Marius Borg Höiby wird zu vier Jahren Gefängnis verurteilt – in zwei wichtigen Anklagepunkten spricht ihn das Gericht freiDie Richter in Oslo haben darüber geurteilt, ob der Stiefsohn des Kronprinzen schuldig ist oder nicht. Indirekt ging es um mehr als das: die Zukunft der norwegischen Monarchie.15.06.2026, 10.59 Uhr4 LeseminutenDas Osloer Bezirksgericht hat am Montag sein Urteil gefällt. Marius Borg Höiby war nicht da.Stian Lysberg Solum / NTBAls der Richter das Urteil verliest, ist Marius Borg Höiby nicht da.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sieben Wochen war am Osloer Bezirksgericht über 40 Anklagepunkte gegen den Stiefsohn des Kronprinzen verhandelt worden. Während dieser sieben Wochen war Höiby täglich vor Gericht erschienen.Er hatte in seinem Skizzenblock gezeichnet, als zwei seiner Ex-Freundinnen darüber berichteten, wie er sie gewürgt, beschimpft und bespuckt hatte. Er hatte im Zeugenstand geschluchzt, als er dazu befragt wurde, wie er auf eine der beiden Frauen losgegangen war – wie er ein Messer an die Wand geschmissen, sie geschlagen und schliesslich an den Haaren durch die Wohnung gezogen hatte. Er hatte mit gesenktem Kopf zugehört, wie ihn vier andere Frauen beschuldigten, sie im Schlaf vergewaltigt zu haben.Doch jetzt, im entscheidenden Moment, bleibt Höibys Stuhl im vollbesetzten Gerichtssaal 250 leer. Als vor Gericht die Zusammenfassung des 128-seitigen Urteils verlesen wird, sitzt er in einem Osloer Gefängnis und verfolgt die Verkündung über eine Videoübertragung. Aus gesundheitlichen Gründen hatten seine Anwälte das so beantragt.Der Richter spricht ihn schuldig wegen zweifacher Vergewaltigung ohne Geschlechtsverkehr. Schuldig wegen Körperverletzung seiner Ex-Freundin und Influencerin Nora Haukland. Schuldig wegen rücksichtslosen Verhaltens und Gewalt gegen eine andere Ex-Freundin. Schuldig wegen Bedrohungen. Schuldig wegen Sachbeschädigung. Schuldig wegen mehrerer Verkehrsdelikte. Schuldig in 34 Anklagepunkten.Das Gericht verurteilt Höiby zu vier Jahren Gefängnis. Er muss den Opfern insgesamt 640 000 Kronen (53 000 Franken) an Entschädigungen zahlen. Zu einer der Frauen erlässt das Gericht ein zweijähriges Kontaktverbot.Der Prozess des JahrhundertsDer Prozess gegen Höiby hat das Land während Wochen beschäftigt. Medien aus aller Welt reisten nach Oslo, um über den Fall zu berichten und jeden Montag standen Norwegerinnen und Norweger Schlange, um ein Ticket in den Gerichtssaal zu ergattern.Sie alle beschäftigte dieselbe Frage: Würde der Stiefsohn des Kronprinzen so behandelt werden, wie ein gewöhnlicher Bürger?Höibys Taten haben Norwegen auf schmerzhafte Weise vor Augen geführt, dass das Land vielleicht doch nicht so egalitär ist, wie es sich gerne darstellt. Der Bonusprinz war über Jahre ausser Kontrolle und alle schauten zu – bis er eines Nachts komplett die Beherrschung verlor.In einer Wohnung im wohlhabenden Osloer Stadtteil Frogner ging er im August 2024 auf seine damalige Freundin los. Er zerstörte ihre Wohnung und misshandelte sie brutal. Erst als die norwegische Boulevardzeitung «Se og Hör» Bilder und eine Tonaufnahme aus jener Nacht publizierte, kamen nach und nach Höibys andere Delikte ans Licht.Marius Borg Höiby ist nicht offiziell Teil des Königshauses, zeigte sich aber immer wieder an Anlässen seiner Familie.ImagoDie Staatsanwaltschaft hat eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren und sieben Monaten gefordert. Die Verteidigung hingegen war der Ansicht gewesen, dass eineinhalb Jahre angemessen wären. Höiby hat alle vier Vergewaltigungen bestritten, sich jedoch in vielen anderen Anklagepunkten schuldig bekannt.Nach dem Ende der Gerichtsverhandlungen hatten sich die Richter 88 Tage beraten, bis sie zu einem Urteil kamen. In den norwegischen Medien wird es überwiegend als «gründlich», «gut» und «korrekt» bezeichnet.Monarchie am AnschlagDie Richter haben darüber geurteilt, ob Höiby schuldig ist oder nicht. Indirekt ging es um mehr als das. Die norwegische Monarchie steht seit Monaten am Pranger. Die langjährige Freundschaft der Kronprinzessin Mette-Marit zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein hat der Institution schwer geschadet. Nur 30 Prozent der Norwegerinnen und Norweger halten Mette-Marit als Königin noch für geeignet.Um das Volk bei Laune zu halten, wäre für die Royals gerade jetzt eine hohe Präsenz wichtig. Denn ohne Sichtbarkeit wird immer fraglicher, welche Funktion die königliche Familie überhaupt noch hat. Doch diese hat neben dem Imageschaden gerade noch ganz andere Sorgen.Mette-Marit leidet an einer lebensbedrohlichen Lungenfibrose und wartet derzeit auf ein Spenderorgan. Statt das Königshaus wie gewohnt zu repräsentieren, musste Kronprinz Haakon mehrere offizielle Termine absagen oder verschieben, um seiner kranken Frau beizustehen. Der Kronprinz ist hauptsächlich für die Auslandreisen zuständig, weil König Harald mit 89 Jahren nicht mehr sehr mobil ist.In den letzten Wochen mussten die Kinder von Mette-Marit und Haakon, die Prinzessin Ingrid Alexandra und der Prinz Sverre Magnus, vermehrt repräsentative Aufgaben übernehmen. Zuletzt war das Geschwisterpaar am Fussballländerspiel gegen Österreich zu sehen. Sowohl die norwegische Regierung als auch das Parlament werden sich nun Gedanken darüber machen müssen, wie die Monarchie unter den gegebenen Umständen weiter funktionieren kann.Ingrid Alexandra und Sverre Magnus erhalten derzeit keine Apanage, wie die königliche Entschädigung genannt wird. Der Prinz hat, anders als seine Schwester die irgendwann Thronfolgerin wird, bisher eine zivile Karriere angestrebt. Sollte er eine grössere Rolle innerhalb der königlichen Familie einnehmen, wird der Staat nicht darum herum kommen, auch ihn entsprechend zu entschädigen. Die konservative Partei hat bereits vorgeschlagen, Vorkehrungen zu treffen, damit er eine Lebensaufgabe als Prinz erhält.Marius Borg Höiby ist zwar nicht offiziell Teil des Königshauses. Als Sohn von Mette-Marit und Stiefbruder von Ingrid Alexandra und Sverre Magnus wird er aber als Teil der Königsfamilie wahrgenommen. «Die Situation meiner Familie ist jetzt schon schwierig. Ich habe keinerlei Absicht, sie noch schwieriger zu machen», sagte er letzte Woche vor Gericht, als er zum wiederholten Mal eine Freilassung aus der Untersuchungshaft beantragte, um bei seiner kranken Mutter sein zu können. Das Gericht hat alle Anträge abgelehnt. Es schätzte das Risiko, dass Höiby erneut straffällig werden könnte, als zu hoch ein.Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Ob die Parteien Berufung einlegen werden, ist noch nicht bekannt. Am Montagmorgen beantragten Höibys Anwälte erneut eine Freilassung.Passend zum Artikel
Gericht verurteilt Höiby zu 4 Jahren – und spricht ihn in zwei wichtigen Punkten frei
Die Richter in Oslo haben darüber geurteilt, ob der Stiefsohn des Kronprinzen schuldig ist oder nicht. Indirekt ging es um mehr als das: die Zukunft der norwegischen Monarchie.










