Trumps Geheimdienstchefin verabschiedet sich mit einem Schlussbouquet von Desinformation über die UkraineTulsi Gabbard wärmt die Verschwörungstheorie von amerikanisch finanzierten Biowaffenlaboren auf – zur Freude der russischen Propaganda. Die von ihr veröffentlichten «Belege» illustrieren, wie tief der amerikanische Geheimdienstapparat unter ihr gesunken ist.15.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie abtretende Geheimdienstkoordinatorin der USA, Tulsi Gabbard.Andrew Harnik / GettySeit der Invasion in der Ukraine 2022 führt der Kreml nicht nur Krieg am Boden und in der Luft, sondern auch im Informationsraum. Für Russland ist es von zentraler Bedeutung, die weltweite öffentliche Meinung über die Ukraine mitzuprägen. Es gilt, das Publikum im In- und Ausland von der angeblichen Schändlichkeit der Ukraine und ihrer westlichen Unterstützer zu überzeugen. Moskau propagiert deshalb Theorien wie jene, dass der Westen mithilfe der Ukraine Russland zerstören wolle.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine weitere Behauptung lautet, dass die Ukraine verbotene Biowaffenlaboratorien betreibe – finanziert durch amerikanische Steuergelder. Beweise dafür sind die russischen Propagandisten stets schuldig geblieben. Einen Erfolg können sie nun trotzdem feiern, denn Ende letzter Woche hat ausgerechnet die Koordinatorin aller amerikanischen Geheimdienste, Tulsi Gabbard, diese Verschwörungstheorie wieder aufgewärmt.In einer dramatischen Videobotschaft gab Gabbard die Veröffentlichung von bisher geheim gehaltenen Dokumenten bekannt. Die Existenz und Finanzierung von Biolaboratorien sei bisher von «mächtigen Leuten» vertuscht worden; wer das Gegenteil behauptet habe, sei als Verräter beschimpft worden. Gabbard meint damit zweifellos auch sich selber, denn die ursprünglich der Demokratischen Partei angehörige Politikerin hatte schon lange vor ihrer Berufung in die Trump-Regierung vor den Laboren gewarnt und damit dem amerikanischen Staat finstere Absichten unterstellt. Auch sonst fiel sie jahrelang mit der Weiterverbreitung russischer Propagandathesen auf.Weder neu noch beweiskräftigIn ihrer Videobotschaft verwendet Gabbard diesmal zwar nicht das Wort «Biowaffen», aber ihre Anspielung ist klar, da sie von gefährlicher «Gain of Function»-Forschung spricht. Damit sind Forschungen gemeint, die darauf abzielen, die Übertragbarkeit und Virulenz von Erregern zu erhöhen. Die nun vom Büro der Geheimdienstkoordinatorin veröffentlichten Dokumente enthalten jedoch keinerlei brisante Informationen.Es handelt sich um lediglich vier Folien, denen jegliche Beweiskraft fehlt. Ironischerweise enthält eine der Folien die Einschätzung, dass Russland die Existenz einer veterinärmedizinischen Anstalt in Charkiw für Desinformationsoperationen nutzen könnte. Eine weitere Folie zeigt eine Karte mit Standorten ukrainischer Laboratorien. Die Hauptstadt Kiew ist um Hunderte von Kilometern falsch eingezeichnet, zudem figuriert darauf eine erfundene Stadt «Tscherniw». Dies lässt Zweifel aufkommen, ob Gabbard die Karte wirklich von den eigenen Geheimdiensten bezogen hat. Eine weitere Folie enthält eine Grafik, die identisch ist mit einer 2022 von Russland veröffentlichten Darstellung.Die Wahrheit über die ukrainischen Biolabore ist simpler und wenig brisant: Nach dem Zerfall der Sowjetunion haben die USA im Rahmen des sogenannten Nunn-Lugar-Programms (Cooperative Threat Reduction Program) jahrelang Einrichtungen in Russland und weiteren Republiken finanziell unterstützt, die zur Sowjetzeit an Forschungen zu atomaren, biologischen und chemischen Waffen beteiligt gewesen waren. Ziel des Programms war nicht, die militärische Rüstung weiter zu fördern, sondern diese Institutionen im Gegenteil auf zivile Forschungen umzuorientieren. In Fachkreisen gilt das Nunn-Lugar-Programm als Erfolg. Anders als von Gabbard behauptet, wurde diese Unterstützung nie vertuscht.Dementi aus KiewDarauf wies am Wochenende auch die Regierung in Kiew hin. Die jahrelange amerikanisch-ukrainische Kooperation im Bereich der Biosicherheit habe keinerlei Zusammenhang mit militärischen Zielen. Die Ukraine komme ihren Verpflichtungen im Rahmen der Biowaffenkonvention vollumfänglich nach.Belege für das Gegenteil liegen nicht vor. Dies hindert Russland und seine Helfer im Westen nicht daran, die Verschwörungstheorie stets von neuem zu beleben. Der russische Auslandsender RT und diverse Kanäle in sozialen Netzwerken griffen Gabbards Stellungnahme sofort begierig auf. Die Schweizer «Weltwoche», die regelmässig Kreml-Propaganda nachäfft, titelte auf ihrer Website an prominenter Stelle: «Biowaffen in der Ukraine mit Unterstützung durch die USA? Dokumente zeigen Details».Dass Russland an der Spitze der amerikanischen Geheimdienste eine Verbündete hat, verdeutlicht das Problem. Allerdings muss Gabbard ihren Posten in wenigen Tagen räumen, nicht wegen ihrer prorussischen Haltung, sondern weil sie sich mit ihrer Opposition gegen den Iran-Krieg in der Regierung isoliert hatte. Ihr designierter Nachfolger, Bundesstaatsanwalt Jay Clayton, ist ebenfalls kein Geheimdienstfachmann. Aber wenigstens ist er nicht bekannt für vergleichbare Falschaussagen.Passend zum Artikel