Der Streit um einen kreuzungsfreien Ausbau der Trasse in städtischer Verantwortung zieht sich seit Jahrzehnten und beschäftigte zahlreiche Gerichte. Nun bestünde zwar theoretisch Baurecht. Nach einem erfolgreichen Bürgerbegehren aber haben am 28. Juni zuerst die Nürnbergerinnen und Nürnberger das Wort: Soll der Frankenschnellweg tatsächlich ausgebaut, sollen also die Pläne fortgeführt werden? Ein Überblick vor dem Bürgerentscheid.Seit wann soll der Frankenschnellweg ausgebaut werden?In den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gab es erste Initiativen, die Innenstadttrasse – die städtische Fortführung der A 73 durch Nürnberg – umzubauen und die Stau-Probleme dort zu lösen. Konkrete Planungen für einen kreuzungsfreien Ausbau gibt es seit 2006. In mehreren gerichtlichen Auseinandersetzungen wurde der Ausbau überprüft, für einen Abschnitt des Projekts besteht nach einer Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahr 2025 Baurecht.So soll der Frankenschnellweg, Plänen der Stadt zufolge, nach dem Ausbau aussehen. Visualisierung: Stadt Nürnberg/SÖRWas soll der Ausbau kosten?Vor drei Jahrzehnten, zu Beginn der Debatte, stand zunächst eine mögliche Investition von etwa fünf Millionen Mark in Rede, um die gröbsten Ärgernisse zu beheben. Für das jetzige Großprojekt, den kreuzungsfreien Ausbau der Trasse, werden inzwischen 1,1 Milliarden Euro veranschlagt. Der Freistaat Bayern würde den Ausbau mit 80 Prozent der zuwendungsfähigen Kosten fördern, derzeit wären das 650 Millionen Euro. Über eine Sonderfinanzierung sollen weitere 150 Millionen Euro hinzukommen.Befürworter führen ins Feld, auch ohne kreuzungsfreien Ausbau müsste die Trasse saniert werden. Dies würde etwa 110 Millionen kosten, wovon die Stadt wohl etwa die Hälfte selbst tragen müsste. Gegner argumentieren, in der offiziell genannten Summe von 1,1 Milliarden seien zusätzlich anfallende öffentliche Kosten bislang gar nicht enthalten – etwa durch das notwendige Verlegen von Leitungen.Was heißt es, bei dem Bürgerentscheid mit „ja“ zu stimmen?Die Fragestellung dürfte auf manche verwirrend wirken. Wer beim Bürgerentscheid mit „ja“ stimmt, votiert gegen die derzeitigen Planungen. Diese müssten folglich gestoppt werden. Die Fragestellung lautet: „Sind Sie dafür, dass die derzeitigen Planungen und Maßnahmen (nach aktuellem Planfeststellungsverfahren) für den Ausbau des Frankenschnellwegs sofort gestoppt werden?“ Wer mit „nein“ stimmt, votiert folglich für den Ausbau.Um nichts wurde in den vergangenen Jahrzehnten mehr gestritten in Nürnberg: der Frankenschnellweg. Foto: Daniel Karmann/dpaWie lange würde voraussichtlich gebaut?Die Stadt will abschnittsweise bauen. Für den zentralen Abschnitt mit einem 1800 Meter langen Tunnel veranschlagt sie eine Bauzeit von etwa zehn Jahren. Als Baubeginn für einen ersten, westlicheren Abschnitt wäre der Februar 2027 vorgesehen. Gebaut würde unter laufendem Verkehr. Jahrelange Bauarbeiten wären nach Angaben der Stadt auch dann notwendig, wenn die Pläne gestoppt werden müssten. Dann würde der Frankenschnellweg im Bestand saniert.Gegner des Ausbaus rechnen damit, dass – mit Blick auf vergleichbare Großprojekte – nicht nur die veranschlagten Kosten steigen, sondern auch mehr als zwölf Jahre gebaut werden müsste, um die Pläne umzusetzen. Vor 2045, so die Befürchtung, werde niemand durch die „Frankenröhre“ fahren können. Absehbar seien zudem zahlreiche Umleitungen und Staus in der Stadt.MeinungPro und Contra:Milliardenprojekt Frankenschnellweg: Wahnsinn – oder wahnsinnig wichtig?Ein Stopp nach Jahrzehnten der Planung?Gegner des Ausbaus argumentieren: Nur weil etwas lange geplant worden ist, heiße das nicht, dass dieser Plan auch gut sei. Zeichne sich ab, dass ein Projekt nicht mehr zeitgemäß ist, müsse man noch einmal prüfen. Zumal bis zum Abschluss der Bauarbeiten wohl 20 weitere Jahre und sehr viel Geld in eine womöglich überholte Idee investiert würden. Statt eine Entscheidung vor allem deshalb weiterzuverfolgen, weil schon viel Geld und Zeit investiert worden ist, wäre es sinnvoller, nach einer neuen Lösung zu suchen – dazu aber müsse man zunächst die bisherigen Planungen stoppen.Die Stadt argumentiert, ein Stopp bedeute nicht, dass schon bald eine bessere Lösung bereitstehe. Mit einem Planungsstopp würden Baurecht und Förderperspektiven riskiert, neue Grundsatzdebatten würden beginnen, die Planer verlören weitere Jahre. Gestoppt würde bei entsprechendem Bürgervotum nicht nur ein Tunnelbau. Gestoppt würden, so die Stadt, auch Lärmschutz, weitere Planungen für Rad- und Fußwege, Grünflächen und eine städtebauliche Neuordnung.Straße mit offiziellem Staubereich: die Fortführung der A 73 bei Nürnberg. Daniel Karmann/dpaLockt ein Ausbau noch mehr Verkehr in die Stadt?Die Gegner des Ausbaus befürchten genau das. Weitere Fahrspuren und der geplante Tunnel würden noch mehr Durchgangsverkehr nach Nürnberg locken, nicht zuletzt auch Schwerlastverkehr. Sie sagen mithin zusätzlichen Verkehr voraus, der bislang womöglich aus Furcht vor dem allfälligen Stau nicht auf der A 73 weiter in Richtung City strömt, sondern die Stadt auf den Autobahnen rund um Nürnberg großräumig umfährt – künftig aber die schon immer kürzere und dann auch ausgebaute Strecke wählen könnte.Die Stadt hält dagegen, der Verkehr solle nicht wahllos ausgeweitet, sondern vor allem besser geordnet werden. An mehreren Knotenpunkten auf der Trasse träfen heute Durchgangs- und Innenstadtverkehr aufeinander. Das führe zu Staus und Ausweichverkehr. Durch den geplanten Tunnel könne der Verkehr künftig kreuzungsfrei fließen und dadurch Verkehrsströme getrennt und besser gesteuert werden.Bringt der Ausbau mehr Grün in die Stadt?Die Pläne sehen für den Ausbau einen „grünen Deckel“ vor. Mithilfe des Tunnels soll Verkehr unter die Erde verlagert und dafür mit neuen Bäumen oberirdisch „Stadtqualität“ zurückgewonnen werden. Nach Angaben der Stadt ist deren genaue Gestalt jedoch noch „eine planerische Aufgabe“. Definitiv vorgesehen aber ist ein neuer Stadtteilpark, dies sei nicht nur ein „Werbeversprechen“. Auch alle Eingriffe in bisherigen Grün-Bestand würden, gesetzlichen Vorgaben entsprechend, ausgeglichen.Die Gegner des Ausbaus befürchten dagegen, die geplanten Neupflanzungen müssten erst jahrzehntelang wachsen, bis sie den Verlust zahlreicher alter Großbäume ausgleichen könnten. Zudem sei die Versiegelung einer zusätzlichen Fläche in der Größe von etwa 20 Fußballfeldern geplant, in der Folge würde Regen schlechter versickern. Auch entstehe mit dem Tunnel ein riesiges Bauwerk, errichtet aus klimaschädlichem Beton – alles andere als ein „grünes“ Projekt mithin.Proteste begleiten das Projekt schon seit Jahren - hier im Jahr 2012. Foto: Klaus Tscharnke/dpaWäre das Geld für den Ausbau gut investiert?Die Gegner des Ausbaus rechnen vor, für das Geld, das der Freistaat zum Tunnel zuschießen will, könnte die staatliche Baugesellschaft rund 2600 geförderte Wohnungen errichten. Demnach könnte mit einer kleineren Lösung samt normaler Stadtstraße Wohnraum für bis zu 12 000 Menschen entstehen. Mit eingespartem Geld könne man zudem den öffentlichen Nahverkehr verbessern und so den Pendlerverkehr reduzieren.Die Stadt hält dagegen, die Finanzierung großer Verkehrsprojekte folge anderen Regeln als kommunale Pflichtaufgaben. Der kreuzungsfreie Ausbau sei gerade deshalb finanzierbar, weil er durch Fördermittel unterstützt werde. Diese sind zweckgebunden und stünden nicht automatisch für andere städtische Aufgaben zur Verfügung. Zudem würde ein Projektstopp nicht etwa bedeuten, dass Nürnberg die „eingesparte“ öffentliche Milliarde Euro frei einsetzen könnte. Schließlich müsse sich die Stadt auch weiter um die Sanierung der Trasse kümmern – ohne entsprechende städtebauliche Verbesserungen.Mitten in Nürnberg:Langsam, langsamer, Frankenschnellweg!Der Streit um den "kreuzungsfreien Ausbau" der Bundesautobahn 73 im Nürnberger Stadtgebiet ist eine Never Ending Story. Warum eigentlich?Wie positionieren sich die Parteien?Von den drei dominierenden Parteien in Nürnberg haben die beiden größeren den kreuzungsfreien Ausbau über Jahre vorangetrieben: CSU und SPD. Bis zur Kommunalwahl 2026 war für das Projekt der Dritte Bürgermeister Christian Vogel (SPD) zuständig, seine Aufgabe hat nun der neue Zweite Bürgermeister Andreas Krieglstein (CSU) übernommen.Vor dem Bürgerentscheid plakatiert die CSU offensiv gegen den Stopp der Planungen. Auch die Nürnberg-SPD hat sich so positioniert, für sie ist der Ausbau auch ein Stück „Stadtreparatur“. Allerdings ist die Partei gespalten. Für die SPD-Jugend, die Jusos, ist das Projekt „ein milliardenschweres Relikt der autogerechten Stadt“ und stehe einer Verkehrswende entgegen. Die Jusos plädieren, gegen den Ausbau zu stimmen.Die CSU wirbt offensiv für den Ausbau. Auch die SPD plädiert dafür, die Jusos nicht. Foto: Olaf PrzybillaDie Plakate der Ausbaugegner finden sich überall in der Stadt, auch in Hauseingängen. Foto: Olaf PrzybillaDie Grünen stellen sich an die Seite der Initiatoren des Bürgerbegehrens „Lieber zurück auf Los“. Statt eines teuren Tunnels fordern sie eine leistungsfähige Stadtstraße mit vereinfachten Kreuzungsbereichen, klarerer Bündelung des Verkehrs, Tempo 50 und Schallschutzwänden.Auch im vergangenen Kommunalwahlkampf war der Ausbau ein zentrales Thema. Politischer Auftrieb für die Gegner der Tunnellösung war bei der Wahl nicht festzustellen. Bei der Stadtratswahl legte die CSU, vehementeste Verfechterin des Milliardenprojekts, um 2,3 Prozentpunkte zu, die Grünen büßten 5,1 Prozentpunkte ein.