Donald Trump feiert seinen 80. Geburtstag mit einem MMA-Spektakel – der Kampfsport wächst auch in der SchweizSelbst wenn der Gegner am Boden liegt, schlagen MMA-Kämpfer weiter zu. Ein junger Mann erzählt, was ihn daran fasziniert.Auch Würgegriffe sind beim MMA erlaubt. Der Amateurkämpfer Nikola Djuric trainiert sie mit Finian Imseng.Finian Imseng steht im achteckigen Käfig und fixiert seinen Gegner Dylan Mvondo. Sein nackter Brustkorb hebt und senkt sich. Ein Schlag mit den Handschuhen – dann stürzen sie sich aufeinander. Sie boxen, treten, ringen. Imseng packt Mvondos Bein, reisst ihn zu Boden. Er setzt sich auf ihn und schlägt auf ihn ein: auf Stirn, Ohr, Hals, bis der Schiedsrichter einschreitet. Das Publikum jubelt und skandiert seinen Namen: An diesem Abend verlässt Imseng das Oktagon als Sieger.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Imseng ist 23 Jahre alt, Sportstudent – und MMA-Kämpfer. MMA steht für Mixed Martial Arts. Dort tritt der Zürcher unter dem Namen «Iceman» an. Er trainiert eine Sportart, die weltweit wächst, auch in der Schweiz.MMA vereint Techniken verschiedener Kampfsportarten: Tritte, Kniestösse, Klammern, Würgen, Würfe. Selbst wenn der Gegner auf dem Boden liegt, wird weitergekämpft. Eine Runde endet, wenn die fünf Minuten vorbei sind, der Schiedsrichter eingreift, der Gegner dreimal abklopft – oder das Bewusstsein verliert.Die Szene wächst, doch sie ist umstrittenDiesen Sonntag könnte MMA so viele Zuschauer wie nie zuvor erreichen: Donald Trump feiert seinen 80. Geburtstag und den 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung der USA mit einem MMA-Kampf. Auf dem South Lawn des Weissen Hauses in Washington wird der Käfig stehen, in dem sich die Kämpfer duellieren.Ein Gladiatorenkampf vor dem Weissen Haus? Die Szenerie wirkt wie ein Spektakel aus einer anderen Zeit. Trump gibt sich als Anführer der harten Kerle, begeistert damit die Maga-Bewegung. Finian Imseng freut sich auf die Show; er werde den Kampf bestimmt schauen, sagt er. «Das ist eine phantastische Fight-Card mit den besten Athleten, die es derzeit gibt.»Die Politik dahinter blendet er aus. Doch er hätte sich gewünscht, dass MMA auf anderem Weg sichtbarer geworden wäre: «Trumps Show hilft unserem Sport bestimmt nicht.»Ein Käfig vor dem Weissen Haus: Die neu errichtete MMA-Arena in Washington.Alex Brandon / APDie Kritik an MMA ist laut: Oft heisst es, der Kampfsport verherrliche Gewalt, die Kämpfer seien brutale und kriminelle Schlägertypen. Sein Sport werde oft missverstanden, bedauert Imseng, der Ruhe ausstrahlt. Millimeterschnitt, knorpelige Ohren und Kratzer im Gesicht lassen den Kämpfer erahnen, der er ist.Er findet es ermüdend, sich ständig für seinen Sport rechtfertigen zu müssen. Doch er kann die Kritik teilweise nachvollziehen: «Wir bringen Kindern bei: Liegt jemand am Boden, schlägst du nicht weiter», sagt er. MMA-Kämpfer ignorieren diese Regel – sie trainieren genau dafür. Oft habe er Kämpfe aus dieser Lage gewonnen, sagt er: «Nur weil ich auf dem Rücken liege und Schläge einstecke, bin ich noch lange nicht wehrlos.»Seit fünf Jahren trainiert er in einem unscheinbaren Gebäude in der Regensdorfer Industriezone. Im dritten Stock liegt, etwas versteckt, der Fight Temple, in dem rund 300 Personen Kampfsport trainieren, die meisten kommen wegen MMA hierhin.In der Halle ist es kalt, die Fenster stehen offen, der beissende Schweissgeruch hat sich im Raum festgesetzt. Auf einem Schild an der Eingangstür steht: «In einem Krieg der Egos gewinnt immer der Verlierer.»Fünf Abende pro Woche verbringt Imseng im Fight Temple, zusätzlich leitet er einige Trainings. Hier bereitet er sich auf die Kämpfe vor, die er auf Amateurniveau absolviert. Er schätzt die Zahl der Schweizer Kämpfer auf einige hundert. Wie viele es genau sind, ist nirgends erfasst, doch es werden immer mehr.«Trumps Show hilft unserem Sport bestimmt nicht»: Finian «Iceman» Imseng, Schweizer MMA-Kämpfer.Während in den USA die Ultimate Fighting Championship (UFC), die weltweit dominierende Liga, Milliardenumsätze macht, ist die Szene in der Schweiz schlecht organisiert. MMA-Profis gibt es hierzulande nur eine Handvoll. Zwar existiert ein Verband, doch er organisiert keine Wettkämpfe. Inhaber von MMA-Schulen wollen das ändern und einen neuen gründen, der den Kampfsport in der Schweiz voranbringt. Imseng hofft, dass es bald eine Nationalmannschaft gibt, er Teil davon sein wird.MMA erobert TiktokNur wenige der MMA-Kämpfer steigen wie er tatsächlich in den Käfig. Die meisten begnügen sich mit dem Training, bei dem sie Technik üben, statt dem Gegner ernsthaft zu schaden. An diesem Abend führt Imseng Kinder spielerisch in die Grundlagen des Kampfsports ein. In die späteren Trainings kommen vor allem junge Männer. Wer MMA lernen will, arbeitet sich durch viele technische Grundlagen des Kampfsports – unter anderem aus Boxen, Ringen, Grappling.Füsse quietschen im Fight Temple auf der Matte, dumpfe Schläge hallen durch den Raum. Verschwitzte Körper ringen miteinander, Gesichter verziehen sich vor Anstrengung, bisweilen vor Schmerz. Manchmal überraschen Momente mit Zärtlichkeit. Männer fragen nach, ob es dem anderen gutgehe, nachdem sie ihn auf die Matte geworfen haben. Ein Mädchen bringt einen Jungen im Stand in eine Position, aus der er sich nicht befreien kann. Sie wirkt erschrocken über ihre eigene Stärke und fragt schüchtern, ob sie ihm weh getan habe.Edin Zrno leitet die MMA-Schule in Regensdorf. Dass MMA so populär wurde, hat laut ihm viel mit den sozialen Netzwerken zu tun. Videos von MMA-Kämpfen im Käfig fluten Tiktok, wo es rund 8 Millionen Beiträge mit dem Hashtag MMA gibt.Zrno stammt aus Bosnien, wo er Kickbox-Amateurmeister wurde. Später trainierte er Taekwondo, Ringen, Judo, Brazilian Jiu-Jitsu. Manche begännen mit MMA, weil sie die Gewalt und das Spektakel faszinierten, sagt er und kritisiert den «Zirkus» in den sozialen Netzwerken. Für ihn geht es im Kampfsport um Selbstvertrauen, Disziplin und um Respekt.Er schlug nie zurückFinian Imseng bewunderte als Jugendlicher den Mut der MMA-Kämpfer, wollte lernen, sich selbst zu verteidigen. Er wuchs in einer Familie auf, die Gewalt in jeder Form strikt ablehnte. Wegen seiner Art sei er oft in Konflikte geraten, erzählt er. Er scheute sich nie, seine Meinung zu sagen, prangerte Ungerechtigkeiten an – und wurde verprügelt. Nie schlug er zurück. Heute spricht er von einer Blockade, die er verspürte, sich selbst zu verteidigen.MMA verbindet verschiedene Kampftechniken: Training in Regensdorf.Als er 15 war, hörte er mit Fussball auf und begann mit MMA. «Es ist die vollkommenste Sportart, die ich mir vorstellen kann», sagt er. Technik, Taktik, Kraft, Ausdauer, Explosivität – und der psychische Druck. «Der ultimative Test hat mich gereizt.»Seitdem habe es nie wieder Situationen gegeben, in denen er sich ausgeliefert gefühlt habe, sagt er. Er fühlt sich selbstbewusster und ruhiger, löst Konflikte nach wie vor gewaltfrei. Er sagt: «Grundsätzlich bin ich noch immer absolut gegen Gewalt.» Er befürworte sie, wenn es darum gehe, sich oder andere zu verteidigen. Oder wenn sie wie im MMA im kontrollierten Rahmen stattfinde.Der Kampf als LebensschuleZehn Kämpfe hat Finian Imseng hinter sich. Beim ersten Mal kämpfte er instinktiv, ein «Überlebenskampf», wie er sagt. «Im Käfig offenbart sich das Innerste eines Menschen», sagt er, «wenn du einen Menschen unter Druck setzt, siehst du, was herauskommt.» Einige werden aggressiv, andere erstarren, wieder andere schaffen es, mit dem Druck umzugehen, die Gedanken zu kanalisieren. Imseng wurde von Kampf zu Kampf ruhiger.Er sagt: «Wenn du einmal diesen Druck erlebt hast, wird alles andere einfacher im Leben.» Eine Entwicklung bedinge einen Reiz. Diesen setze man erst, wenn man seine Grenzen überschreite, sagt er und klingt dabei wie ein Extremsportler.Den Kampf sieht er als Lebensschule. Gerade wenn er dominiert werde, mehrmals zu Boden geschlagen werde, brauche es viel, um wieder aufzustehen, durch die enorme Ermüdung durchzukämpfen: «Dann lernt man sich selbst kennen.»Weiterkämpfen, auch wenn der Gegner zu Boden geht – das gehört zu MMA.Doch besonders im Profibereich sind Verletzungen häufig: Die Kämpfer setzen ihre Gesundheit aufs Spiel. Die Schiedsrichter greifen später ein, Tritte mit Ellbogen und Knie zum Kopf des Gegners sind erlaubt. K.-o.-Schläge sind zwar seltener als beim Boxen. Todesfälle sind äusserst ungewöhnlich und treten vor allem bei kleinen und schlecht überwachten Veranstaltungen auf. Dennoch hat MMA im Vergleich zu anderen Kampfsportarten eine relativ hohe Verletzungsquote.Imseng hat sich bislang nur leichte Verletzungen zugezogen, noch nie einen Gegner bewusstlos geschlagen. «Darauf bereite ich mich nicht vor», sagt er. Sein Ziel sei es, den Gegner zu besiegen, nicht ihm zu schaden. Doch wie viel Schaden seine Faust anrichte, liege nicht in seiner Hand. «Wenn es passiert, dann passiert es.»Nach einem Kampf fühlt er sich seinem Gegner nah, die Distanz ist verflogen. Er weiss, was der andere durchgemacht hat.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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Selbst wenn der Gegner am Boden liegt, schlagen MMA-Kämpfer weiter zu. Ein junger Mann erzählt, was ihn daran fasziniert.












