Die Hochzeit der Prinzessin sollte Protestanten und Katholiken versöhnen: Sie endete in einem blutigen MassakerIm August 1572 wurde der Hugenottenführer Gaspard de Coligny von einer Gruppe von Bewaffneten getötet. Er war eines der ersten Opfer der Bartholomäusnacht, eines der grössten Massenmorde der französischen Religionskriege.Volker Reinhardt14.06.2026, 05.30 Uhr11 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZDiesen Mordanschlag haben die Päpste seit 453 Jahren vor Augen, wenn sie Staatsgäste empfangen oder hohe kirchliche Feste begehen. Im ersten seiner drei Fresken in der vatikanischen Sala Regia hat Giorgio Vasari, seines Zeichens Herr der Künste und eine Art Kulturminister von Florenz, im Auftrag Papst Gregors XIII. die dramatischen Ereignisse vom August 1572 gemalt, die Frankreich bis heute bewegen – wie mehr als zwanzig Verfilmungen und unzählige Romane belegen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vasaris Bilderfolge entstand unmittelbar danach, im Jahr 1573. Sie ist also eine Illustration erregender Zeitgeschichte, fast eine Art Pressefoto. Und ein Fake: Um historische Ereignisse zu fälschen, brauchte man keine KI, ein päpstlicher Auftraggeber, der der Welt seine Sicht der Dinge vermitteln und die Deutungshoheit darüber gewinnen wollte, reichte völlig aus.Eine Fälschung ist das Auftaktfresko der Serie durch die Szenerie, die mit dem Rundtempelchen im Hintergrund eindeutig auf römisch getrimmt ist. Das Attentat auf Gaspard de Coligny, Admiral und Pair von Frankreich, das hier verewigt wird, fand jedoch in einer engen Gasse von Paris statt. Und verantwortlich dafür war auch nicht wie im Bild ein Engel im Strahlenkranz, der anzeigt, dass hier im Auftrag des Papstes Gottes Wille geschieht. Sondern ein Profikiller namens Louviers de Maurevert – ein ziemlich schlechter übrigens.Sein Zielobjekt Coligny hatte er schon einige Jahre zuvor verfehlt, als er stattdessen einen von dessen Gefolgsleuten tötete. Auch im zweiten Anlauf zeigte er sich seiner blutigen Aufgabe nicht besser gewachsen. Statt seinem Opfer ins Herz zu schiessen, schoss er ihm nur den Zeigefinger der linken Hand weg und eine weitere Kugel in den Arm. Auch das ist in Vasaris Bild bewusst verfälscht, hier verliert Coligny zwei Finger seiner rechten Hand, der Schwurhand.Die Botschaft des Bildes ist eindeutig: Hier hat ein vornehmer Edelmann seine heiligsten Eide gebrochen und Gott und dessen Stellvertreter auf Erden, den Papst, verraten. Als Erzketzer ist er die Inkarnation des Bösen schlechthin, wie im nachfolgenden Fresko gezeigt wird: Dort wird er als Gehilfe Satans aus dem Fenster geschleudert, während seine Handlanger als teuflische Kreaturen von den Soldaten des rechtgläubigen Königs abgeschlachtet werden, zum Segen aller guten Menschen und zur Bestätigung des wahren Glaubens, wie das dritte, abschliessende Bild zeigt.Mörderischer HassEine bessere Einführung in die «Bartholomäusnacht» als Vasaris Fresken gibt es bis heute nicht. Es ist die Nacht vom 23. auf den 24. August 1572, die im kollektiven Gedächtnis Frankreichs bis heute präsent ist. Speziell die Mentalitäten der Zeit und damit der mörderische Hass und die daraus entspringenden Orgien der Gewalt sind von Vasari einprägsamer festgehalten, als es alle Schilderungen und Deutungen in Worten vermögen. Um im Abstand von mehr als vier Jahrhunderten auch nur ansatzweise nachzuvollziehen, was damals geschah – von «verstehen» kann keine Rede sein, dazu ist uns diese Zeit zu fremd –, müssen wir ein gutes Jahrzehnt auf dem Zeitstrahl zurückgehen.Seit dem Ende der 1550er Jahre begannen Emissäre des Genfer Reformators Jean Calvin damit, in Frankreich zu missionieren und Gemeinden einer neuen Kirche zu gründen. Wie die Lehre, auf die er sich stützte, verstand sich diese Kirche als nahtlose Anknüpfung an die durch die perfiden Verdunkelungen des Papsttums abgebrochene heilige Tradition der Urkirche. Deshalb nannte sie sich «réformé», wiederhergestellt.Calvin erteilte nicht nur dem Papst in Rom, den er als Antichrist verdammte, eine Absage, sondern er definierte zentrale Aussagen der christlichen Lehre anders. So, wie sie seiner Auffassung nach immer hätten lauten sollen: Gott hat den Menschen vor seiner Geburt zu Verdammnis oder Erlösung vorherbestimmt, dieser kann also gar nichts für sein Heil tun. Gute Werke sind dafür nicht wirksam, ausschlaggebend für Himmel oder Hölle ist allein die unverdiente göttliche Gnade.Ob er zu den wenigen Erlösten oder zu den vielen Verworfenen gehört, kann der Einzelne vor seinem Tod nicht in Erfahrung bringen. Orakelspiele wie der Blick in Kontoauszüge nach dem Muster: Wenn ich Erfolg habe, bin ich erwählt, helfen Calvins Meinung nach nicht weiter. Im Gegenteil: Sie sind frevelhafte Neugier und von Gott verboten. Der Mensch hat sich daher als sündhaftes Geschöpf zu verstehen und sein ganzes Leben dem Lob seines Schöpfers unterzuordnen, und zwar durch unaufhörliche Arbeit und den Verzicht auf alle flüchtigen Genüsse des Lebens.Calvins Reformation war ganzheitlich, sie umfasste sämtliche Lebensbereiche und schrieb eine strenge, rigoros überwachte Lebensordnung vor. Wer sich diesen Regeln auch nur im Kleinsten widersetzte – zum Beispiel durch öffentliche Trunkenheit oder Urinieren auf offener Strasse –, wurde vor das religiöse Sittengericht, das Konsistorium, zitiert. Ehebruch war sogar ein Kapitalverbrechen, das mit dem Tod bestraft werden konnte.Calvins politische LehreWer fand diese in engster Absprache mit den oligarchisch-republikanischen Instanzen der Republik Genf kooperierende Kirche im politisch, sozial und kulturell ganz anders gearteten Frankreich attraktiv? Zum einen der gewerblich tätige Mittelstand der grösseren Städte, dessen von herber Pflichtmoral diktierte Lebensführung in Calvins Lehre zur allgemeinen Norm erhoben wurde. Zum anderen ein beträchtlicher Teil des französischen Adels, speziell seiner führenden Clans, der dadurch seine Rolle in Gesellschaft und Staat aufgewertet, ja mit neuem Sinn versehen sah.Unter der Regierung König Franz I. (1515–47) waren die grossen aristokratischen Familien zunehmend aus den wichtigsten Regierungsfunktionen verdrängt worden, und zwar zugunsten von Aufsteigern aus ursprünglich bürgerlichen Schichten, die teure Schlüsselämter gekauft hatten und damit zu einer für die alte Führungsschicht gefährlichen Sekundärelite aufgestiegen waren.Attraktiv war Calvins politische Lehre für den französischen Adel, der wegen dieses Machtverlusts grollte, aber bis 1559 unter der relativ starken königlichen Herrschaft im Grossen und Ganzen Ruhe gab. Könige, so lehrte der Genfer Reformator, sind sündhafte Menschen wie alle anderen auch. Die göttliche Gnade, die dem französischen König angeblich bei seinem Amtsantritt durch seine feierliche Weihe in der Kathedrale von Reims verliehen wird, ist nichts als Lug und Trug. Machtfülle, so Calvins Überzeugung, macht den Menschen schlecht, aus Königen werden gesetzmässig Tyrannen. Gute Herrschaft ist reichhaltig aufgeteilt und abgestuft, pflichtbewusste Richter und Vertreter der führenden Stände haben dem Monarchen auf die Finger zu schauen und ihn notfalls, wenn er sich nicht an die Gesetze hält, abzusetzen.Mit dieser Politiklehre wurde die reformierte Konfession zu einer Ideologie der französischen Hocharistokratie in ihrem Kampf um Mitregierung an der Seite des Königs und um weitreichende Autonomie in ihren Heimatprovinzen. Bis zur Mitte der 1560er Jahre dürften etwa zehn Prozent der französischen Bevölkerung zum reformierten Glauben übergetreten und damit «Hugenotten» geworden sein – das Wort ist wahrscheinlich aus einer Verballhornung von «Eidgenossen» entstanden und war nicht nett gemeint, sondern ein volkstümliches Synonym für «Ketzer».Aber warum entsprangen einer solchen Spaltung des Glaubens und der Kirche Exzesse der Grausamkeit, wie man sie nie zuvor gesehen hatte? Warum wurden «Glaubensfeinde» lebendig begraben, ungeborene Kinder den Müttern aus dem Leib geschnitten, die Körperteile grausam hingerichteter Ketzer roh und rituell verzehrt, zum Gebet versammelte Gemeinden der abweichenden Glaubensrichtung lebendigen Leibes verbrannt? Warum verging in kaum einer grösseren Stadt Frankreichs ein Jahr ohne Massaker an der jeweiligen religiösen Minderheit?Töten zum Lob GottesDer kluge Menschenforscher Michel de Montaigne fand in seinen 1580 erstmals publizierten «Essais» eine einleuchtende Erklärung: Es ging nicht um den Glauben. Dieser war nur ein Vorwand für das Ausleben einer Zerstörungswut und einer Lust am Quälen, die dem Menschen leider angeboren war und nur durch eine systematische Einübung in Güte und Toleranz unterdrückt werden konnte.Für dieses Austoben finsterer Neigungen bot die kirchliche Spaltung laut Montaigne die besten Voraussetzungen: Wer seinen Nachbarn schon immer hasste, fand in dessen «falschem» Glauben jetzt die ideale Begründung dafür, ihn guten Gewissens umzubringen und dafür sogar noch Bonuspunkte bei Gott und für die Seligkeit im Paradies einzuheimsen. Dörfler, die die Gemarkungsgrenze zum andersgläubigen Nachbarweiler schon lange zu ihren Gunsten verrücken wollten, schritten jetzt im Namen des Herrn zur Tat, verschoben die Grenzsteine und schlugen die lästigen Konkurrenten auf der anderen Seite des Hügels bei dieser Gelegenheit vorsichtshalber und zum Lob Gottes tot.So gab es jetzt in Frankreich zwei Konfliktebenen: den «Graswurzelkrieg» vor Ort unter aktiver Beteiligung der kleinen Leute – und den «Machtverteilungskrieg» des Adels, der im Namen Gottes ein dezentralisiertes Frankreich beherrschen wollte. Auch in diesen Auseinandersetzungen häuften sich die Exzesse unvorstellbarer Brutalität. Schon in einem der ersten kirchlich-konfessionell verbrämten Zusammenstösse im Namen des Glaubens vom März 1560 gab es in der waldreichen Umgebung des Schlosses von Amboise kaum einen Baum, an dem nicht ein Gehängter hing.Ein erster Rückschluss für die Erklärung des in Rom bildlich verewigten Anschlags lautet somit: Das Attentat vom August 1572, das eine Reihe kolossaler Massaker in Paris und in fast allen grösseren Städten Frankreichs auslöste, ist das Kennzeichen einer durch und durch verrohten Zeit. Die kultivierten Botschafter der Republik Venedig schrieben entsetzte Briefe an ihre Auftraggeber in der Lagunenstadt: Das einstmals so gastfreundliche und kultivierte französische Volk ist zu mörderischen Bestien mutiert, die Dörfer sind verwüstet, die Felder unbestellt, Hunger und Pest wüten ungebremst.Damit stellt sich die Frage, was die französische Monarchie gegen diese Auflösung aller öffentlichen Ordnung unternahm. Die Macht lag ab 1560 bei einer Frau und Ausländerin: Caterina de’ Medici aus Florenz, die Witwe des bei einem Ritterturnier im Juli 1559 tödlich verunglückten Königs Heinrich II., regierte im Namen ihres bis 1563 unmündigen und bis zu seinem frühen Tod 1574 unselbständigen Sohns Karl IX.Handlangerin SatansFür diesen Job hatte sie denkbar schlechte Karten: Ihr Urururgrossvater Cosimo de’ Medici, der seinen im Bankgewerbe erworbenen Reichtum ab 1434 in die indirekte Herrschaft über Florenz umgemünzt hatte, war für den französischen Adel ein schäbiger Wucherer, sie selbst eine dubiose Aufsteigerin, der man alle schlechten Eigenschaften ihrer in Frankreich verhassten Nation zuschrieb: Ehebrecherin, Orgienveranstalterin, Giftmischerin, systematische Zerstörerin des lauteren französischen Nationalcharakters – so lauteten die gängigen Klischees in den zahlreichen ihr gewidmeten Hassschriften.Für die Anhänger der reformierten Konfession war sie als Grossnichte zweier Päpste ohnehin eine Handlangerin Satans. Vieles spricht zudem dafür, dass sich ihr nachtschwarzes Image auf ihre drei Söhne übertrug, die unter ihrer Regie als Könige auftraten, aber kaum je regierten. Die Chancen für eine friedliche Beilegung der im Namen der Religion geführten Bürgerkriege waren damit von vornherein gering.Dabei machte Caterina an sich alles richtig: Sie versammelte reformierte und katholische Theologen zu einem Religionsgespräch, das Einigung und Versöhnung herbeiführen sollte, aber in wüsten gegenseitigen Beschimpfungen endete. Sie liess Karl IX. Edikte unterschreiben, die nichts unversucht liessen, um die Selbstzerfleischung zu verhindern: Zulassungen der Minderheitskonfession wahlweise in adeligen Schlössern oder ausgewählten Orten wechselten sich mit Totalverboten und weitreichenden Freigaben ab.Doch es half alles nichts: Die hochadeligen Anführer der Hugenotten-Partei pochten auf eine völlige Gleichstellung, die ihnen zugleich weitgehende politische Unabhängigkeit einräumen würde, und die kleinen Leute liessen sich ihre zur lieben Gewohnheit gewordenen Massaker nicht nehmen. Vor dem Hintergrund dieser Aussichtslosigkeit zeichnete sich allmählich die Alternative eines grossen Coups ab, zu dem Frankreichs Nachbar im Westen, der ultrakatholische König Philipp II., von Anfang an riet: die Ketzerei mit Stumpf und Stiel ausrotten und damit an der Spitze beginnen!Doch wie? Rein militärisch war wenig zu machen. Die königlichen Truppen hatten zwar die meisten Scharmützel gewonnen, doch die Hugenotten fanden danach stets neue Ressourcen in ihren Hochburgen um Nîmes und La Rochelle. Auch gerichtliche Verurteilungen nützten nichts – der angesehenste Anführer der Hugenotten, Admiral Gaspard de Coligny, wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt und «in effigie», das heisst: symbolisch, hingerichtet, doch auch das schwächte seine Partei nicht wirklich.Aussenpolitische Konflikte verschärften die innerfranzösische Lage zusehends: Ab 1566 erhoben sich unter der Führung reformierter Eliten weite Teile der Niederlande gegen die spanische Herrschaft, und die französischen Hugenotten plädierten dafür, diesen Kampf ihrer Glaubensgenossen militärisch zu unterstützen. Diesen Plan machte Coligny König Karl IX. so schmackhaft, dass dieser der Entsendung eines französischen Truppenkontingents zustimmte. Für Caterina de’ Medici ging es jetzt um alles oder nichts: um die Macht über ihren Sohn und damit über Frankreich und gegen eine in ihren Augen fatale politische Weichenstellung, die den Krieg Frankreichs gegen Spanien zur Folge haben musste.Ihre Gegenmassnahmen bestanden darin, sich mit Coligny und seinen Anhängern zu versöhnen und diesen Frieden mit einer spektakulären Heirat zu krönen: Der achtzehnjährige König des Kleinkönigreichs Navarra, das von dessen ultracalvinistischer Mutter Jeanne d’Albret regiert wurde, sollte ihre gleichaltrige katholische Tochter Marguerite de Valois heiraten. Zu diesem Fest der wiedergewonnenen Eintracht und Einheit, das am 18. August 1572 in der Pariser Kathedrale Notre-Dame gefeiert werden sollte, seien alle guten Franzosen eingeladen, wurde verkündet – ob katholisch oder reformiert.War damit die Eliminierung Colignys und seines gesamten Führungsstabs beschlossen? Über wenige Fragen hat die Geschichtsforschung so heftig gestritten wie über diese: Verdammungen und Freisprüche Caterina de’ Medicis wechseln sich bis heute ab, und beide sind gleichermassen unangebracht. In der Politik des 16. Jahrhunderts war das Prinzip der Staatsräson, die es erlaubte, in Krisensituationen mit den verbindlichen moralischen Regeln zu brechen, hinter vorgehaltener Hand längst allgemein anerkannt, das sahen und praktizierten die Hugenotten auch nicht anders.Caterina handelte nach den Normen des Staatsnotstands also legitim, nach den Massstäben des Papstes erfüllte sie sogar eine heilige Pflicht. Zudem liessen ihre Planungen den Ausgang offen – mit anderen Worten: Die potenziellen Opfer hatten eine Überlebenschance. Und zwar dann, wenn es der Königinmutter gelang, ihren Einfluss auf ihren Sohn zurückzugewinnen und diesen von einer noch viel grösseren Intervention in den Niederlanden abzuhalten. Dieses Ringen spitzte sich zwischen Mai und August 1572 zu. Einmal hatte Caterina die Nase vorn, dann wieder Coligny. Als dieser nach seiner Ankunft in Paris im Juli 1572 als Sieger im Ringen um die königliche Gunst dastand, war sein Schicksal besiegelt.Aber warum waren er und die anderen Hugenottenführer überhaupt nach Paris, in die Höhle des Löwen, gekommen? Offenbar vertrauten sie dem königlichen Geleit- und Schutzversprechen, trotz allem Misstrauen gegenüber dessen dominanter Mutter – Mentalitäten sind konservativer als alle rationalen Einsichten. Nach der Eheschliessung zwischen Heinrich von Navarra und Marguerite de Valois trat damit Caterinas Plan B in Kraft. Am 22. August, kurz vor elf Uhr vormittags, schoss der gedungene Attentäter Maurevert auf Coligny, ohne ihn tödlich zu verletzen.Nieder mit den Ketzern!Doch das spielte keine grosse Rolle, denn dieser Anschlag war ohnehin nur als Auftakt zur kollektiven Enthauptung der Hugenottenführung geplant. Und so ging es denn auch weiter: In Caterinas Auftrag wurde die ultrakatholische Stadtmiliz von Paris darüber informiert, dass in der Nacht vom 23. auf den 24. August eine Sturmglocke dazu aufrufen würde, das verdammte Ketzergezücht endlich zu eliminieren. Gleichzeitig wurde unter dem Vorsitz Caterinas ausgehandelt, welcher ihrer adeligen Höflinge welchen Hugenottenführer umbringen durfte; besonders intensiv tobte die Konkurrenz im Falle Colignys, bis sich hier das Prinzip der Vendetta durchsetzte.Kurz darauf liess Caterina das vereinbarte Signal geben, und in ganz Paris brach die Nacht der langen Messer an. Wie viele reformierte Pariserinnen und Pariser dem Massaker zum Opfer fielen, lässt sich nur grob abschätzen – seriöse Berichte listen 5000 bis 6000 Tote auf. In den bis Oktober dauernden Anschlussgemetzeln kamen in zahlreichen weiteren Städten Frankreichs zusätzlich 50 000 bis 60 000 Hugenotten ums Leben.König Karl IX. rechtfertigte die Ausschaltung der Hugenotten-Führung als Notwehr gegen einen von diesen geplanten Staatsstreich. Doch davon kann keine Rede sein, sonst hätten sich Coligny und Genossen effizienter verteidigt. Als Caterina ihre frisch vermählte Tochter Marguerite de Valois wenige Tage nach dem Massaker fragte, ob sie von ihrem Gatten «entheiratet» werden wollte, verneinte diese empört – und rettete damit dem künftigen Retter Frankreichs, König Heinrich IV., das Leben, zumindest wenn man ihren bis heute sehr lesenswerten Memoiren glaubt.Dieser beendete die französischen Bürgerkriege nach sechsunddreissig Jahren im April 1598 durch das Toleranzedikt von Nantes, das den Hugenotten ausser in Paris und am Hof freie Religionsausübung und zivilrechtliche Gleichstellung gewährte. Das Attentat auf Coligny und die nachfolgende Ereigniskette aber brannten sich in das kollektive Gedächtnis Frankreichs bis heute als Memento ein: Nur ein sehr starker, zentralisierter Staat kann den Zerfall des Landes und die Selbstzerstörung verhindern.Volker Reinhardt ist emeritierter Professor für allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Freiburg i. Ü.Der politische MordVerschwörungen, Attentate und politische Morde prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Welche Nebenwirkungen haben sie? Und was passiert mit den Opfern und den Tätern? In einer Artikelserie widmet sich die NZZ in den kommenden Wochen einigen der gravierendsten politischen Morde der Weltgeschichte. Am 20. Juni lesen Sie über die Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, der am 22. November 1963 in Dallas von Lee Harvey Oswald erschossen wurde. Die Umstände des Attentats sind bis heute nicht ganz geklärt.Passend zum Artikel