Die Enthauptung kostete 23 Pfund und 6 Schillinge: Tausend Tage lang war Anne Boleyn Königin von England. Dann liess ihr Mann sie hinrichtenDas erste Mal steht eine Frau an der Spitze der Church of England. Die Kirche hat eine bewegte Entstehungsgeschichte.Ursula Kastler15.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenBelesen, stolz und ehrgeizig: Anne Boleyn in einem Porträtbild eines unbekannten Künstlers.National Portrait Gallery / Robert Alexander / GettySie trägt ein Kleid aus grauem Damast und den Kopf hoch. Ihr brünettes Haar mit dem rötlichen Schimmer bindet sie eigenhändig unter die leinene Haube. Dann kniet sie nieder. Sie blickt sich noch einmal um. Nicht aus Todesangst. Die hat sie in den Mauern des Towers von London zurückgelassen, zusammen mit ihrer Wut und ihrer Verzweiflung. Doch bis zur letzten Minute kann sie es nicht begreifen: Der Mann, der sie geliebt und geachtet hat, rettet sie nicht. Er schickt keinen Boten, keinen Gnadenbrief.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am 19. Mai 1536 starb Anne Boleyn, sechsunddreissig Jahre alt und gekrönte Gemahlin Heinrichs VIII., unter dem sauberen Schwerthieb des Scharfrichters. Es werde leicht gehen, sagte sie noch. Ihr Hals sei schlank. Ihr Schicksal beschäftigt seitdem nicht nur Romanautoren, Filmemacher und britische wie französische Historiker. Seit März hat zum ersten Mal in der Geschichte eine Frau das hohe Bischofsamt von Canterbury inne.Sarah Mullally ist damit das spirituelle Oberhaupt der Church of England. Die Erzbischöfin könnte sich daran erinnern, wie diese Staatskirche, die immer noch dem jeweiligen britischen Monarchen untersteht, entstanden ist: aus den Feuern der Scheiterhaufen und den Schreien der Gefolterten. Und aus dem Drama dreier Menschen, das nie privat, sondern immer politisch war.Heinrich aus dem Hause Tudor ist das Briefeschreiben verhasst. Doch nun, mit fünfunddreissig Jahren, schwer verliebt und noch schwerer unter Druck, nimmt er die Feder zur Hand. Seit «mehr als einem Jahr bin ich vom Pfeil der Liebe verwundet und weiss nicht, ob ich scheitern oder einen Platz in Deinem Herzen und in Deiner Liebe finden werde», schreibt er.Das reizende BrüstchenEr sei in grosser Pein. Er wende sich an sein «sweetheart» und wünsche sich «Dich in meinen Armen zu halten oder in den Deinen zu sein». Er verfasse diesmal nur einen kurzen Brief, weil er Kopfschmerzen habe, aber «ich wünsche mich besonders des Abends in die Arme meines süssen Herzchens, dessen reizende Brüstchen ich bald zu küssen hoffe». Er malt um die Buchstaben A und B ein Herz.Siebzehn Liebesbriefe von Heinrich VIII. an Anne Boleyn blieben in den Vatikanischen Archiven erhalten. Die Historiker sind sich einig, dass des Königs Gefühle nicht geheuchelt waren. Sie zeigen eine Facette seiner Persönlichkeit, die mit ihren Widersprüchen Rätsel aufgibt: Wie konnte ein feinsinniger Mann, der mehrere Sprachen beherrschte, die Kunst förderte, tief gläubig und theologisch gebildet war, mit demselben Federstrich so kalt und gewissenlos das Leben anderer Menschen beenden?Eine Antwort liegt abseits küchenpsychologischer Spätdiagnosen in der Politik des 16. Jahrhunderts – und wie zu allen Zeiten im Faktor Macht. Die Tudors hatten sich in den Rosenkriegen zwischen den Häusern York und Lancaster auf den Thron geputscht, der in zweiter Generation mehr denn je wackelte, weil etliche Lords knurrend um den Herrschersessel strichen. Nach dem frühen Tod seines Bruders musste nun Heinrich regieren und dessen Witwe Katharina von Aragon heiraten.Die Ehe war von gegenseitigem Respekt getragen, bis nach achtzehn Jahren klar war, dass nach Fehlgeburten kein Thronfolger mehr auf die Welt kommen würde. Die Tochter Mary kam nicht infrage. Frauen starben damals meist im Kindbett, und ein Ehemann samt Sippe hätte den Tudors vielleicht die Regierung entrissen. Heinrich wollte also die Ehe mit päpstlichem Dispens annullieren lassen. Er liess Katharina verbannen. Sie widersetzte sich um des Machtanspruchs ihrer Tochter willen und instrumentalisierte ihren erzkatholischen habsburgischen Neffen, Kaiser Karl V., und den Papst. In dieser Lage betrat Anne Boleyn die Bühne. Und halb Europa sollte die nächsten Jahre atemlos der Schlammschlacht zusehen.Belesen, stolz und ehrgeizigDie Boleyns hatten bis dahin alles richtig gemacht. Vom 15. Jahrhundert an, als sie im Textilhandel und als Bankiers reich wurden, schliesslich in den tonangebenden Adel einheirateten, hatten sie daran gearbeitet, an den Honigtopf der Macht zu gelangen. Er war nun in greifbarer Nähe. Der Vater Thomas Boleyn bewegte sich als gewiefter Diplomat im Vertrauenskreis Heinrichs VIII. Für Anne, vielversprechend talentiert und früh selbstbewusst, kam nur die beste Bildung infrage.Thomas Boleyn schickte sie nach Mechelen zu Margarete von Österreich, Statthalterin der habsburgischen Niederlande. Danach sammelte Anne am französischen Hof unter Franz I. und dessen einflussreicher Schwester Marguerite d’Angoulême Erfahrungen. Dort lernte sie reformatorisches Gedankengut kennen. In den deutschen Landen predigte Martin Luther. In Frankreich gehörte Johannes Calvin zu den führenden Humanisten. Bald sollte er von Genf aus die Mauern der katholischen Welt einreissen.Die Hinrichtung von Anne Boleyn am 19. Mai 1536 in einem Kupferstich nach einem Bild von Jan Luyken.GettyAls Anne Boleyn mit 25 Jahren Heinrich begegnete, war sie eine ebenbürtige Partnerin. Belesen, stolz und ehrgeizig, willens eine gute Partie zu machen. Kaum in ihrer Machtposition, verteilte sie an ihren Clan den Nektar: Die Günstlinge bekamen Güter, Geld und Privilegien. Dass sie auch die Armen im Land unterstützte, nahm kaum jemand zur Kenntnis. Schon gar nicht die Partei Katharinas, die in ihr nur die Hure sah. In der höfischen Schlangengrube saugten sich die Vipern fest. Noch hatten sie keine Chance.Als Anne, ohne Ring am Finger, ein Kind erwartete, preschte Heinrich vor. Er hatte sechs Jahre lang versucht, den Papst zu überreden, ihm zu drohen. Er hatte von Oxford bis Bologna Gutachten gekauft. Er hatte Franz I. für sich eingespannt. Doch der Papst, genötigt von Karl V., der in seiner Machtkalkulation Maria als Thronerbin sehen wollte, lieferte nicht. Anne wollte jetzt Nägel mit Köpfen sehen. Heinrich sagte sich von Rom los. Bis zu den letzten Galgenvögeln sollten ihn alle als Oberhaupt der Kirche von England anerkennen.Die Vipern beissen zuSein mit den Boleyns nach oben gestiegener Sekretär Thomas Cromwell krempelte die Ärmel auf. Er löste mit brutaler Gewalt Klöster auf, vernichtete die beliebten Reliquien, setzte den Klerus auf die Strasse. Zusammen mit Anne machte er Druck, dass die Bibel in die Landessprache übersetzt wurde. Sie bestimmte, wer nun Bischof wurde. Wer sich widersetzte, galt als Hochverräter. Vom königlichen Berater, der zu wenig spurte, bis zum Mönch. Den Henkern ging die Arbeit nicht aus. Die Historiker sprechen von bis zu 70 000 Opfern. Es traf die «Reformierten», die sich zu Luther bekannten, den Heinrich hasste, weil er von dieser Seite politischen Aufruhr vermutete. Es traf die «Papisten», die ihrem Heiligen Vater in Rom die Treue hielten.Am Ende traf es Anne. Sie war nun tausend Tage lang Königin. Sie fühlte sich sicher, machte Politik für ihren Clan und für die Reformation. Sie opponierte gegen Cromwells aussenpolitische Wende von Frankreich zu Habsburg. Über Heinrichs Potenz soll sie sich forsch lustig gemacht haben. Doch ausser Tochter Elizabeth hatte sie nicht die gewünschte Geburtenbilanz vorzuweisen. Das Volk, zum Aufstand bereit, verabscheute sie als Religionsspalterin. Ihr Stern sank wie der Glücksplanet all derer, die für Heinrichs Machtpläne zum Hindernis wurden. Die Vipern bissen zu.Thomas Cromwell liess bestechen und foltern. Die Anklage lautete auf Ehebruch mit Höflingen, Inzest mit dem Bruder und Mordkomplott gegen den König. Also Hochverrat. «Sie ist die eine Frau auf der Welt, die ich am höchsten schätze», hatte Heinrich einst geschrieben. Er lässt den Scharfrichter aus Calais kommen. Der Mann hat den Ruf eines Fachmanns. Er kostet 23 Pfund, 6 Schillinge und 8 Pence. In heutiger Währung wären das 25 000 Euro. Mehr Gnade gibt es nicht.Passend zum Artikel