschend positiv aus. Im Mai wurden trotz der wirtschaftlichen Negativfolgen des Irankrieges knapp 180.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Die Arbeitslosenquote von 4,3 Prozent ist niedrig. Amerikas wirtschaftliche Dynamik ist unter anderem dank KI so groß, dass sie die Auswirkungen globaler Krisen abfedert.Die USA verzeichnen überdies ein historisches Hoch bei den Unternehmensgründungen, darunter viele von Einzelpersonen. KI ist nach Überzeugung vieler Fachleute ebenfalls die wichtigste Triebkraft dahinter. Unter den Gründern sind zahlreiche Universitätsabsolventen. Nicht zufällig sinkt die Arbeitslosigkeit unter jungen Leuten im Alter von 20 bis 24 Jahren seit einem Jahr. Die Sorge, gerade für Jungakademiker schwänden die Beschäftigungschancen, weil ihre Arbeiten leicht von KI erledigt werden können, stützen die Daten bisher nicht.Vielmehr investieren zumindest amerikanische Unternehmen in selten gesehenem Ausmaß in alles, was für KI gebraucht wird: in die Energieverteilung und Energieversorgung, in Rechenzentren und in die Halbleiterfertigung. Damit schaffen sie Arbeitsplätze in den entsprechenden Sektoren.Noch weiß man nicht, welche Unternehmen und Branchen die großen Sieger dieses tiefgreifenden technologischen Wandels sein werden. Noch ist nicht klar, welche Investitionen sich wirklich rentieren werden. Doch ziemlich sicher scheint, dass die USA gute Aussichten haben, ihre Produktivität und damit ihren Wohlstand deutlich zu steigern.Mit KI steigt die VerblödungsgefahrDie politische Debatte ist allerdings zu eng. Sie fragt, wie viele Jobs KI vernichtet oder umschichtet. Wichtiger ist die Frage, was KI mit den Fähigkeiten und der Urteilskraft jener Menschen macht, die sie täglich benutzen.Einer der unterbelichteten Faktoren ist dabei, dass KI Bildungsmängel kompensieren kann. Rund 130 Millionen Erwachsene in den Vereinigten Staaten lesen nach Schätzungen auf einem Niveau unterhalb der sechsten Klasse. Etwa 43 Millionen Erwachsene können nicht besser lesen, schreiben oder einfache Rechenaufgaben lösen als Drittklässler.KI kann diese Defizite kaschieren und so schlichte Gemüter produktiver machen. Damit beschwört sie zugleich die wahre Gefahr der Technologie herauf: Sie unterminiert das selbständige Lernen und produziert zugleich Ergebnisse, die viele Menschen nicht mehr beurteilen können, weil sie sich das Lernen abgewöhnt haben.