Ein Liter Milch zum Beispiel. 1,59 Euro kostet eine regionale Marke aktuell bei Rewe. Oder nehmen wir Butter: Laut Daten der Organisation Foodwatch liegt der Durchschnittspreis für ein 250-Gramm-Päckchen derzeit bei 2,44 Euro. Das sind nur zwei von zahlreichen Alltagsbeispielen, die jedem von uns tagtäglich zeigen: Die Preise steigen wieder. Dies spiegelt sich auch in der Statistik wider, eine Teuerung von 3,2 Prozent im Euroraum haben die Fachleute jüngst gemessen. Anschaulicher als solche Durchschnittswerte sind aber die Preisveränderungen bei konkreten Produkten. Schaut man weit zurück, sieht man, wie sehr sich da manches verändert hat: Im Jahr 2000 kostete ein Liter Milch laut Statistischem Bundesamt gerade einmal 62 Cent, heute ist es also mitunter fast dreimal so viel. Für das Päckchen Butter mussten die Deutschen damals gerade einmal einen Euro zahlen – heute kostet es im Durchschnitt mehr als doppelt so viel. Es gibt ein Problem mit der InflationNun lässt sich viel einwenden gegen das Herausheben einzelner Produkte. Doch wenn Alltagserfahrung und Statistik übereinstimmen, dann wird deutlich: Es gibt wirklich ein Problem mit der Inflation. Zumal hier vom Auslöser der jüngsten Teuerung ja noch gar nicht die Rede war. Gemeint sind steigende Energiepreise, eine unmittelbare Folge des Irankrieges und der Blockade der Straße von Hormus, die für den Handel mit Öl so wichtig ist. Darum ist es verständlich, dass sich EZB-Präsidentin Christine Lagarde am vergangenen Donnerstag als Kämpferin gegen die Teuerung präsentierte. Häufiger als sonst beteuerte Lagarde da auf der Pressekonferenz nach der Sitzung des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB), „die EZB wird innerhalb ihres Mandates sicherstellen, dass sich die Inflation nachhaltig in Höhe des mittelfristigen Inflationszieles von zwei Prozent stabilisiert“. Die Inflation sei „zu hoch für unsere Bürger“. Wer das noch nicht klar genug formuliert fand, der konnte zugleich eine Notenbank in Aktion erleben: Erstmals seit fast drei Jahren hat die EZB ihre Leitzinsen wieder erhöht – und zwar um 0,25 Prozentpunkte. Der für Sparer und Banken besonders wichtige Einlagenzins beträgt jetzt 2,25 Prozent. Ein scheinbar eindeutiges Signal; oder etwa nicht? Natürlich nimmt die Notenbank den Kampf gegen die Inflation ernst, schließlich ist das ihre ureigenste Aufgabe. Man kann der EZB darum auch abnehmen, dass sie die Teuerung im Zaum halten will. Aber das ist schwieriger geworden als früher. Es gibt einige strukturelle Gründe, die einen längerfristigen Trend zu einer höheren Teuerung verursachen. Gleichzeitig ist die EZB heutzutage eher bereit, leichte Abweichungen nach oben hinzunehmen. Beides zusammengenommen ergibt eine für Verbraucher wenig erfreuliche Botschaft: Wir werden uns an eine etwas höhere Inflation gewöhnen müssen. Wohl oder übel. Im Supermarkt zu stehen und festzustellen, dass der Einkauf schon wieder teurer geworden ist – das wird den Europäern künftig öfter passieren. Wenn es gut läuft, steigt im Gegenzug das Gehalt schneller.Der Segen der GlobalisierungDie strukturellen Gründe für die Inflation sind gewichtig, lassen sich aber recht einfach erklären. Zu Anfang des Jahrtausends machte die Globalisierung vieles billiger, nicht zuletzt ausgelöst durch den Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001. Die neue internationale Konkurrenz und ein Heer günstiger Arbeitskräfte führte auch zu viel Kritik, aber ein Resultat des Ganzen war: In den reichen Ländern bekamen die Verbraucher viele Produkte des täglichen Lebens plötzlich deutlich billiger. In Kombination mit technischem Fortschritt, der viele der angebotenen Produkte leistungsfähiger, aber nicht unbedingt teurer machte, waren das für Verbraucher fast ideale Bedingungen. Selten lag die Inflation bei viel mehr als zwei Prozent. Die Menschen gewöhnten sich an eine Welt, in der die Preise immer ungefähr gleich blieben. In den 2000er-Jahren und noch mehr in den 2010er-Jahren verfestigte sich sogar bei den oft skeptischen Deutschen der Eindruck: Um die Inflation müsse man sich keine Gedanken mehr machen. Damit ist es seit einiger Zeit vorbei. Los ging es kurz nach dem Ende der Corona-Pandemie, als die Menschen wieder ausgehen sowie Geld ausgeben wollten und dazu eben auch die Mittel hatten. Technisch gesprochen traf eine hohe Nachfrage auf ein geringeres Angebot. Die Folge: Die Preise schossen in die Höhe. Auch die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung kamen mit einem Mal weit weniger zur Geltung: Manche Länder öffneten sich weniger als andere, jeder Staat wollte resilienter und unabhängiger werden. Zölle und damit eine Verteuerung des Welthandels hatte schon die erste Amtszeit Donald Trumps mit sich gebracht. Es folgte der Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 und damit das, was als Energiepreisschock in die Inflationsgeschichte einging. Plötzlich betrug die Teuerung im Jahresschnitt 8,4 Prozent – einmalig in der Historie der EZB.Eine grundsätzliche VeränderungGegen solche plötzlichen Anstiege der Energiepreise kann eine Zentralbank nur wenig ausrichten, das ist auch im jetzigen Konflikt zwischen Iran und den USA nicht anders. Zusätzlich bleiben aber die Ursachen für eine langfristig etwas höhere Inflation – der Rückgang der Globalisierung und die Einschränkungen des Welthandels – in Kraft. Jari Stehn, Chefökonom Europa bei der Investmentbank Goldman Sachs, sagt: „Die Inflation ist deswegen heute etwas höher, als das in den Jahren vor der Pandemie der Fall war.“ Auch die Staaten tragen mit ihrer Haushaltspolitik dazu bei: Früher folgten zumindest Deutschland und mit Einschränkungen auch die USA strengeren Ausgaberegeln, mittlerweile ist davon nicht mehr so viel zu sehen. Auch diese zusätzliche Nachfrage lässt die Preise steigen.Und dann kommt die EZB ins Spiel. Am Lauf der Welt kann sie naturgemäß wenig ändern, ein paar kleine Stellschrauben hat sie allerdings schon. Die erste mutet technisch an, ist jedoch wichtig. Unter der Überschrift „Geldpolitische Strategie“ hat die Notenbank festgehalten, welche Inflationsrate sie gewissermaßen als ideal betrachtet. Die Einschätzung hat sich über die Jahre leicht verändert. „Die EZB hat ihr Inflationsziel beziehungsweise ihr Preisstabilitätsziel im Lauf der Jahrzehnte leicht erhöht“, sagt Volker Wieland, Professor für Geldpolitik an der Frankfurter Goethe-Universität.
Wir müssen uns an Inflation gewöhnen
„Schon wieder ist alles teurer geworden“: Diesen Gedanken werden wir in den nächsten Jahren häufiger haben. Daran ist auch die EZB nicht ganz unschuldig.









