Ich kannte mal eine Führungskraft, die gern, und zwar durchaus fröhlich, verkündete: „Ich weiß, dass mein Team schlecht über mich redet, wenn ich nicht im Raum bin. Und es stört mich nicht, denn das ist der Preis, den wir Chefinnen und Chefs nun mal zahlen.“ Ich habe diesen Satz nie vergessen, auch weil er mit einer so selbstbewussten Klarheit gesagt wurde.

Seitdem ich selbst Chefin bin, weiß ich: Manchmal braucht man tatsächlich ein ziemlich dickes Fell. Denn wo mehr als drei Menschen zusammenkommen, steht vor jeder gemeinsamen Unternehmung die Verhandlung. Wer will was und zu welchen Bedingungen? Im Arbeitskontext, in dem dann auch noch unterschiedliche Expertisen, Kenntnisstände und Charaktere zusammenkommen, wird die Sache nicht einfacher. Dennoch entscheidet sich Führung für mich an etwas anderem – an dem altmodischen Wort Integrität, an der Frage, ob das, was ich sage und das, was ich tue, übereinstimmen.

Womit wir bei unserem aktuellen Titelinterview „Führung ist für mich angewandte Lebensphilosophie“ mit dem finnischen Philosophen Esa Saarinen sind – ein Text, den ich Ihnen wirklich ans Herz lege. Saarinen ist in seiner Heimat ein Star, und das liegt nicht nur an seinen bunten Jacketts (von denen eins übrigens als Hintergrund für unser Cover diente).Er hat viele finnische Führungspersönlichkeiten beraten und sagt: Gute Führung beschränkt sich nicht auf Strukturen und Prozesse. Sie gestaltet die Qualität des Zusammenseins – den Ton miteinander, die Aufmerksamkeit füreinander, das Vertrauen dazwischen. Und sie beginnt vor allem mit Selbstreflexion: bei der Frage, wer ich als Mensch bin, wenn niemand zuschaut.