KommentarDer französische Präsident hat die Anti-G-7-Demonstrationen geschickt in die Schweiz ausgelagert. An eine Kostenbeteiligung denkt er nicht. Die Schweizer übertreiben es mit ihren Guten Diensten.16.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDemonstranten an der «No G-7»-Demonstration in Genf vom 14. Juni 2026.Laurent Cipriani / APAnti-G-7-Demonstrationen zu dulden, geht mit Kosten in Millionenhöhe einher. Zur Folklore gewaltbereiter linker Aktivisten gehört es, Pyrotechnik und Steine gegen Polizisten zu werfen, in den Strassen Feuer zu entfachen und Schaufenster von Geschäften einzuschlagen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Sonntag waren deshalb allein in Genf 7000 Sicherheitskräfte im Einsatz, unter ihnen 4000 Soldaten. Viele Läden haben sich hinter Holzbeschlägen verbarrikadiert und versuchten sich mit Tafeln wie «Wir sind ein kleiner Familienbetrieb» vor dem Furor linksextremer Chaoten zu schützen. Die Gewalt, darauf wird berechtigterweise stets hingewiesen, geht von einer kleinen Minderheit aus. Die ablehnende Einstellung gegenüber Ordnungskräften ist unter den Demonstranten aber einigermassen salonfähig und artikuliert sich in fröhlichen Chören wie: «Die ganze Welt hasst die Polizei.»Glanz für Évian, Unheil für GenfWer einen solch hochkarätigen politischen Gipfel austragen will, muss eben auch diese unschönen Nebenwirkungen ertragen, könnte man meinen. Das Recht, zu demonstrieren und sich zu versammeln, kann man nicht einfach aussetzen, nur weil man in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen machte. Von solchen Prinzipien liess sich Frankreich aber nicht beeindrucken. Im Falle des G-7-Gipfels in Évian setzte man auf «maximale Sicherheitsvorkehrungen», wie das französische Innenministerium kommentierte. Das bedeutete auch, dass ein Ort für Proteste auf französischem Boden nicht vorgesehen war.Genau darauf haben Genfer und Berner Politiker gedrängt, wurden von den Franzosen aber abgewiesen. Anfang Mai wendete sich Bundespräsident Guy Parmelin mit einem Brief an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron: Er bat um eine Beteiligung an den Sicherheitskosten bei möglichen Ausschreitungen von Globalisierungsgegnern in der Schweiz – und löste dabei keine nennenswerte Reaktion aus. Anstatt Paris weiter unter Druck zu setzen, entschied sich die Genfer Regierung, eine Demonstration gegen den G-7-Gipfel zu bewilligen. Der Genfer Ständerat Mauro Poggia fasste das Prinzip treffend zusammen: Glanz und Gloria für Évian, Unheil für Genf.Eine exzellente ZusammenarbeitEs verwundert deshalb nicht, dass der Élysée-Palast von einer exzellenten Zusammenarbeit mit der Schweiz spricht. Zwar sind auch auf französischer Seite 16 000 Polizisten, Gendarmen und Soldaten im Einsatz. Durch die unentgeltliche Amtshilfe der Schweizer hat Macron aber gespart und den Krawall geschickt ins Nachbarland ausgelagert. Spezieller ist, dass unter diesen Umständen selbst Bundesrat Cassis von einer ausgezeichneten Zusammenarbeit redet. Und dies, obschon er in einer Fragestunde des Nationalrats am Montag zugeben musste, dass sich die französischen Behörden einer verbindlichen Kostenbeteiligung verweigern.Das eigenwillige Argument dazu brachte Cassis ebenso zur Aufführung. So haben sich die Franzosen gegen einen Mechanismus zur Regelung hypothetischer Schäden ausgesprochen, weil dieser als eine «Resignation vor Gewalt» ausgelegt werden könnte, wie Cassis erklärte. Kurzum, die Franzosen wollen nichts zahlen oder höchstens vielleicht – und sie halten die Schweizer zum Narren. Denn die geradezu philosophische Begründung, warum sie nicht zahlen wollen, zeigt, dass die fehlende Solidarität nur notdürftig bemäntelt wird.Die gutmütigen SchweizerDie Genfer Regierung hätte sich nicht dazu durchringen dürfen, die Demo zu bewilligen, ohne eine verbindliche Kostenbeteiligung der Franzosen einzuholen. Nun dürfte es schwierig werden, im Nachhinein einen angemessenen Beitrag einzutreiben. Die negative Nachricht: Die Schweizer Bürger zahlen für einen Gipfel, mit dem sie letztlich nichts zu tun haben. Die positive Nachricht: Die Schweizer sind viel gutmütiger, als es die Vorurteile vom «Rosinenpicker» vermuten lassen. Im Falle Genfs treiben sie es mit ihren Guten Diensten aber entschieden zu weit.Passend zum Artikel