Im Käfig vor dem Weissen Haus sollen sich Kämpfer mit nackten Fäusten verprügeln: Trump schenkt sich zum 80. Geburtstag einen modernen GladiatorenkampfMixed Martial Arts dürfte der brutalste Sport der Welt sein. Darin ein reines Maga-Spektakel zu sehen, greift allerdings zu kurz. Eine Reportage.25.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDer jüngste Grossevent wurde von Netflix live in Millionen Haushalte übertragen: Nate Diaz (links) kämpfte in Los Angeles gegen Mike Perry,PDNate Diaz krümmt sich. Der Schlag hat ihm die Luft abgeschnitten. Ein präziser linker Leberhaken unter dem Rippenbogen. Der Kämpfer, der zu den Stars des Mixed-Martial-Arts-Sports gehört, hält sich mit Mühe auf den Beinen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sein Kontrahent, Mike Perry, packt ihn. Drängt ihn ans Gitter, das die Kampfarena in einem Achteck umschliesst. In der Umklammerung landet der Herausforderer eine Reihe von Ellbogenstössen gegen seinen Kopf. Diaz läuft Blut über das Gesicht, irgendwie rettet er sich in die nächste Runde.Doch nach der Wiederaufnahme des Kampfes kann er wegen des Bluts, das ihm weiter ins Auge kullert, kaum sehen. Ein Faustschlag nach dem nächsten trifft ihn. Um einem Haken zu entgehen, zieht Diaz den Kopf instinktiv nach unten. In dem Moment donnert Perrys Knie krachend gegen Diaz’ Schläfe. Genau mit dem Gong, der das Ende der zweiten Runde markiert, sinkt Diaz benommen zu Boden.Er steht zwar noch einmal auf, schleppt sich mit letzter Kraft auf seinen Hocker. Er will nicht aufgeben, das tut er nie. Doch der Ringarzt drängt zum Abbruch, das Team von Diaz wirft schliesslich das Handtuch.Millionen schauten auf Netflix zuZehn Minuten hat der Kampf gedauert. Trotz der Niederlage hat Nate Diaz seinem Ruf, einer der zähesten Kämpfer zu sein, alle Ehre erwiesen. 16 000 Zuschauer im Intuit Dome in Inglewood, Los Angeles, feiern ihn fast so sehr wie den Sieger, Mike Perry.Auf Netflix, wo zum ersten Mal ein Kampf der Mixed Martial Arts (MMA) live übertragen wurde, hatten sich zudem Millionen Haushalte zugeschaltet. Bei den amerikanischen Zuschauern des Streamingdiensts belegt das Spektakel sogleich den ersten Rang in den Charts.Der brutalste Sport der Welt, so könnte man sagen, ist mit der Veranstaltung von vergangener Woche gesellschaftsfähig geworden. Doch die ganz grosse Bühne bekommen die umstrittenen Spiele erst noch. Denn am 14. Juni, zu seinem 80. Geburtstag, lässt Donald Trump einen MMA-Kampf auf dem Rasen des Weissen Hauses ausrichten.Für den Einlauf sollen die Kämpfer direkt aus dem Oval Office schreiten. Unter freiem Himmel, vor rund 5000 geladenen Gästen, werden sich unter anderem der amtierende Champion im Leichtgewicht, der georgisch-stämmige Ilia Topuria, und der amerikanische Publikumsliebling Justin Gaethje messen.Mitten im politischen Machtzentrum will sich der Präsident mit einer Art modernem Gladiatorenfest feiern lassen. Wie kaum ein Politiker seit dem römischen Imperium vor 2000 Jahren treibt Trump das «Politainment» auf die Spitze.Für Kritiker der gegenwärtigen Regierung spiegelt die Veranstaltung die Verrohung des Politbetriebs in Washington wider: ein Faustkampf in einem Käfig vor dem Weissen Haus als Ausdruck einer fortgeschrittenen politischen Degeneration.Nate Diaz konnte wegen des Bluts, das ihm ins Auge kullerte, kaum sehen. Ein Faustschlag nach dem andern traf ihn.PDSo stellt sich das Donald Trump vor: Für den Einlauf sollen die Kämpfer direkt aus dem Oval Office schreiten, bevor sie vor rund 5000 geladenen Gästen kämpfen.Jacquelyn Martin / AP«Ultimate Fighting» als politisches VehikelLinke assoziieren MMA mit toxischen Männlichkeitsbildern, mit martialischem Hurrapatriotismus, kurzum mit der rechten Maga-Bewegung.Denn Trump besucht regelmässig Kämpfe. Zuletzt schickte er im April seinen Vizepräsidenten J. D. Vance nach Pakistan, um dort ein Abkommen mit Iran auszuhandeln, während er selbst in Miami einem MMA-Spektakel beiwohnte.Ihn verbindet auch eine enge Männerfreundschaft mit Dana White, dem Chef des grössten MMA-Verbands, der Ultimate Fighting Championship (UFC). Der Anlass beim Weissen Haus läuft offiziell unter dem Namen «UFC Freedom 250», da er neben Trumps Geburtstag zu den Veranstaltungen rund um das 250-Jahr-Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung gehört.Schon seit zwanzig Jahren hätten Trump und White daran gearbeitet, Mixed Martial Arts «als halboffiziellen Sport seiner Bewegung zu verankern», schreibt die «New York Times». Laut dem britischen «Guardian» ging es darum, das Image des Präsidenten gezielt für eine junge, männliche Zielgruppe umzugestalten: Die UFC habe Trump «als den ultimativen Kämpfer reinzuwaschen» versucht. Der Verband sei «der Sportarm von Trumps Maga-Regime».Tatsächlich spielte die UFC eine aktive Rolle in Trumps Wiederwahlkampagne. Viele ihrer Kämpfer sprachen sich praktisch vom Käfig aus für ihn aus, während White etwa als Redner beim Parteitag der Republikaner (RNC) auftrat und Trump dort, kurz nach dem Attentatsversuch in Pennsylvania, als den «zähsten, resilientesten Mann auf diesem Planeten» feierte. Vermutlich half die UFC mehr als jede andere Organisation, junge Wähler für den Republikaner zu mobilisieren.Im Stadion in Inglewood zeigt sich jedoch, dass das nur das halbe Bild ist. Weit und breit ist kein Zuschauer mit einem Trump-Cap zu sehen. Im sehr diversen Publikum, bei dem viele Latinos auffallen, aber auch der Frauenanteil nicht zu knapp ist und sogar Familien mit Kindern im Grundschulalter vertreten sind, stechen nirgends politische Slogans ins Auge.Das mag zwar auch daran liegen, dass das Netflix-Spektakel nicht von der UFC veranstaltet wurde. Doch im Gespräch mit Zuschauern erhärtet sich der Eindruck, dass die Sportart, die weltweit 700 Millionen Fans begeistert, viel mehr ist als ein Maga-Spektakel.Das Weisse Haus ist eine Baustelle: Rechts entsteht der neue Ballsaal, und auf dem Rasen haben die Vorbereitungen für den MMA-Kampf begonnen.Pablo Martinez Monsivais / APIm April schaute sich Trump zusammen mit Elon Musk einen Kampf an. Dieser hatte seinen kleinen Sohn mitgebracht.Nathan Howard / ReutersDer Faustkampf macht alle gleichDer These, dass MMA eine Sportart der Rechten sei, stimme er nicht zu, sagt etwa Bobby Rock aus Los Angeles. «Daraus spricht für mich die politische Voreingenommenheit der Leute.» Der Mittdreissiger mit den langen Haaren, der das T-Shirt einer Metal-Band trägt, sieht den Sport als etwas, das über die Politik hinausgeht.Schliesslich, so sagt er, fühle sich bei einem Faustkampf jeder Zuschauer gleich. «Egal, was für eine Meinung man vertritt, man versteht, was es bedeutet, ins Gesicht geschlagen zu werden.» Für Rock ist MMA etwas, das die Amerikaner «vielleicht zusammenbringen kann, statt sie noch mehr zu spalten».Ganz ähnlich sieht es der junge MMA-Fan Trevor Stone. «Es ist nichts politisch daran», sagt auch er. Ihm gefalle, wie sich bei dem Zweikampf das Elementare im Menschen zeige. «Es gibt nichts Echteres, als wenn zwei Typen in einem Käfig stecken und die Sache untereinander austragen.» Allerdings, so fügt er hinzu, spreche der Sport womöglich Leute aus der Maga-Bewegung besonders an, da man in konservativen Kreisen eher dazu neige, die Realität zu sehen, statt sich in Phantasien zu flüchten.Bobby Rock, FanNZZEr selber habe Trump gewählt, erklärt Stone. Doch sei er sich bei dem Präsidenten inzwischen nicht mehr so sicher. Washington habe noch jeden Politiker korrumpiert, sagt er. Das könne man nun auch bei Trump beobachten. Aber dass er einen MMA-Kampf auf dem Rasen des Weissen Hauses veranstalte, sei schon «ziemlich cool». Als er davon erfahren habe, habe er es erst nicht glauben können.Andere Präsidenten hätten aber doch schon Verrückteres gemacht, wirft sein Freund Preston Watson ein. «Wir hatten einmal einen Präsidenten, der Bären vor dem Weissen Haus herumlaufen liess.» Thomas Jefferson hielt Anfang des 19. Jahrhunderts zwei Grizzly-Welpen im Gehege auf dem Südrasen. Das brachte ihm allerdings auch den Spott von politischen Gegnern ein, die von «Jeffersons Bärengarten» sprachen.Der Präsident wollte mit der Aktion nicht zuletzt eine Nähe zum einfachen Volk ausdrücken, doch Kritiker sahen die stinkenden Bären mitten im vornehmen Regierungsviertel als Symbol dafür, dass er die ungezähmte Wildnis ins Herz der amerikanischen Macht holen würde.Heute ist es der MMA-Kampf, der ganz ähnliche Reflexe auslöst. Aus eingezäunten Bären sind gut zweihundert Jahre später Faustkämpfer im Käfig geworden: Während die einen im MMA einen Rückfall in eine animalische Barbarei beklagen, sehen die Fans darin ein gesundes Ventil für das Ausleben von menschlichen Urtrieben.Dass dieses Argument zumindest nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt sich in der Arena in Inglewood, wo das zivilisierte Betragen des Publikums auffällt. In den Sitzreihen ist der Umgang sehr höflich. Hooligans gibt es keine, und anders als bei jedem Fussballspiel sind in den Rängen kaum aggressive Schlachtrufe auszumachen. Eher wird den Kämpfern, die ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, ehrerbietig zugeschaut.Plötzlich sitzt da Nate DiazDass man sich vor einem wie Nate Diaz auch nicht fürchten muss, erlebt der NZZ-Reporter ein paar Tage später. In einer schönen Art-Déco-Hotelbar in Santa Monica, am halbrunden Tresen sitzend, nimmt gegenüber ein Paar Platz.Die junge blonde Frau wirkt unscheinbar, er hievt sich etwas schwerfällig auf den Hocker. Vor allem aber fällt er wegen seiner dunklen Sonnenbrille auf. Als er sie absetzt, kommen komplett schwarz unterlaufene Augen zum Vorschein. Er sieht aus, als wäre er in einen brutalen Faustkampf verwickelt gewesen – und das ist er auch. Der Zufall hat Nate Diaz an diesem Dienstagabend in dasselbe Lokal geführt.Wir unterhalten uns kurz an der Bar. Er sagt, dass er gerne an dem Spektakel im Weissen Haus teilgenommen hätte. Aber er habe sich schon für einen Wettbewerb in Las Vegas verpflichtet. Am wichtigsten sei ihm, dass er kämpfen könne. Er ist stolz auf das, was er erreicht hat. Seine Partnerin Misty, seine Jugendliebe, mit der er drei Kinder hat, unterstützt ihn.Aber die Kämpfe, sagt sie, seien ihr zu brutal. «Ich kann das nicht schauen.»Ausserhalb des Rings sehr zugänglich: der Kämpfer Nate Diaz.PD / NZZ – BildredaktionPassend zum Artikel