Die Drogenszene im Bahnhofsviertel konzentriert sich auf einen immer engeren Raum. „55 Prozent aller Konsumvorgänge in der Stadt spielen sich in der Niddastraße ab“, sagt Gabi Becker, Geschäftsführerin der Integrativen Drogenhilfe (IDH), die auch einen Standort in dieser Straße unterhält. Dort hat sich die Situation in den vergangenen Wochen drastisch verschlechtert, vor allem seit mehrere Baustellen im Viertel den Bewegungsraum der Drogenkranken zusätzlich eingeschränkt haben. Der Karlsplatz, bisher ein Aufenthaltsort, bleibt absehbar gesperrt. Immer mehr Menschen lagern auf der Niddastraße, die weiter verkommt.Die Nähe der Süchtigen zur Hilfseinrichtung ist zunächst gewollt, drinnen wird nicht nur der Konsum der illegalen Drogen geduldet, die Abhängigen können und sollen dort Kontakt zu den Sozialarbeitern und Medizinern im Haus finden. Das soll den Konsum in der Öffentlichkeit verhindern, und die Drogenkranken sollen an eine Einrichtung gebunden werden, die ihnen bestenfalls einen Weg aus der Sucht zeigen kann. Das Ziel der Drogenhilfe ist, Perspektiven zu eröffnen, die die Drogenkranken nicht mehr sehen. Nicht jeder Süchtige hat die Kraft, völlig auf das Rauschgift zu verzichten. Daher begleitet die Integrative Drogenhilfe einen Teil der Menschen auf ihrem Weg in die Abstinenz, einen anderen Teil jedoch in die Stabilisierung des Konsums. Nicht, um diesen zu legitimieren, sondern um den Tod eines Süchtigen zu verhindern.„Recht, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten“„Natürlich bin ich unzufrieden, wenn unsere Klienten leiden, die Mitarbeiter überfordert sind, die Nachbarn sich beschweren und die Sicherheitskräfte vor schier unlösbaren Aufgaben stehen“, sagt Becker. Aber die Vertreibung der Süchtigen aus dem öffentlichen Raum der Niddastraße stelle keine Lösung eines sehr komplexen Problems dar. „Wohin sollen sie denn gehen?“, fragt Becker. „Das Recht, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten, haben auch die Drogenkonsumenten.“Viele Klienten stünden vor großen Herausforderungen wie psychischen Problemen, Obdachlosigkeit, finanziellen Belastungen und Isolation. Das könne man nicht durch Abweisung lösen. Wer den Drang verspüre, sich einen Schuss zu setzen oder Crack zu rauchen, aber keinen Platz in einer Drogenhilfeeinrichtung finde, werde es dann andernorts tun – „vielleicht dort, wo kein Ersthelfer in der Nähe ist“. Der Frankfurter Weg der Drogenhilfe hatte seit Beginn im Blick, die Zahl der Toten unter den Süchtigen zu minimieren.„Wir können den öffentlichen Raum nicht befrieden, dafür fehlen uns die Ressourcen“, sagt Becker. Versuche, die Drogenkranken davon abzuhalten, ein vorübergehendes Lager vor der Einrichtung aufzuschlagen, haben selten Erfolg, weil sich das Verhalten der Süchtigen geändert habe. „Wenn wir sie früher angesprochen haben, dass sie weiterziehen sollen, haben sie das auch gemacht. Heute ernten wir ein Achselzucken oder werden beschimpft.“ Ein Verhalten, das Becker nicht nur bei ihren Klienten, wie sie sie nennt, ausmacht, sondern generell in der Gesellschaft: Autorität wird seltener als früher anerkannt, Widerspruch ist Alltag geworden.Plätze für Crackraucher und intravenösen DrogenkonsumBis zu 16 Plätze stehen in der Niddastraße 49 für Crack-Raucher zur Verfügung, sie sind, seit die Kapazität zum Jahresbeginn erhöht wurde, fast immer ausgelastet, wie Becker sagt. Außerdem stehen zwölf Plätze für intravenösen Drogenkonsum zur Verfügung, auch sie sind meist belegt. Die Drogenkranken nutzen häufig verschiedene Rauschmittel. Jedem Klienten steht ein Platz für 30 Minuten zur Verfügung, dann darf der Nächste hinein.Auch in der Drogenhilfeeinrichtung La Strada, nicht weit entfernt an der Mainzer Landstraße, stehen sechs Rauchplätze zur Verfügung, allerdings erst seit der vergangenen Woche. Die Einrichtung war Anfang Mai nach einer grundlegenden Sanierung neu eröffnet worden, doch blieben die Rauchplätze zunächst geschlossen, weil dafür nicht genügend geschultes Personal zur Verfügung stand.Waren es bisher 200 bis 250 Personen, wurden zuletzt 300 Menschen in der offenen Drogenszene gezählt, die wegen ihrer Sucht das Bahnhofsviertel frequentieren, weil es dort Drogennachschub und illegale Geldquellen sowie Rückzugsorte für den Konsum der Drogen gibt. Wer in der Integrativen Drogenhilfe konsumiert, hat sich einmalig registriert. Die Klienten sind damit bekannt und können angesprochen werden.Jede Nacht fährt ein Shuttlebus zwischen dem Bahnhofsviertel und dem Drogenhilfezentrum Eastside in Fechenheim, um Menschen in die abgelegene Einrichtung zwischen Großfirmen zu bringen. Dort gibt es außer Werkstätten und einer Kantine auch 128 Wohnplätze und Notfallschlafstätten. Die Wohnplätze sind belegt, Zimmer werden dort nur frei, wenn jemand eine Wohnung auf dem freien Markt findet. Für Menschen mit einer Drogenvorgeschichte eine besondere Herausforderung.Eine Lösung der Schwierigkeiten im Bahnhofsviertel könne nur in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten gefunden werden, ist Becker überzeugt. Sie wünscht sich auch von der Politik mehr Anerkennung für die Arbeit ihres Teams: „Wir wollen, dass das, was wir tun, nicht abgewertet wird, sondern als Teil der Lösung begriffen wird.“
Frankfurt: Integrative Drogenhilfe am Brennpunkt Niddastraße
Die Not an der Niddastraße in Frankfurt ist groß, der öffentliche Raum am Limit. Die Integrative Drogenhilfe kämpft dort um Menschenleben – und zugleich um Verständnis für ihre Arbeit.







