Die Vereinigten Staaten empfinden sich selbst als welthistorischen Ort der Freiheit. Das gründet auf der ursprünglich kolonialen Situation, in der sich die ersten europäischen Einwanderer sahen. Alles schien Neubeginn, als die puritanischen Migranten an den Küsten des amerikanischen Kontinents anlangten und begannen, befreit von ständischen Traditionen Europas, sich die Wildnis zu erschließen. Alles schien zudem gottgewollter Neubeginn.In „Der scharlachrote Buchstabe“ von Nathaniel Hawthorne wird 1850 die andere Seite der amerikanischen Freiheitsbilanz thematisch. Der Roman handelt vom gewaltigen Innendruck, der die frühe Siedlergemeinschaft bestimmte. Die Wildnis wurde auch in der Seele bekämpft. Hawthorne kannte sich aus, er stammte aus alter Salemer Familie, ein Urahn war Richter im dortigen Hexenprozess von 1692, einem Exzess der Satanshysterie: 200 Personen beschuldigt, 150 gefoltert, 19 hingerichtet.In Hawthornes Erzählung ist es weniger religiöser Wahn als verbitterte Tugend, die den Druck ausübt. Dem Kleid der jungen Hester Prynne wird der blutrote Buchstabe des Titels aufgenäht: „A“, das heißt „Adulteress“, Ehebrecherin. Den Vater des illegitimen Kindes macht sie nicht namhaft. Mit dem drei Monate alten Säugling wird sie auf dem Marktplatz drei Stunden lang an den Pranger gestellt, den eine keifende Menge umringt, der auch ein Todesurteil recht gewesen wäre. Hawthorne zieht alle Register. Die Theorie, Kunstwerke hätten die Aufgabe, uns zu befähigen, Gefühle zu unterscheiden, wird von ihm nicht nur in dieser Szene bestätigt.Nathaniel Hawthorne. "The Scarlet Letter". 1850.Michael0986/Wikipedia CommonsUnsere Natur, heißt es, habe die gnädige Vorkehrung getroffen, „dass der Leidende das Äußerste, was er erduldet, nie an seiner gegenwärtigen Qual, sondern vor allem an dem danach zurückbleibenden Schmerz erkennt“. So betritt Prynne die Schandbühne fast heiter, verbirgt ihr Gesicht nicht, ähnelt, hätte sich nur ein Katholik unter den Zuschauern gefunden, dem Bild der Gottesmutter „und brachte eine solche Wirkung hervor, dass die Welt um der Schönheit dieser Frau willen nur noch dunkler und durch das Kind, das sie geboren hatte, nur umso mehr verloren war“.Auch in dem, was folgt, ist der Roman handlungsarm und reich an Seelendramatik. Der ertrunken geglaubte Ehemann taucht wieder auf. Als Vater des Kindes stellt sich der örtliche Pfarrer heraus, der eine einzige Selbstqual ist. Alle Schmerzen, die er nicht von allein empfindet, fügt ihm der Ehemann zu. Als der Pfarrer auf demselben Pranger sich zu Frau und Kind bekennt und danach entkräftet stirbt, verliert der im Psychoterror begabte Ehemann seine Macht über ihn und alles Leben entweicht dem Grausamen. So sterben hier einmal im Ehebruchsroman die Männer.Hester Prynne aber legt den scharlachroten Buchstaben dort, wo er sich aus einem Brandmal in das Monogramm eines Lebens verwandelt hat, dem der Neubeginn durch eine Liebe „eigener Weihe“ verwehrt worden war, nie wieder ab. Das Bestehen auf einer solchen eigenen, nicht kirchlich erteilten Weihe des Liebesakts, war die eigentliche Sünde, die sie in den Augen ihrer düsteren Mitwelt beging. Ihre Ehre war es, ohne Verrat an ihrer Liebe und unbekümmert um das eigene Versorgtsein, in einer Welt ohne Freunde anzunehmen, dass sie verstoßen wurde. Das war ihre Freiheit. Nathaniel Hawthorne hat in ihr eine der schönsten Frauenfiguren der modernen Literatur geschaffen.In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.