Die Wirtschaftsprüfer geraten zunehmend in eine Vertrauenskrise: Auch KPMG stolpert über DatenlecksNach dem PwC-Skandal in Australien steht mit KPMG bereits der nächste Riese der Big Four unter Beschuss. Der Missbrauch von Daten erschüttert das Fundament der grossen Beratungskonzerne.Barbara Barkhausen, Sydney16.06.2026, 06.32 Uhr4 LeseminutenNach der Wirtschaftsprüfungsfirma PwC ist nun auch die Konkurrentin, das Unternehmen KPMG, in einen Skandal verwickelt. Im Bild: ein KPMG-Büro in Lausanne.Laurent Gillieron / KeystoneEs ist ein Skandal, der die vorherigen Affären in den Schatten stellt. Als der australische Senat am 24. März von einem Whistleblower über angebliche Datenlecks bei KPMG Australia unterrichtet wurde, kehrten schmerzhafte Erinnerungen zurück: der PwC-Steuerleck-Skandal von 2023. Doch die neuen Anschuldigungen treffen die Wirtschaftsprüfer an einer noch kritischeren Stelle.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Laut einem ehemaligen Audit-Direktor – dieser reichte im Mai 2024 eine formelle Beschwerde ein – sollen KPMG-Partner vertrauliche Unterlagen des Immobilienentwicklers Lendlease missbraucht haben, um Geschäfte bei der Bank Westpac und dem Portfoliomanager Dexus an Land zu ziehen. In den angeblich widerrechtlich genutzten Materialien waren Lendlease-Vorstandsprotokolle sowie – besonders brisant – Unterlagen von Konkurrenten wie EY und PwC enthalten. Vergleichbare Vorwürfe betreffen auch die Finanzinstitute Macquarie Group und Westpac sowie das Telekommunikationsunternehmen Telstra.«Jede Verletzung der Verschwiegenheitspflicht verstösst gegen berufsethische Normen», sagte Gary Monroe, Professor für Wirtschaftsprüfung und Risikobewertung an der Universität New South Wales, der «Australian Financial Review». Es sei ein Grundsatz des Prüfungswesens, dass Mandanten darauf zählen könnten, ihre heiklen Informationen in sicheren Händen zu wissen. «Sobald dieses Vertrauen bröckelt, werden Mandanten wichtige Daten zurückhalten, die für eine gründliche Prüfung notwendig sind», so der Experte.Edmund Tadros, der sich bei der «Australian Financial Review» auf den Sektor spezialisiert hat, drückt es deutlicher aus: «Wenn Unternehmen ihren Prüfern ihre innersten Geheimnisse nicht anvertrauen können, bricht das gesamte Geschäftsmodell einer multidisziplinären Firma zusammen.»Skandal mit erheblichen FolgenKPMG hat inzwischen unmittelbare Konsequenzen gezogen. Der australische CEO Andrew Yates und der Audit-Chef Julian McPherson gaben ihre Positionen auf. Eileen Hoggett, im Zentrum der Vorwürfe, trat von ihrer Rolle als Chief Operating Officer zurück, bleibt aber zunächst Partnerin. Das Beratungsunternehmen KPMG verliert seinen langjährigen Prüfungsvertrag mit Lendlease – einen Auftrag mit einem Jahresvolumen von etwa 10 Millionen australischen Dollar (5,6 Millionen Franken), der seit 1959 bestand. Westpac, dessen 32-Millionen-Dollar-Mandat KPMG 2024 von PwC übernahm, prüft laut der «Australian Financial Review» eine Neuausschreibung.Jedoch gehen die Auswirkungen weit über einzelne Aufträge hinaus. Die australische Bundesregierung überprüft ihre gesamten aktiven KPMG-Verträge. Das Finanzministerium hat den Fall offiziell als «significant event» klassifiziert – eine Kategorisierung, die nach den verschärften Regelungen im Zuge des PwC-Skandals etabliert wurde und KPMG dazu verpflichtet, bei allen staatlichen Projekten nachzuweisen, dass keine an Fehlverhalten beteiligten Personen tätig sind. Das betrifft damit über 270 Millionen Dollar (151 Millionen Franken) an Bundesprojekten. Gleichzeitig haben mehrere Bundesländer Zusicherungen eingefordert.Dieser Kaskadeneffekt war absehbar, aber er verstärkt sich noch weiter. Nach Angaben des «Guardian» sind die Bundesaufträge an die Big Four – neben KPMG und PwC sind dies EY und Deloitte – nach dem PwC-Skandal bereits von 218 Millionen australischen Dollar im Geschäftsjahr 2021/22 auf 114 Millionen im Jahr 2024/25 gefallen – ein Einbruch um knapp die Hälfte. Der KPMG-Fall wird diesen Rückgang kaum bremsen.Das PartnerschaftsproblemDen beiden Fällen – PwC und KPMG – liegt dieselbe Schwachstelle zugrunde: Partnerschaftsstrukturen entgehen klassischen Aufsichtsmechanismen. Im Unterschied zu börsennotierten Konzernen unterliegen grosse Beratungspartnerschaften keiner regelmässigen externen Rechnungsprüfung gegenüber Anteilseignern.Markus Wagner, Rechtsprofessor an der University of Wollongong, ordnet das im internationalen Vergleich ein: In Deutschland und der Schweiz unterlägen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften einer deutlich engmaschigeren öffentlichrechtlichen Regulierung – in Deutschland etwa durch die Wirtschaftsprüferkammer. «Dieses Regulierungsniveau hat Australien bislang nicht erreicht», so Wagner.Die australische Börsenaufsicht ASIC ermittelt inzwischen offiziell gegen einige der mutmasslich Verantwortlichen. Die ASIC-Präsidentin Sarah Court hat im Parlament unmissverständlich eine straffere Regulierung von Partnerschaften verlangt, um bestehende Kontrolldefizite zu beheben.Der stellvertretende Bundesschatzminister Daniel Mulino kündigte an, neue Regelungen zu prüfen und eine bereits laufende Untersuchung zu Governance-Fragen in grossen Partnerschaften fortzuführen. Zudem solle der Schutz für Informanten ausgebaut werden – ein klares Zeichen im Hinblick auf den KPMG-Fall, in dem der Whistleblower gemäss der «Australian Financial Review» über zwei Jahre unzureichend geschützt war. So forderte ihn das Unternehmen über zwanzig Mal zur Bereitstellung weiterer Informationen auf – während es ihn gleichzeitig eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterzeichnen lassen wollte und ihm rechtlichen Beistand verweigerte.Wagner verweist dabei auf den deutlich höheren Standard der EU-Whistleblower-Richtlinie: Sie verpflichte Unternehmen ab fünfzig Mitarbeitern zur Einrichtung sicherer interner Meldekanäle, schütze explizit vor Vergeltungsmassnahmen und verankere eine Beweislastumkehr zugunsten der Hinweisgeber. Australien könnte insbesondere «von Elementen aktiver staatlicher Begleitung und proaktiver Antivergeltungsmechanismen lernen, um den Schutz über den derzeitigen reaktiven Ansatz hinaus zu heben».Wie es weitergehtAm 19. Juni findet eine öffentliche Befragung vor dem parlamentarischen gemeinsamen Ausschuss für Konzerne und Finanzdienstleistungen statt. Für die gesamte Branche geht es um mehr als Einzelreputationen. «Mittelfristig könnte Australien eine normative Vorreiterrolle einnehmen, aber Reformen dürften eher sektoral und inkrementell sein», sagt Wagner. Ob das Land mit gestärkten Partnerschaftsregeln und verbessertem Whistleblower-Schutz tatsächlich internationale Standards setzt, werde auch global genau beobachtet werden.Passend zum Artikel