Das kränkelnde Europa vor hundert Jahren – Zofia Nalkowskas subtiles Kardiogramm vom «Zauberberg»Die polnische Schriftstellerin Zofia Nalkowska konnte Thomas Manns «Zauberberg» nicht kennen, als sie 1927 den Roman «Bergvögel» verfasste. Mit nationalen Reibereien und erotischem Wirbel im Sanatorium entfaltet er einen ironisch morbiden Reigen des Unglücks.Franz Haas15.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer literarische Modernismus war in Polen nicht nur Männersache. Zofia Nalkowska (1884–1954) gehört in ihrer Heimat zum Schulkanon, ist aber im übrigen Europa nie so richtig angekommen. Jetzt kann sie mit dem subtilen Roman «Bergvögel» auf Deutsch entdeckt werden. Sie kam aus dem hochgebildeten Bürgertum, war zugleich Feministin der ersten Stunde und Salonlöwin, glänzte in literarischen Zirkeln, scheiterte in zwei Ehen und förderte junge Talente wie Bruno Schulz und Witold Gombrowicz, der allerdings in seinem berühmten «Tagebuch» bald nach ihrem Tod über «dieses ewig Weibische» in ihren Werken spötteln sollte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um feminines Empfinden der sehr sensiblen Art geht es tatsächlich auch in diesem Roman, der viele Figuren und fast keine Handlung hat. Ein namenloses weibliches Ich erzählt darin vom Mikrokosmos in einem Schweizer Kurort nahe am Genfersee und beschreibt die nationalen Reibereien und erotischen Wirbel rund um die Patientinnen aus aller Herren Ländern, in einem beklemmend faszinierenden Reigen des Unglücks.Düsteres SinnbildZofia Nalkowska war im Frühling 1925 wegen der Kur ihres zweiten Ehemanns selbst in einem solchen Alpendorf und schrieb danach «Choucas», so der Originaltitel nach dem französischen Namen dieser Bergvögel, «mehr schwarze Taube als Krähe», die als düsteres Sinnbild für die seltsame europäische Menschenfauna durch diesen raffiniert leisen Roman flattern. Natürlich erinnert dieses Setting an Thomas Manns «Zauberberg», den aber die polnische Autorin damals nachweislich noch nicht kennen konnte, wie die treffliche Übersetzerin Marta Kijowska in ihrem Nachwort darlegt.Es ist ein Gemisch aus gewöhnlichen und seltsamen Vögeln, die in den Sanatorien des Dorfes zur Kur sind, Überlebende aus den vermeintlich letzten Tagen der Menschheit im Ersten Weltkrieg, noch nichts ahnend vom noch grösseren, kommenden Unheil. Man beobachtet durchs Fernglas die schwungvollen Skifahrer, die dann doch hinfallen mit der «Resignation der ohnehin zum Sterben Entschlossenen».Auf der Sonnenterrasse liegt der makellose kranke Körper der englischen Miss Norah, «nackt und von Büchern umgeben», und ständig scharwenzelt der übermenschlich schöne Spanier Carrizales durchs Bild. Ein Ausbund an Gewöhnlichkeit ist hingegen ein Schweizer namens Tocki, ein überzeugter Demokrat, der an die «Neutralität Gottes» glaubt und heimlich die hochmütig aristokratische Frau de Carfort liebt, die von Frankreichs kolonialer Glorie schwärmt.In diesem kränkelnden Europa zwischen zwei Abgründen verachten alle einen soldatischen Deutschen namens Fuchs, und die Russin Alisa provoziert als «lebende Fackel» reihenweise die Männer, hat aber keinen Kopf dafür, was gerade in ihrer von Stalin geschundenen Heimat passiert. Ganz anders ergeht es dem Fräulein Hovsephian aus Armenien. Alles an ihm erinnert an die schwarzen Bergvögel, und es kann nicht vergessen, was es mit seinen dunklen Augen gesehen hat, die Ausrottung seines Volkes durch die Türken und den von verwesenden Leichen vergifteten Euphrat.Kunstvoll lautlosSolche Schreckensbilder verpackt Zofia Nalkowska literarisch gekonnt in die Konversationen am «Zauberberg» und evoziert das Zittern der Weltgeschichte in den Teetassen eines Nobelhotels. Aber auch die privaten Herzensgeschichten gehen durch Mark und Bein, zum Beispiel das Leiden der wehmütig alternden Frau Saint-Albert, das personifizierte stille Epizentrum dieses kunstvoll lautlosen Romans.Sie ist wohl ein Alter Ego der Autorin und kann die Trennung von ihrem ersten Mann nicht verwinden, kennt aber noch «das Herzklopfen einer vierzigjährigen Frau». Ihr hübscher, wesentlich jüngerer zweiter Mann (der Neffe des ersten!) ist ihr mit seiner Jugendlichkeit nur eine Last, also versucht sie es wieder einmal mit Suizid. So zeichnet Zofia Nalkowska mit Meisterschaft das filigrane Kardiogramm einer Epoche, von der noch niemand wusste, dass sie einst Zwischenkriegszeit heissen würde.Zofia Nalkowska: Bergvögel. Roman. Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Marta Kijowska. Dörlemann-Verlag, Zürich 2026. 237 S., Fr. 34.90.Passend zum Artikel
Das kränkelnde Europa vor hundert Jahren – Zofia Nalkowskas subtiles Kardiogramm vom «Zauberberg»
Die polnische Schriftstellerin Zofia Nalkowska konnte Thomas Manns «Zauberberg» nicht kennen, als sie 1927 den Roman «Bergvögel» verfasste. Mit nationalen Reibereien und erotischem Wirbel im Sanatorium entfaltet er einen ironisch morbiden Reigen des Unglücks.






