PfadnavigationHomeGeschichteBriten in Indien„Wir wurden nach Strich und Faden niedergemetzelt“Stand: 08:01 UhrLesedauer: 7 MinutenTipu Sultan von Mysore ließ sich eine Tiger-Maschine bauen, die einen Briten frisstQuelle: picture alliance/CPA Media Co. Ltd/CC-BY-SA (PD)Die englische Eroberung Indiens ging von einem Privatunternehmen aus, der East India Company. Wie ihr das gelang, zeigen die vier Kriege Ende des 18. Jahrhunderts gegen die Herrscher von Mysore. Eine neue Studie zieht Parallelen zur Gegenwart.Als im Jahr 1763 der Siebenjährige Krieg beendet wurde, hieß der große Sieger Großbritannien. Zwar hatte das Preußen Friedrichs des Großen seine Existenz als Staat und fünfte Großmacht Europas sichern können. Aber die Konkurrenz zwischen den Kolonialmächten Frankreich und England wurde im Frieden von Paris in globalem Maße entschieden. Paris musste auf seine Besitzungen in Nordamerika (Kanada, Louisiana) sowie die meisten Positionen in Indien verzichten. Zusammen mit den bisherigen Kolonien entstand das Erste Britische Empire.Aber Großbritannien wurde nicht glücklich damit. Denn der Versuch, die Bewohner der Kolonien an den Kosten für den langjährigen Konflikt und die Organisation der Verwaltung zu beteiligen, führte in Nordamerika bald zum Aufstand. In Indien erkannten weitsichtige Fürsten, dass die Briten es bei ihren Gewinnen nicht belassen würden, sondern die Kontrolle über den gesamten Subkontinent anstrebten. Erstaunlich daran war, dass dies nicht im Namen der Krone, sondern von einer privaten Aktiengesellschaft vorangetrieben wurde, der East India Company (EIC).Lesen Sie auchGestützt auf das Handelsmonopol, das Königin Elisabeth I. 1600 Londoner Kaufleuten gewährt hatte, war es der EIC gelungen, in den Trümmern des Mogul-Reiches eine weltliche Herrschaft zu begründen. „Bis heute hat es in der Geschichte dieser Welt kein zweites Unternehmen gegeben, das in einem vergleichbaren Maßstab Gewalt ausgeübt hat“, urteilt der britische Historiker William Dalrymple in seinem neuen Buch „Anarchie“ (C. H. Beck, 597 S., 38 Euro). „Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company 1600–1874“, so der Untertitel, bietet für den Indien-Spezialisten die historische Blaupause für „alle Privatunternehmen dieser Art“. Seine mitreißend geschriebene Studie versteht sich nicht zuletzt als Philippika gegen die multinationalen Konzerne der Gegenwart. Die Parallelen liegen für Dalrymple auf der Hand: „Indiens Übergang in den Kolonialismus fand unter der Ägide eines gewinnorientierten Unternehmens statt, das nur zu einem einzigen Zweck existierte: seine Investoren zu bereichern.“Wie es dazu kam, dass „wir unsere Befehle von einer Handvoll Händlern entgegennehmen müssen, die noch nicht einmal gelernt haben, sich den Hintern zu waschen“, so ein Beamter des machtlosen Großmoguls, hatte die Politik der EIC während des Siebenjährigen Krieges gezeigt. Mit ihrem Sieg bei Plassey 1757 über die Truppen des faktisch unabhängigen Statthalters war es der aus britischen Offizieren und einheimischen Söldnern bestehenden Privatarmee der Company gelungen, sich endgültig des reichen Bengalens zu bemächtigen. Gewalt, die Uneinigkeit der indischen Fürsten und die mit cleverem Konzernlobbyismus gesicherte Unterstützung durch den britischen Staat waren die Mittel, mit denen Indien unterworfen wurde.Es war wohl kein Zufall, dass die hartnäckigsten Widersacher nicht der traditionellen Elite des Mogulreiches entstammten, sondern militärische Emporkömmlinge waren. Der von arabischen Einwanderern abstammende Haidar Ali (1721–1782) hatte es im südindischen Fürstenstaat Mysore vom einfachen Soldaten zum Oberbefehlshaber gebracht und als Muslim 1761 die hinduistische Dynastie entmachtet. Obwohl er es im Siebenjährigen Krieg mit den Franzosen gehalten hatte, wusste er sich der EIC zu erwehren. Mit seiner von französischen Ausbildern trainierten und modern ausgerüsteten Armee konnte er den Briten und dem mit ihnen verbündeten Marathenreich Mittelindiens im sogenannten Ersten Mysore-Krieg (1766–1769) eine Niederlage beibringen.Lesen Sie auchIm Zweiten Mysore-Krieg (1780–84) wurde Haidar von den Franzosen unterstützt, die im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg mit den Aufständischen gegen die Briten verbündet waren. Die Schlacht bei Pollilur im September 1780 gilt als schwerste Niederlage, die die EIC bis dahin hatte hinnehmen müssen. „Wir wurden nach Strich und Faden niedergemetzelt“, zitiert Dalrymple einen Überlebenden, der nicht „von Elefanten, Kamelen und Pferden zertrampelt“ worden war. Nach dem Ende des Krieges in Amerika, der Frankreich dem Staatsbankrott nähergebracht hatte, konnte Haidars Sohn Tipu (1750–1799) zumindest die Eroberungen, die sie ihren Nachbarn abgenommen hatten, wahren. Schon bei Pollilur hatte Tipu sein militärisches Talent unter Beweis gestellt. Wie die EIC hielt er den Friedensschluss nur für einen befristeten Waffenstillstand und stockte seine Armee auf 200.000 Soldaten auf, die er sogar mit embryonalen Raketenwaffen ausrüstete. Zugleich setzte er verstärkt auf Modernisierung. Eine merkantilistische Wirtschaftspolitik förderte den Anbau von lukrativen Exportgütern wie Zuckerrohr. Eine effektive Steuerverwaltung sorgte für das nötige Kapital. Obwohl er sich vom osmanischen Sultan den Titel „Schatten des höchst gnädigen Gottes, Tipu Sultan Pad(i)schah Ghazi“ verleihen ließ und damit auf muslimische Vorbilder setzte, umwarb er seine mehrheitlich hinduistischen Untertanen mit religiöser Toleranz. Außenpolitisch knüpfte er allerdings Kontakte zu muslimischen Machthabern in Iran und Afghanistan.Dass Tipu Sultans Werben für einen gemeinsamen Kampf gegen die EIC in Indien wenig Gehör fand, erklärt sich durch die weniger einnehmende Seite seines Charakters. „Er neigte selbst nach damaligen Maßstäben zu unnötiger Gewalt gegen seine unterlegenen Widersacher, wodurch er sich viele verbitterte Feinde schuf, auch und gerade in Fällen, wo eine Versöhnung möglich und wesentlich klüger gewesen wäre“, schreibt Dalrymple: „So ließ er Rebellen Arme, Beine, Ohren und Nasen abschneiden, bevor sie gehängt wurden. Feindliche Soldaten und Rebellen, die sich in seiner Gewalt befanden, ließ er routinemäßig beschneiden und gewaltsam zum Islam bekehren.“ Dass er die alte Hauptstadt Mysore räumen ließ und ihre Bewohner zwang, auf die von französischen Ingenieuren befestigte Insel Shrirangapattana umzusiedeln, dürfte kaum den Beifall vieler Untertanen gefunden haben.Lesen Sie auchUm seinen Hass auf die Briten eindrucksvoll in Szene zu setzen, ließ der technikbegeisterte Modernisierer von französischen Handwerkern einen 170 Zentimeter langen und 70 Zentimeter hohen Automaten in Form eines Tigers konstruieren. Setzte man mit einer Kurbel eine Orgel in Gang, ertönte das Brüllen der Großkatze und das Klagen ihrer Opfer. Denn zwischen ihren Klauen lag ein Mann, dessen Kleidung ihn unschwer als Soldaten oder Angestellten der EIC erkennen ließ. Mit diesem morbiden Konstrukt unterstrich Sultan Tipu seinen Anspruch, der „Tiger von Mysore“ zu sein.Nach einem spektakulären Prozess über die Amtsführung der EIC-Führung stellte die Regierung in London das Unternehmen 1784 unter staatliche Aufsicht. Zum Gouverneur wurde Lord Charles Cornwallis bestellt. Der hatte zwar die Kapitulation des von Amerikanern und Franzosen belagerten Yorktown 1781 zu verantworten gehabt, galt aber als unbestechlich. Und er war bestrebt, seine militärische Reputation wiederherzustellen. Die aggressive Außenpolitik Tipus machte es ihm leicht, Marathen und Hyderabad als Verbündete zu gewinnen. Obwohl sein alter Partner Frankreich 1789 von der Revolution absorbiert wurde, fiel der Sultan 1789 in das benachbarte Travancore ein. Cornwallis übernahm im Dritten Mysore-Krieg persönlich den Oberbefehl über die EIC-Truppen, hatte aber Probleme, Tipu zur Schlacht zu stellen. Das lag nicht zuletzt daran, dass jeder einzelne Offizier mit mindestens sechs Dienern, einem kompletten Satz Möbel für das Lager, einem eigenen Vorrat an Wäsche (mindestens 24 Garnituren), einigen Dutzend Flaschen Wein, Brandy und Gin, reichlich Tee, Zucker und Keksen, einem Korb mit lebendem Geflügel und seiner eigenen Milchziege reiste, schreibt Dalrymple. Dennoch gelang den Verbündeten nach einigen Rückschlägen im Februar 1792 die Einnahme von Shrirangapattana. Tipu verlor die Hälfte seines Reiches, hatte zudem 30 Millionen Rupien an Kriegsentschädigung zu zahlen und zwei Söhne als Geiseln zu stellen. Das hinderte den Sultan nicht, weiterhin am Widerstand gegen die Briten zu arbeiten. Seine Armee ließ er von 500 französischen Söldnern instruieren, denen er sogar die Gründung eines Jakobiner-Klubs gestattete, der „allen Königen Hass schwor, außer Tipu Sultan“. Der ließ sich im Gegenzug als „Citoyen Tipu“ anreden.Als Napoleon Bonaparte im Juli 1798 in Ägypten landete, schrillten im Hauptquartier der EIC in Kalkutta daher die Alarmglocken. Der neue Generalgouverneur Richard Wellesley (der ältere Bruder von Arthur Wellesley, des späteren Herzogs von Wellington) unternahm es, „Indien für die britische Herrschaft zu sichern“, und eröffnete Anfang 1799 den Vierten Mysore-Krieg. Nach mehreren verlorenen Gefechten fiel der Tipu bei der Verteidigung von Shrirangapattana. Man fand seinen gefledderten Leichnam unter einem Haufen „kaum mehr voneinander zu unterscheidender Leichen“, wie ein Augenzeuge berichtete. Mysore wurde geplündert und unter die EIC und ihre Verbündeten aufgeteilt.Als ihm die Nachricht von Tipus Tod gemeldet wurde, soll Lord Wellesley sein Glas erhoben und einen Toast ausgebracht haben, den Dalrymple für authentisch hält: „Ich trinke auf den Leichnam Indiens.“William Dalrymple: „Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company 1600–1874“. (A. d. Engl. v. Cornelius Hartz. C. H. Beck, München. 597 S., 38 Euro)Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.