Das iranische Regime zeigt sich zufrieden – doch längst nicht alle Iraner sind mit dem jüngsten Abkommen einverstandenIn der Nacht auf Montag protestierten radikale Gruppen gegen die Rahmenvereinbarung mit den USA. Sie sehen darin einen Verrat an der Islamischen Revolution.16.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenÜberall präsent, aber nur auf Bildern: Der Revolutionsführer Mojtaba Khamenei hat sich seit seiner Ernennung noch nicht öffentlich gezeigt.Abedin Taherkenareh / EPAWochenlang hatte die politische Führung in Teheran um ein Abkommen mit der Regierung in Washington gerungen. Kurz nachdem das Regime in der Nacht zum Montag einem Rahmenabkommen zur Beendigung des Krieges zugestimmt hatte, gab es sich selbstbewusst: «Die Islamische Republik Iran hat unter der klugen Führung ihres verehrten Oberhaupts ihre Überlegenheit gegenüber dem amerikanisch-zionistischen Feind vollständig unter Beweis gestellt», lautet der erste Satz einer Erklärung, die der Oberste Rat für nationale Sicherheit veröffentlichte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch der stellvertretende iranische Aussenminister Kazem Gharibabadi äusserte sich voller Stolz zu der Einigung mit den USA: «Unsere militärische Macht hat heute dazu beigetragen, unsere Anliegen voranzubringen und die Vereinbarung abzuschliessen», zitiert die iranische Nachrichtenagentur Fars den Diplomaten. Doch nach dreieinhalb Monaten Krieg gegen Iran freuen sich längst nicht alle Menschen im Land über das Ende des Krieges. In der Nacht auf Montag protestierten radikale Gruppen in Teheran gegen die Einigung mit den USA.Das Regime vertreibt radikale Gruppen«Diese Gruppe radikaler Kräfte fordert, dass die Islamische Revolution erst vervollkommnet werden muss», erläutert Walter Posch, Nahostexperte an der Wiener Landesverteidigungsakademie. Dazu gehört die Befreiung Irans von westlichem Einfluss. «Jeder Schritt in Richtung einer Annäherung an die USA – und dazu zählt auch ein pragmatisches Abkommen – bedeutet für diese Gruppe ein Aufweichen der ideologischen Position der Islamischen Republik.» Durchsetzen konnten sich die radikalen Kräfte allerdings nicht: Sie wurden von Sicherheitskräften des Regimes vertrieben.Den Kern dieser politischen Strömung bilden die sogenannten Hizbullahis. Sie stehen dem Regime nahe, haben mit ihrem Radikalismus und ihrer Gewaltbereitschaft allerdings immer wieder ihre eigenen Interessen verfolgt. «Diese radikale Gruppe wird zum Teil von Veteranenverbänden gestützt», erklärt der Iran-Experte Posch. «Also von Männern, die im Krieg gegen den Irak an der Front gekämpft haben und nun sagen: Wir haben das nicht aus strategischen Gründen getan, sondern weil wir das als Gottesdienst mit der Waffe verstanden und unsere Jugend für die Revolution geopfert haben.»Präsident Pezeshkian kritisiert die HizbullahisDiese radikalen Gruppen sind in der iranischen Politik zwar nicht mehrheitsfähig, aber einflussreich. So kritisieren sie lautstark Aussenminister Abbas Araghchi, dessen Ministerium die Einigung mit den USA massgeblich vorangetrieben hat, für den «Ausverkauf der nationalen Interessen». Präsident Masud Pezeshkian, der wie Araghchi ein Abkommen mit den USA befürwortet, meldete sich in der Nacht zu Montag über den Kurznachrichtendienst X zu Wort: «Es ist bedauerlich, dass Personen, die im Rahmen offizieller Missionen ihre Pflichten erfüllen, mit Bezeichnungen wie Verrat oder Treulosigkeit konfrontiert werden.»Anders als radikale Gruppen wie die Hizbullahis habe das iranische Aussenministerium immer die Bereitschaft gezeigt, mit den USA zu verhandeln, sagt der Iran-Experte Posch. Der Waffeneinsatz von beiden Seiten habe Verhandlungen allerdings unmöglich gemacht. «Es gab aber von iranischer Seite keine prinzipielle Ablehnung gegen Verhandlungen – wenn wir von einzelnen Äusserungen verschiedener Parlamentarier absehen.»Die Führung in Teheran steht vor neuen HerausforderungenDie Rahmenvereinbarung mit den USA stellt das iranische Regime nun vor eine doppelte Herausforderung: Einerseits muss es die radikalen Gruppen weiter einhegen, denen die politische Führung in Teheran zu kompromissbereit erscheint. Andererseits muss es einen Weg finden, um mit dem grossen Teil der Bevölkerung umzugehen, der zu Beginn des Jahres gegen das Regime auf die Strasse ging und teilweise mit dem Leben dafür bezahlte.«Dass man auf friedlichem Wege eine Einigung mit den USA findet und dafür bereit ist, Extremisten in die Schranken zu weisen, sind Punkte, die positiv in die Zukunft weisen – wenn denn aus diesem Abkommen etwas wird», meint Posch. «Es gibt mehrere Anzeichen dafür, dass der Regierung in Teheran klar ist, dass sie einen neuen Gesellschaftsvertrag mit dem Volk aushandeln muss. Ob sie das selber schafft und ob sie mit den angekündigten Sanktionserleichterungen auch wirtschaftlich umgehen kann, steht allerdings in den Sternen.» Den Krieg hat das iranische Regime überlebt. Doch jetzt beginnt für die politische Führung in Teheran ein möglicherweise noch schwierigeres Kapitel.Passend zum Artikel