Vier junge Erwachsene, die sich von Kindheit an kennen, leben in harmonischer Gemeinschaft am Ufer des Delaware kurz vor dem Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges. Zwei von ihnen – Wieland und Catherine – heiraten und bekommen entzückende Kinder, die beiden anderen, Wielands Schwester Clara und Catherines Bruder Henry, könnten das eigentlich auch tun, schließlich sind sie sich herzensgut. Sie sind reich genug, um sich um den Lebensunterhalt nicht weiter kümmern zu müssen. Dafür sehen sie sich ständig und diskutieren über Gott und die Welt – die Männer einfach so, die Frauen dabei mit Näharbeiten beschäftigt.Das Müßiggänger-Quartett besucht einen TempelSo schön dieses Leben, so langweilig! Doch auf die Idylle in der Neuen Welt fallen die Schatten der Alten. In Charles B. Browns „Wieland oder Die Verwandlung“ von 1798, mit dem programmatischen Untertitel „Ein amerikanischer Roman“ versehen, kommt alles aus Europa, was die Ruhe stört. Zum Beispiel eine alte Liebschaft Henrys, der lange in Sachsen gelebt hat und wie die anderen auch perfekt Deutsch spricht, oder ein Erbe in der Lausitz, das den reichen Wieland noch reicher, aber eine Überfahrt nach Europa nötig machen würde, und schließlich der dubiose Carwin, ein Engländer, der es auf Clara, die Erzählerin des Romans, abgesehen hat.Das Titelbild der Erstausgabe von Charles Brockdon Browns „Wieland“.The Library Company of PhiladelphiaDer Autor bringt seine jungen Amerikaner dagegen in Stellung und hilft ein bisschen nach: Die Liebschaft stirbt gerade noch rechtzeitig, um Henry von einer Reise zurück nach Sachsen abzuhalten, das Erbe in der Lausitz tritt Wieland gar nicht erst an, und auch Carwins Ränke werden irgendwann aufgedeckt. Aber Brown (1771 bis 1810), der sich früh für eine Karriere als freier Schriftsteller entschied und damit zwar Anerkennung, aber keinen Lebensunterhalt erwarb und deshalb Journalist wurde, führt die Katastrophe auf anderem Weg herbei. Auch deren Ursache wurzelt in Europa, sie ist das immaterielle Erbe, das die jungen Menschen in die Neue Welt mitbringen und nicht ausschlagen können. Bereits zwei Generationen vor Wieland und Clara kämpfen gegen eine psychische Disposition an, die sich in einem religiösen Wahn äußert und dazu führt, dass die davon Betroffenen Stimmen hören. Wieland wird sich ihren Befehlen eines Tages nicht mehr entziehen können. Und es ist Carwin, der Migrant aus Europa, der ungewollt den Ausbruch des Wahns – die „Verwandlung“ – befördert.Der kluge Brown nutzt für diese Gegenüberstellung von Alter und Neuer Welt ein ganz und gar literarisches Mittel, indem er Elemente des damals gerade populären europäischen Schauerromans, allen voran einen rätselhaften Brand, dem Wielands Vater zum Opfer fällt, herbeizitiert, aber in Kontrast zu der idyllischen, auffällig geschichtslosen Landschaft am Delaware setzt. Das Müßiggänger-Quartett steigt gern zu einer Art Tempel herauf, der auf einem steilen Felsen über dem Fluss errichtet wurde und eine Cicero-Büste enthält, diskutiert über Philosophie und liest ein Schauer-Theaterstück aus Deutschland. Zugleich beobachten die vier einander genau, vor allem den fünften, Carwin, der wiederum sie überwacht. Das Unheimliche entsteht in diesen Blicken und den Fragen, die sich daran knüpfen.Es war hier, am Delaware, dass George Washingtons Entscheidung, den Fluss zu überqueren, 1776 die Wende im Kampf gegen England einleitete. Zwanzig Jahre später erzählt Charles Browns „Wieland“ vom Unabhängigkeitskrieg in den Köpfen Amerikas. Und von seinen Opfern.In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
Serie zur amerikanischen Literatur: „Wieland“ von Charles B. Brown
In seinem unheimlichen Roman „Wieland“ erzählt Charles B. Brown gekonnt von der Last des europäischen Erbes für das junge Amerika – der fünfte Teil der F.A.Z.-Serie „Amerika, wie es im Buche steht“.






