Am 15. Juni ist Schluss. Für Michael Bentlage, der seit Mitte 2017 Vorstandschef des Bankhauses Hauck & Aufhäuser ist. Und auch für die Bank selbst, deren Wurzeln bis 1796 ins Gründungsjahr eines der Vorgängerinstitute namens „Georg Hauck & Sohn Bankiers“ reichen und die seit der Übernahme der früheren Oetker-Bank Lampe im Jahr 2021 Hauck Aufhäuser Lampe (HAL) heißt. Die Aktiengesellschaft HAL verschwindet am 15. Juni, sie geht in der holländischen Bank ABN Amro auf, zu der in Frankfurt schon Bethmann gehört. Die Verschmelzung ist für Bentlage ein nachvollziehbarer Schritt: „Es ist wegen der aufwendigen nationalen Regeln sinnvoll, dass man nicht an jedem Standort mit einer Bank mit eigener Lizenz agiert, sondern mit einer Niederlassung. So nutzt man als internationaler Bankkonzern auch das Eigenkapital effizienter.“Michael Bentlage in den Geschäftsräumen der PrivatbankHauck Aufhäuser LampeAllerdings war es noch im Mai 2024 anders angekündigt. Damals gab ABN Amro den Kauf des Bankhauses Hauck Aufhäuser Lampe für 672 Millionen Euro bekannt. Nach den ursprünglichen Plänen sollte HAL als Aktiengesellschaft bestehen bleiben und direkt als Tochtergesellschaft unter die holländische Muttergesellschaft gehängt werden. Allerdings hat ABN Amro die Bethmann Bank AG schon 2022 juristisch aufgelöst und zur Marke degradiert. Da liegt es nahe, beide Marken in einer Deutschland-Niederlassung als Bethmann HAL zusammenzuführen. Immerhin drei Hauck-Führungskräfte haben es in die neue achtköpfige Führungsmannschaft geschafft: Madeleine Sander (Finanzen), Oliver Plaack (Privat- und Firmenkunden) sowie Anja Schlick (Fondsdienstleistungen). Nicht aber Bentlage.Der 61 Jahre alte, drahtige Bankmanager zieht sich nun zurück. Ist er wehmütig, traurig, stolz auf das Erreichte? „Es ist eine Zäsur, es geht ein Kapitel zu Ende“, antwortet Bentlage. „Und ein neues Kapitel beginnt.“ Was das für ihn persönlich beinhaltet, darauf kommen wir später zu sprechen. Zuerst schaut Bentlage im Gespräch mit der F.A.Z. zurück und zeigt ein Chart. Darauf abgebildet ist die Bruttoertragsentwicklung der beiden Großbanken Deutsche Bank und Commerzbank sowie von Hauck seit 2009, also seit der Finanzkrise. Die beiden Großbanken weisen über die lange Strecke einen Anstieg der Bruttoerträge um nicht einmal zehn Prozent auf, während Haucks Erträge nicht etwa um 30 Prozent, wie man beim oberflächlichen Blick meinen könnte, sondern um sage und schreibe gut 300 Prozent wuchsen. Auf die Gründe, warum sich eine kleine Bank wie Hauck so viel besser entwickelt hat, will Bentlage hinaus, und sie sind in der Tat lehrreich.Wie Deutsche Bank und Commerzbank reagiertenIn Reaktion auf die Finanzkrise hätten Aufseher Großbanken mit einem „Regulierungs-Tsunami“ überspült, beginnt der HAL-Chef. Die vielen neuen und verschärften Regeln zwangen Großbanken zum Ausbau ihrer Compliance-Abteilungen, zur umfassenderen Dokumentation ihrer Prozesse und zu mehr Eigenkapital für die Kreditvergabe. Die durch schärfere Regeln verursachten Mehrkosten hätten Großbanken oft an anderer Stelle mit Kostensenkungen zu kompensieren versucht, etwa indem sie Filialen schlossen und Leistungen etwa in der IT auslagerten oder mit anderen gemeinsam erbrachten.Neben Standardisierung fokussierten sich viele Großbanken nach der Finanzkrise auch stärker: Sie zogen sich aus Teilen des Investmentbankings zurück und schlossen Auslandsniederlassungen. Im Gegenzug hätten sich viele Großbanken auf das Geschäft mit reichen Privatkunden („Wealth Management“) zurückbesonnen: „Viele Großbanken haben bei dieser Rückbesinnung auf das Wealth Management übersehen, dass die Zinsen länger sinken und extrem niedrig sein würden. In der Niedrigzinsphase aber konnte man mit den Einlagen der Kunden weniger verdienen. Das hat zum Ertragsdilemma der Großbanken beigetragen“, sagt Bentlage.Gleichzeitig habe es einen Aufstieg der Fintechs gegeben, erinnert er und nennt beispielhaft den Neobroker Trade Republic mit inzwischen rund zehn Millionen Kunden und die Zinsplattform Raisin mit rund 80 Milliarden Euro an Einlagen. Solche Fintechs hätten den etablierten Banken enorm viele Kunden und Geschäft abgenommen. Darüber hinaus habe sich außerhalb der Banken ein Schattenbanksystem etabliert, etwa mit Kreditfonds (Private Debt), Baufinanzierungsplattformen und eben Neobrokern – auch weil etablierte Banken Geschäfte nicht mehr machen wollten. Und Hauck?Wie HAL nach der Finanzkrise expandierte„Wir haben ein paar Dinge anders gemacht. Wir haben trotz Finanzkrise nicht verschlankt, sondern mutig investiert“, antwortet Bentlage. Nach der Finanzkrise baute Hauck antizyklisch das Investmentbanking aus und wurde so nach Bentlages Angaben bei kleinen deutschen Börsenunternehmen (Small Caps) im Aktiengeschäft zum führenden Arrangeur etwa von Kapitalerhöhungen und Börsengängen. 2009 gründete Hauck eine Gesellschaft für Alternative Assets, die mittelgroßen Fondsgesellschaften mit der Administration hilft. 2017 kaufte Hauck in Luxemburg zu. „Das erwies sich im Nachhinein als Glücksgriff, denn Sal. Oppenheim bescherte uns im Asset Servicing neue Kundengruppen und eine viel stärkere Marktposition“, sagt Bentlage. Nach starkem Wachstum sei HAL in Luxemburg in diesem Geschäft nun mit Universal und IP Concept unter den größten drei Anbietern aus Deutschland.Die wohl riskanteste Entscheidung, die er mit seinen Vorstandskollegen zu treffen hatte, war dann 2021 der Kauf des Bankhauses Lampe – eine Woche vor einem Corona-Lockdown, der damals schon absehbar gewesen sei, wie sich Bentlage erinnert. Durch Lampe stieg das Bankhaus Hauck, das bei den verwalteten Kundenvermögen allein im Geschäft mit reichen Privatkunden unter „ferner liefen“ rangiert hatte, auf Rang neun in Deutschland auf und trägt nun 26 Milliarden Euro zu den von ABN Amro in Deutschland verwalteten 70 Milliarden Euro bei. Aber Lampe war stärker als Hauck im Kreditgeschäft tätig, hatte Unternehmen Betriebsmittelkredite eingeräumt, Immobilienprojekte finanziert und Depotkunden den Kauf von Ferienimmobilien und Booten per Kredit erlaubt.Das erschien während der Corona-Zeit in weniger sicherem Licht, aber es ging gut. Die IT-Integration lief bestens, und mit dem Ende der Niedrigzinsphase profitierte Hauck dann auch vom wieder lukrativen Zinsgeschäft. So sei es gelungen, für HAL mit dem notwendigen Glück über die vergangenen fünfzehn Jahre eine Wachstumsgeschichte zu schreiben, resümiert Bentlage. „In einer Zeit, in der Wettbewerber, gerade große Banken, standardisieren, haben wir versucht, Kunden individuellen Service zu liefern, und damit unsere Aufgabe als Privatbank erfüllt.“Fosun sagte: Denk über Wachstum nach!Zur Vergangenheitsbewältigung gehört auch die Rolle des umstrittenen chinesischen Finanzinvestors Fosun, der HAL 2015 kaufte und nun mit Gewinn an ABN Amro weiterverkauft hat. Welche Rolle hat Fosun in Haucks Erfolgsgeschichte? In den 2010er-Jahren habe Hauck wie so viele Banken Kostensenkungsprogramme durchgeführt, erinnert sich Bentlage. „Ich kann mich an das erste Gespräch mit dem Chairman erinnern, der zu mir sagte: Michael, denk über Wachstum nach! Wir wollen wachsen! Wie können wir wachsen?“Bentlage erklärt: „Das macht etwas mit einem im Kopf, wenn man statt über ‚Wie kann ich Kosten senken?‘ darüber nachdenkt: ‚Wie kann ich Erträge steigern?‘“ Neben diesem Perspektivenwechsel habe der Vorstand viel unternehmerische Freiheiten genossen. Außerdem sei er Fosun dankbar, dass der chinesische Investor zweimal Eigenkapital nachgeschossen hat, damit Hauck den Kauf von Sal. Oppenheim in Luxemburg und des Bankhauses Lampe finanzieren konnte. Außerdem habe Fosun lange auf Dividenden verzichtet. Aber Fosuns Pläne, mit HAL in China etwa im Fondsgeschäft zu wachsen, gingen allesamt nicht auf. „Haucks Chinageschäft hat nie die erforderliche kritische Größe erreicht“, sagt Bentlage.Mindestbetriebsgröße für Banken wie HAL steigtAuch das Bankhaus Hauck Aufhäuser Lampe als Ganzes sei langfristig zu klein, um allein die jetzt nötigen Investitionen etwa in KI zu stemmen und gleichzeitig eine angemessene Rendite für die Eigentümer zu erwirtschaften. Für alle Privatbanken steige die erforderliche Mindestbetriebsgröße. „Auch wir hätten also weiter an der Größe arbeiten müssen oder eben den Weg gehen, wie er jetzt erfolgt ist.“Wenige Tage vor der am 15. Juni erfolgenden juristischen Auflösung von Hauck Aufhäuser Lampe wirkt Bentlage gelassen. Operativ will er nicht mehr arbeiten, Aufsichtsratsmandate kann er sich ab kommendem Jahr vorstellen. Zunächst steht anderes im Vordergrund: Zwei seiner sechs Kinder sind noch im frühen Teenageralter, er freue sich darauf, endlich mehr Zeit für die Familie zu haben und mehr Sport zu treiben. Er wolle sich auch in der Finanzbildung für Schulkinder engagieren. Denn bei all seinen Kindern habe er erlebt, dass dieses Thema in der Schule nicht stattfinde.Die Angst vor einer StaatsschuldenkriseVor allem aber hat Bentlage sich vorgenommen, Geschichtsvorlesungen an der Uni zu besuchen. Viele Konflikte auf der Welt hätten einen geschichtlichen Hintergrund, nennt er als Begründung für dieses Interesse. Gebürtig aus der Fugger-Stadt Augsburg, ist Bentlage vor allem auch an Finanzgeschichte interessiert. Hier waren oft Kriege, wie wir sie zunehmend wieder erleben, Wendepunkte: Staaten mussten sich zur Kriegsfinanzierung ungesund hoch verschulden, und anschließend kam es zu neuen Währungen oder einem Währungsschnitt. Treibt Bentlage die fast überall auf der Welt wachsende Staatsverschuldung um?„Ich halte persönlich gar keine Anleihen“, antwortet der langjährige Privatbankchef. Er investiere nur in Realwerte wie Immobilien, Infrastruktur, Aktienfonds und, ja, auch Gold. Die hohe Staatsverschuldung zu Ende zu denken, bedeutet für Bentlage: „Einen möglichen Kollaps zu vermeiden, wird nur funktionieren, wenn man die Schulden streckt, die Wirtschaft zum Wachsen bringt und das Geld vor der Rückzahlung inflationiert.“ Er beruft sich auf den Hedgefondsmanager Ray Dalio: Europa und Deutschland, selbst die USA, seien über ihren Zenit. Seine Kinder würden vermutlich eine Finanz-, womöglich sogar eine Währungskrise erleben. „Es ist eindeutig sichtbar, dass es keiner Regierung, in welchem Land auch immer, längerfristig gelingt, Schulden zurückzuführen.“Den USA traut Bentlage es sogar noch eher zu, die Lage besser im Griff zu behalten, als den Europäern und den Deutschen. Denn die Amerikaner verfügten immerhin über höheres Wachstum ihrer Volkswirtschaft. Die Art und Weise, wie in Europa sukzessive Sondertöpfe eröffnet würden, die mit EU-Anleihen finanziert werden, zeige, dass der Trend zur Gemeinschaftsverschuldung schon in Gang sei. Alle paar Jahre gebe es ein besonderes Ereignis, mit dem gerechtfertigt werde, dass ein neues Schuldenprogramm aufgelegt werde. „Der Zug ist eigentlich aus dem Bahnhof heraus“, stellt Bentlage ernüchtert fest. In Europa seien die Deutschen vielleicht noch die vernünftigsten, aber das helfe nicht, wenn alle anderen unvernünftig seien. Hat Bentlage eine Lösung?Australien als sichererer OrtEine seiner erwachsenen Töchter, erzählt er, ist vor drei Jahren nach Australien ausgewandert, Bentlage hat sie ein paarmal besucht, und was er dort gesehen hat, gefällt ihm: kein Niedrigsteuerland, aber viel weniger Bürokratie als in Deutschland, ein Staat, dessen Wirtschaft und Bevölkerung wachsen, mit weniger Staatsverschuldung. „Australien wäre für mich ein Vorbild“, sagt Bentlage. Auch von vielen seiner reichen Bankkunden weiß er, dass sie sich Gedanken machen übers Auswandern, zumindest über einen weiteren Lebensmittelpunkt im Ausland und auch über eine diversifiziertere Geldanlage. „Viele Vermögende kaufen Grundbesitz in anderen Ländern“, weiß Bentlage auch von Kundengesprächen. Er selbst allerdings will, allen Gedanken rund um Australien zum Trotz, vorerst zwischen Marburg und Gießen wohnen bleiben.
Hauck Aufhäuser Lampe verschwindet in ABN Amro – HAL-Chef zieht Bilanz
Im Gespräch mit der F.A.Z. erklärt der letzte Vorstandschef der traditionsreichen Privatbank, was HAL seit der Finanzkrise besser gemacht hat als Deutsche Bank und Commerzbank. Und dass er aus Angst vor einem Staatsschuldenkollaps keine Anleihen hält.












