PfadnavigationHomeRegionalesHamburgTrennungskinderVon Disko-Babys und geizigen Vätern –„Der Sozialstaat ist kein Selbstbedienungsladen“Stand: 07:42 UhrLesedauer: 7 MinutenMaximilian Zahnow und Jennifer McNeil im Archiv des Zentralamtes UnterhaltsvorschussQuelle: Bertold Fabricius/BERTOLD FABRICIUSDer Staat zahlt für Tausende von Kindern Unterhaltsvorschuss. Viele Bundesländer überlegen, wie sie das Geld konsequenter zurückholen können. Die Stadt Hamburg macht es vor. Zwei Behördenmitarbeiter erzählen, wie sie Schwindlern auf die Schliche kommen.Unter den Schuhen von Maximilian Zahnow quietscht der matte Linoleumboden eines modernen Behördengebäudes. Am Ende eines langen Ganges bleibt der Abteilungsleiter vor vier etwa 40 Quadratmeter großen Räumen stehen. Die Türen zum Archiv der Zentralstelle Unterhaltsvorschuss sind sperrangelweit geöffnet. Hier hängen sie dicht an dicht, aneinandergereiht in Registern, oder liegen in Mappen gestapelt, zum Teil bis unter die Decke: die Akten der Hamburger Kinder, deren Eltern nicht für sie zahlen. In 95 Prozent der Fälle sind es Väter.Maximilian Zahnow lugt kurz in die Räume, führt die Besucherin in ein Zimmer am anderen Ende des Flurs und setzt sich an einen langen Tisch. Später erzählt er, warum ihn der Anblick der Aktenberge eher motiviert als frustriert. Neben ihm nimmt seine Chefin, Jennifer McNeil, Platz. Sie ist Fachamtsleiterin des Zentralamtes Unterhaltsvorschuss. Ihr und Zahnows Job ist es, Kindern von Alleinerziehenden zu helfen und säumigen Eltern das Leben schwer zu machen. Wenn Alleinerziehende von Ex-Partnern keine Unterstützung für ein Kind bekommen, kann der Staat einen Vorschuss leisten. Die Zahl dieser Fälle ist in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen. Dafür gibt es mehrere Gründe.Lesen Sie auchEiner ist, dass die Unterhaltsvorschuss-Regelung unter der vormaligen Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) substanziell erweitert wurde. Waren einst nur Kinder bis zu zwölf Jahren berechtigt, wurde der Anspruch im Jahr 2017 unter bestimmten Voraussetzungen auf Kinder bis zum 18. Geburtstag ausgeweitet. Auch die frühere Höchstbezugsdauer von sechs Jahren wurde aufgehoben. Dabei handelt es sich um eine Mischleistung. 40 Prozent zahlt der Bund, 60 Prozent das Land, und so lasten die jährlich ansteigenden Ausgaben schwer auf beiden Haushalten. Städtetag, Landkreistag sowie Städte- und Gemeindebund drängen darauf, die 2017 betriebene Reform des Unterhaltsvorschusses wieder zurückzunehmen. Ein Plan, den offenbar nun auch die Bundesregierung aufgreift, wie aus einem Regierungspapier hervorgeht, das in Auszügen bekannt wurde.In Hamburg, wo die Kosten wie auch in anderen Bundesländern stetig steigen – im vergangenen Jahr beliefen sie sich auf 95 Millionen – will man künftig mit härteren Bandagen kämpfen. In einem ersten Schritt wurden sämtliche Abteilungen am Bezirksamt Wandsbek zusammengeführt. Noch ist die Umstrukturierung in vollem Gange, das Ziel aber ist klar: Ein Sachbearbeiter betreut künftig jeden Fall durchgehend – von der Bewilligung bis zum Rückgriff. Zudem sollen die Mitarbeiter künftig verstärkt vernetzt vorgehen, Fälle effektiver nachverfolgen und zügiger vollstrecken können. Darüber hinaus soll die Stelle einen eigenen Außendienst aufbauen, der säumige Elternteile und jene, die ihrer Mitwirkungspflicht nicht nachkommen, zu Hause aufsucht. Für 27.000 Kinder tritt die Stadt in Vorleistung. Die Zahl der offenen Fälle beträgt rund 44.000. Viele Kinder sind mittlerweile volljährig, die Nachforderungen bestehen aber fort.Mit dicken Fischen, also Vätern, die vermögend sind, sich aber auf dem Papier „arm“ rechnen, haben es McNeil und Zahnow eher selten zu tun. In diesen Fällen lassen Mütter meist die Höhe des Unterhalts gerichtlich festlegen. Wer nicht das nötige Kleingeld für Anwaltskosten hat, aber einen solventen Ex-Partner, kann sich von der Abteilung Beistandschaften des Jugendamtes bei der Verfolgung der Unterhaltsansprüche unterstützen und beraten lassen.Lesen Sie auchBei den meisten Fällen, die auf den Schreibtischen des Zentralamtes Unterhaltsvorschuss landen, ist schlichtweg wenig zu holen. Die Gründe, warum unterhaltspflichtige Elternteile nicht zahlen, sind vielschichtig. Väterverbände etwa beklagen, die Unterhaltsätze stünden im Missverhältnis zum Einkommen. Menschen, die nach Mindestlohn bezahlt werden, verdienten einfach nicht genug, um ausreichend Unterhalt zu zahlen, lautet die Kritik. So bekommt laut Düsseldorfer Tabelle ein sechsjähriges Kind, dessen Vater netto über 2000 Euro verfügt, mit 554 Euro Unterhalt nur neun Euro weniger als ein erwachsener Bürgergeldempfänger. Ausgezahlt wird jedoch weniger, da beim regulären Kindesunterhalt das hälftige Kindergeld abgezogen wird. Springt der Staat ein, beläuft sich der Unterhaltsvorschuss auf 299 Euro.Und so werten Alleinerziehendenverbände die Pläne, die Leistung wieder zu beschränken, als sozialen Kahlschlag. Die staatlichen Vorschussleistungen reichten lediglich, um Basis-Ausgaben zu decken. Je nach Alter gibt es zwischen 227 und 394 Euro für ein Kind; das entspricht dem Mindestunterhalt der Düsseldorfer Tabelle abzüglich des Kindergelds. Anspruchsberechtigt sind minderjährige Kinder, die bei einem Elternteil leben, wobei bestimmte Ausschlusskriterien gelten. Etwa dann, wenn die Mutter verheiratet ist oder in einem gemeinsamen Haushalt mit dem anderen Elternteil lebt oder Jugendliche sich bereits in einer vergüteten Ausbildung befinden. Bezieht eine Mutter Sozialleistungen, wird der Unterhaltsvorschuss angerechnet.Bei den meisten Vätern ist schlichtweg wenig zu holenEine große Zahl der Väter, mit denen das Zentralamt zu tun hat, ist nicht leistungsfähig. Ihr Anteil liegt bei etwa 48 Prozent. Und so haben es Jennifer McNeil und Maximilian Zahnow im Besonderen auf Betrugsfälle abgesehen. Eine Sisyphusarbeit, die sich allerdings auszahlt. „Wenn wir diese aufdecken, geht es recht schnell um hohe Beträge, und die rechnen sich“, sagt Jennifer McNeil. 60.000 Euro zahlt der Staat etwa, wenn er von der Geburt bis zur Volljährigkeit den Vorschuss leistet. Im vergangenen Jahr lag die Rückholquote bei 11,11 Prozent, McNeil hält eine Steigerung auf 15 innerhalb der nächsten Jahre für realistisch. Zum Vergleich: Bayern ist mit 26 Prozent am effektivsten, lässt sich aber aufgrund der Bevölkerungsstruktur nicht mit einer Großstadt wie Hamburg vergleichen. Je Prozentpunkt spare der Staat eine Million, rechnet die Leiterin vor. Insgesamt will sich die Stadt auf diese Weise rund 3,9 Millionen zurückholen. Für Jennifer McNeil geht es noch um etwas anderes: Sie will ein Signal senden. „Der Sozialstaat ist kein Selbstbedienungsladen. Es ist demokratiestärkend, zu wissen: Der Staat kümmert sich, er wehrt sich aber auch gegen jene, die ihn an der Nase herumführen wollen.“Reagiert ein Säumiger nicht, greifen die Mitarbeiter auf Daten sämtlicher Ämter zurück. Verzeichnet die Deutsche Rentenversicherung regelmäßige Zahlungen, werden Arbeitgeber befragt und der Vater, der von der Bildfläche verschwunden war, wird belangt. „Oft sind es Kleinigkeiten, die uns stutzig machen und einen ersten Verdacht liefern“, sagt McNeil. Beispielsweise, wenn sich eine Mutter beim persönlichen Gespräch in Widersprüche verwickelt, was die eigene Lebenssituation oder den Kontakt zum säumigen Elternteil betrifft.Lesen Sie auchNach einem anderen Vorgehen verlangen sogenannte „fiktive Fälle“. Also solche, in denen der Vater unbekannt ist. Hier wird es künftig deutlich schwieriger, Vorschüsse geltend zu machen, denn: „Das Gesetz basiert darauf, dass der Staat in Vorleistung geht für eine Person, von der sie sich das Geld theoretisch zurückholen kann. Gibt es keinen Namen, also keinerlei Ermittlungsansatz, kann bis auf Ausnahmen keine Bewilligung erteilt werden“, erklärt McNeil. Und so fühlen sie und Maximilian Zahnow manchen Müttern regelrecht auf den Zahn. Etwa, wenn Kinder das Ergebnis eines One-Night-Stands sind, sogenannte „Disco-Babys“. Natürlich sei es nicht schön, wenn Mitarbeiter die Frauen zu den Umständen der Kindeszeugung befragen müssten. Aber der Vorschuss sei eine freiwillige Leistung. „Manchmal fragen wir uns schon: Ist der Unbekannte aus jener verhängnisvollen Clubnacht der Mutter wirklich so unbekannt?“ Und so stelle sich hin und wieder heraus, dass der Name des mysteriösen Fremden doch ausfindig zu machen ist.Es sei wichtig, diese Fälle aufzudecken, sagt Maximilian Zahnow. „Damit der Vorschuss jenen zugutekomme, die ohne Hilfe tatsächlich verloren wären.“ Nie werde er eines seiner ersten Ermittlungsgespräche vergessen, bei dem er eine junge Frau befragen musste. Sie saß da, mit leerem Blick, und antwortete karg. Tränen liefen über ihre Wangen. Das Kind, dies wurde erst im Gespräch klar, war das Ergebnis einer Vergewaltigung. Täter: unbekannt. Diese Mutter erhält Unterhaltsvorschuss. Sie und andere seien der Grund, warum er hin und wieder bewusst den Gang ins Archiv wählt, sagt Maximilian Zahnow. „Man darf bei all den unterschiedlichen Fällen, mit denen wir es zu tun haben, nicht vergessen: Hinter jeder Akte verbirgt sich ein Kind.“Eva Eusterhus ist Redakteurin im Hamburg-Ressort von WELT und WELT AM SONNTAG.
„Hinter jeder Akte verbirgt sich ein Kind“: Warum Hamburg gegen säumige Eltern härter durchgreifen will - WELT
Der Staat zahlt für Millionen von Kindern Unterhaltsvorschuss und so überlegen viele Bundesländer wie sie das Geld konsequenter zurückholen können. Die Stadt Hamburg macht jetzt Jagd auf säumige Eltern. Eine Sisyphusarbeit, die sich am Ende auszahlt.






