KommentarFür ihn steht Stärke über allem: Donald Trump wird 80 Jahre alt – und verehrt, was ihm entgleitetEr huldigt einem Kult der Männlichkeit. Der Kampfsportanlass vor dem Weissen Haus zeigt das ebenso wie sein Angriff auf Iran. Doch die Welt ist kein Käfig. Mit purer Kraft gewinnt man weder Kriege noch Wahlen.14.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenTrump schaut sich den Kampf zwischen Alexandre Pantoja (oben) und Brandon Royval ganz genau an. Der Stärkere gewinnt, das ist klar.Sean M. Haffey / GettyManchmal erstarrte sein Gesicht mitten im Gespräch, der Blick wirkte leer, seine Gedanken schienen ins Universum zu entgleiten. Joe Biden war mit 80 ein gebrechlicher Mann. Unfähig, sein Amt als Präsident der Vereinigten Staaten länger auszuüben. Auch Donald Trump ist nun 80 Jahre alt. Und viele behaupten, er sei dement – wie Biden. Doch Trump ist weder dement noch greis.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seinen 80. Geburtstag nutzte er dazu, Stärke zu demonstrieren. Er liess auf der Wiese vor dem Weissen Haus einen Käfig aufstellen, in dem Mixed-Martial-Arts-Kämpfe stattfinden. Die härtesten Männer der Ultimate Fighting Championship (UFC) sollen sich dort am Sonntag die Köpfe einschlagen, bis es blutet. Trump wird aus nächster Nähe zusehen, er ist laut dem UFC-Präsidenten schliesslich der Toughste von allen.Seine Inszenierung als starker Mann hat Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf vor zwei Jahren geholfen. Mit seiner Glorifizierung der Männlichkeit gelang es ihm, junge Männer, die zuvor nichts mit Politik am Hut hatten, an die Urne zu bringen. Allerdings war es 2024 auch einfach, als starker Mann aufzutreten, sein Konkurrent Biden musste bekanntlich im Wahlkampf ausgewechselt werden, und viele junge Männer wollten mit der Wahl Trumps wohl auch ein Zeichen setzen gegen die damals verbreitete Wokeness. Eine Studie der Fairleigh Dickinson University zeigte, dass Männer, die Trump wählten, sich danach maskuliner fühlten.Seither haben sich aber viele junge Männer von Trump abgewendet. Ihnen ging es halt nicht nur darum, zu verhindern, dass sich noch mehr Typen die Fingernägel lackierten. Sie wollten auch, dass Trump ihr Leben verbessert, dass sie leichter Arbeit finden, ein Haus kaufen können. Doch genau das hat Trump ihnen erschwert. Seine Zölle und der Iran-Krieg haben Lebensmittel, Benzin, die Mieten und vieles mehr verteuert – wo er doch versprochen hatte, die Preise zu senken. Nun sagt Trump: «I love the inflation.» Viele dieser jungen Männer werden nicht mehr wählen gehen. Trumps Image als starker Mann hat sich nicht nur in Amerika abgenutzt, sondern auch in der Welt.Er war einst angetreten, um die von den USA geschaffene globale Weltordnung mit Freihandel, starken Allianzen und demokratischen Werten zu beenden. Trumps Politik sollte einzig auf der Grundlage von Amerikas Interessen und Amerikas Stärke fussen. Er sympathisiert mit autokratischen Machtpolitikern wie Wladimir Putin.Entsprechend lautete Trumps Analyse zum Ukraine-Krieg denn auch stets: Ukrainer, hört doch endlich auf zu kämpfen! Die Russen sind stärker! Er verstand auch das allgemeine Entsetzen nicht, als er versuchte, Grönland den USA einzuverleiben. Wie schrieb schon der griechische Historiker Thukydides? «Die Starken tun, was sie wollen, und die Schwachen müssen leiden, wie es halt so ist.» Es ist Trumps Mantra. Doch es erweist sich als Trugschluss.Die pure Macht des Stärkeren mag im Käfig eines UFC-Fights entscheidend sein, doch im Krieg reicht sie heute nicht mehr: Klassische militärische Überlegenheit half weder Putin, die Ukraine einzunehmen, noch den USA, Teheran in die Knie zu zwingen. Die Ukraine ist auch im fünften Kriegsjahr nicht geschlagen. Putin kann diesen Konflikt nicht mehr gewinnen. Heutige Kriege sind durch Drohnen asymmetrisch geworden, sie folgen immer weniger der Logik des Stärkeren.Mit der Androhung, Grönland zu übernehmen, schweisste er Europa zusammen – und musste die Übung abbrechen. Mit dem Angriff auf Iran verkalkulierte er sich komplett, auch weil er sich nie die Mühe machte, seinen vermeintlich unterlegenen Gegner zu verstehen. Die Iraner liessen mit der Blockade der Strasse von Hormuz den Konflikt auf der Ebene der globalen Wirtschaft eskalieren. Und zur grossen Verblüffung Trumps besteht das Regime in Teheran noch immer, obwohl die USA und Israel das Land 39 Tage lang so massiv bombardiert hatten, dass es sogar zu Engpässen beim Munitionsnachschub kam. Trump kann diesen Konflikt nicht mehr gewinnen; er scheint nicht einmal zu wissen, wie er gesichtswahrend wieder herauskommt. Seine vermeintliche Stärke wurde ihm zum Verhängnis.Vielleicht kann Trump an seinem Geburtstag nicht nur echten Männern beim Prügeln zuschauen, sondern auch einen Deal mit Iran bekanntgeben (dass er kurz bevorsteht, hat er mindestens 39 Mal angekündigt). Darin könnte stehen, dass die – vor dem Krieg offene – Strasse von Hormuz wieder geöffnet wird. Wie auch immer ein solches Memorandum of Understanding aussieht, Trump wird es als grossartigen Sieg verkaufen. Doch es wird ein Beleg seiner Schwäche sein.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel