Charlotte Corday wollte Frankreich ins Glück führen – und bereitete den Weg für eine neue Welle des TerrorsAm 13. Juli 1793 erstach eine Aristokratin aus der Normandie den radikalen Revolutionär Jean-Paul Marat. «Ich habe einen Mann getötet, um hunderttausend zu retten», sagte sie nach der Tat.31.05.2026, 05.30 Uhr14 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZ1793 erlebt Frankreich einen Hitzesommer. Nachdem der Mai und der Juni noch ungewöhnlich kalt gewesen sind, erreichen die Temperaturen im Juli bis zu 38 Grad. Auch am 16. Juli ist es in Paris drückend heiss. Trotzdem marschieren an diesem Dienstag ab 18 Uhr Tausende durch die Strassen und folgen einem Leichnam, der in der Hitze bald schrecklich zu stinken beginnt. Zwar ist der Körper einbalsamiert worden, aber die Zersetzung hatte bereits vorher begonnen; der Weihrauch, den man extra mitführt, geht bald aus, und der Duft der Blumen, die das Totenbett schmücken, vermag gegen den Verwesungsgeruch nichts auszurichten. Doch die Menschen bleiben stramm. Politiker, Frauen, Männer und Kinder begleiten die von Musik und Kanonendonner gerahmte Prozession bis in die frühen Morgenstunden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Einbalsamiert wurden in Frankreich eigentlich nur Könige, aber solche gibt es nicht mehr in diesem Land. Der letzte ist im Januar geköpft worden. Nein, an diesem 16. Juli wird kein Mann zu Grabe getragen, der zu Lebzeiten auf einem Thron sass, sondern einer, der oft in der Badewanne lag. Jean-Paul Marat musste wegen einer Hautkrankheit häufig warme Schwefelbäder nehmen, auch in diesem Hitzesommer. Seine Wanne wird am 16. Juli sogar mit durch die Strassen getragen, denn in ihr ist der Revolutionär drei Tage zuvor von einer Aristokratin erstochen worden.Bald soll auch sie sterben, am frühen Abend des 17. Juli wird sie vor einer riesigen Menschenmenge hingerichtet. Aber zunächst und bis 2 Uhr morgens halten die Pariser Andacht bei Marat. Die ganze Zeit über habe man ein Gewitter erwartet, berichtet der «Courrier de l’Égalité» am 18. Juli, doch letztlich sei es ruhig geblieben. «Offenbar wollte der Himmel diese Trauerfeier nicht stören.»Tiefste Krise, grösste MachtEine solch himmlische Ruhe hat damals Seltenheitswert in Frankreich. Politisch gesehen tobt in dem überhitzten Land ein Dauergewitter, der Sommer 1793 ist in jeder Hinsicht eine Zeit der Extreme. Dabei ist man in Sachen Wandel und Aufruhr inzwischen einiges gewohnt: Schon seit vier Jahren läuft die Revolution. Zunächst wurden Menschenrechte erlassen und ein Parlament geschaffen, dann hat man eine Verfassung ausgearbeitet und die absolute in eine konstitutionelle Monarchie transformiert.1792 hat ein Krieg gegen Österreich und Preussen begonnen, bald darauf wurde der König abgesetzt, hingerichtet und das Land zur Republik erklärt. Im Zuge dieser Ereignisse sind ständig neue Gruppierungen ins politische Spiel gekommen. Konservative Kräfte, die 1789 noch dominant waren, wurden sukzessive von radikaleren Fraktionen verdrängt – die 1793 ihrerseits mit Gewalt um die Macht kämpfen.Zugleich formiert sich jetzt in vielen Provinzen Widerstand gegen die Republik, in ländlichen Gegenden brechen konterrevolutionäre Aufstände aus. Diese bürgerkriegsähnlichen Zustände werden durch eine Wirtschaftskrise verschärft: Schon druckte der Staat Papiergeld ohne Ende, inzwischen ist die Teuerung so hoch, dass das Volk Hunger leidet. Stellt man dazu noch in Rechnung, dass 1793 auch England, die Niederlande und Spanien in den Krieg gegen Frankreich eingreifen und dem Land nach schweren Niederlagen von allen Seiten Invasionen drohen, scheint der Befund des Historikers Guillaume Mazeau nicht völlig überzogen: «Im Sommer 1793 erlebt Frankreich die schlimmsten Stunden seiner Geschichte.»Einer aber steht in dieser schlimmen Krise auf dem Höhepunkt seines Lebens: Jean-Paul Marat ist zwar krank und an seine Wanne gefesselt, doch sein politischer Einfluss ist nie grösser als 1793. Zusammen mit Maximilien Robespierre und Georges Danton gehört er zur engsten Führungsriege der Montagne, der Bergpartei, die im Nationalkonvent – so heisst ab 1792 das Parlament – die hochgelegenen Sitzreihen belegt. Anfang Juni werden auf massiven Druck des Volkes die Gegner der Montagne, die Girondins, aus dem Parlament ausgeschlossen: ein grosser Triumph für Marat, der seit langem gegen diese Gruppe wettert.Die Girondisten (viele ihrer führenden Köpfe stammen aus der Gironde in Frankreichs Südwesten) sind Republikaner wie die Montagnards, aber ihre Haltung ist moderater. Den König etwa haben sie im Januar 1793 zwar verurteilt, weil er mit den europäischen Monarchien zusammengespannt hatte, um das Ancien Régime wiederherzustellen. Hinrichten jedoch wollten sie ihn nicht. Monatelang prangert Marat die Girondisten in der Folge als «Verräter» an, die insgeheim die Rückkehr zur Monarchie planten. Dazu diffamiert er sie als «Volksfeinde», die lieber die Armen verhungern liessen, als den freien Markt zu beschneiden und Massnahmen gegen die hohen Preise zu ergreifen.Vom Scharlatan zum VolksanwaltVerräter und Volksfeinde aller Art sind Marats Spezialgebiet. Schon seit 1789 meint er überall Verschwörer zu sehen und schreibt beharrlich gegen diese Gestalten an – als wütender Publizist hat er nach einer merkwürdigen Karriere endlich seine Rolle gefunden. 1743 als Sohn eines Sarden und einer Genferin im neuenburgischen Boudry geboren, zog er in den 1760er Jahren zuerst nach Frankreich und dann nach Grossbritannien, wo er 1775 ein Arztdiplom erhielt.Oder käuflich erwarb: Über ein Medizinstudium ist nichts bekannt, wie der Historiker und Marat-Biograf Keith Michael Baker schreibt. Statt als Doktor versuchte sich der Mann dann aber ohnehin zuerst als Philosoph und später, ab 1776 wieder in Frankreich, als Wissenschafter. Doch weder seine Traktate über die Seele oder die politische Macht noch seine Theorien über die Natur des Feuers oder die Elektrizität verschafften ihm den Ruhm, nach dem er strebte.1788 scheint dem Rastlosen die Energie auszugehen. Kurz vor dem Ausbruch der Revolution liegt Marat darnieder und verfasst sein Testament. Woran er genau leidet, weiss man nicht. Die Zeitgenossen munkeln von Syphilis und Lepra; eine DNA-Analyse von 2025, durchgeführt auf Basis eines konservierten Blutspritzers, deutet auf eine aggressive Pilzinfektion hin. Sicher ist, dass Marat sein Leiden zu inszenieren weiss: Immer wieder setzt er den Zustand seines Körpers mit jenem des Landes gleich. Marat und Frankreich darben, so die Logik, aber beide können den Niedergang bekämpfen.Vom Sterbebett aus rappelt sich der Mittvierziger also plötzlich wieder auf und erfindet sich als Pamphletist noch einmal neu: Als der König für 1789 Adel, Klerus und Dritten Stand einberuft, um sich neue Steuern bewilligen zu lassen, fordert Marat die Bürger und Bauern des Dritten Stands mit einer Schrift zum Handeln auf: «Oh, Franzosen, eure Leiden sind vorbei, wenn ihr es leid seid, sie zu ertragen; ihr seid frei, wenn ihr den Mut habt, es zu sein.»Ab September 1789 adressiert Marat das Volk dann in einer eigenen Zeitung. Sie trägt im Verlauf der Jahre wechselnde Namen, ist aber den meisten unter «L’ami du peuple» bekannt, Freund des Volkes, und zählt bis 1793 zu den meistverbreiteten Blättern. Als selbsternannter «Anwalt der Nation» kommentiert Marat die Politik der 1789 geschaffenen Nationalversammlung und rückt dabei die Interessen jener Massen ins Zentrum, die politisch noch immer weitgehend rechtlos sind: Bis 1793 gelten nur Männer mit einem gewissen Einkommen als Aktivbürger. Das einfache Volk bleibt damit von der Teilhabe ausgeschlossen; Arbeitern werden zudem Zusammenschlüsse verboten, Petitionen oder politische Aktionen von unten sind nicht vorgesehen.In Marats Augen hat die erste Phase der Revolution so gut wie nichts verändert. Die Abgeordneten im Parlament, sagt er, vertreten nicht das Volk, sondern den König und die überkommene Elite. Um einen echten Wandel herbeizuführen, müsste man diese alte Garde hinwegfegen, das erklärt er seinen Lesern immer wieder: «Es gibt nur einen Weg, den Staat zu retten: die Nationalversammlung zu säubern und zu reformieren.»Blut in Strömen oder in Tropfen?Mit seinen ständigen Attacken gegen die Institutionen gerät der Journalist ins Visier der Politik. Schon im Oktober 1789 wird ein Haftbefehl gegen Marat erlassen, danach ist er dauernd auf der Flucht. Er findet mal bei Gleichgesinnten Unterschlupf, setzt sich mal ins Ausland ab und gibt seinen «Ami du peuple» bis 1791 aus dem Untergrund heraus. So ist die Zeitung zwar präsent, ihr Urheber aber so gut versteckt, dass sich manche Pariser fragen, ob es den Mann namens Marat überhaupt gibt.1792 ist diese Unsicherheit weg: Jetzt wird Marat Politiker. Nachdem ein Volksaufstand am 10. August zur Verhaftung des Königs geführt hat und die Republikaner die Oberhand gewonnen haben, nimmt der «Volksfreund» aufseiten der Montagne Platz im Nationalkonvent. Sicher, das Personal des Parlaments hat sich im Vergleich zu 1789 stark verändert. Aber in Marats Wahrnehmung ist die Politik noch immer oder schon wieder von volksfeindlichen Elementen durchdrungen. Die Tiraden, die sich früher gegen Königstreue richteten, lenkt er jetzt um auf die Girondisten, jene «Verräter», die den König nicht hinrichten wollen.Für Marat selber steht ausser Frage, dass Ludwig XVI. nicht nur verurteilt, sondern geköpft gehört. Gewalt erachtet er von Anfang an als zentrales Mittel, um die Revolution zu stabilisieren, genauer: um die «Feinde der Freiheit» von weiteren Agitationen und Repressionen abzuhalten. «Um zu verhindern, dass das Blut in Strömen fliesst, rate ich dringend, ein paar Tropfen zu vergiessen»: Wer einige Menschen opfert, rettet damit viele – dieser Logik folgt Marat unerbittlich, und gerne untermauert er sie auch mit konkreten Zahlen.«Wären beim Sturm auf die Bastille fünf- oder sechshundert Köpfe abgeschlagen worden, hätte uns das für immer Frieden, Freiheit und Glück beschert», schreibt er etwa 1790. Weil man aber damals viel zu nachsichtig gewesen sei, stehe man jetzt einer weit grösseren Schar von Gegnern gegenüber. 5000, 10 000, 100 000 oder 200 000 Köpfe müssten inzwischen rollen, so genau lässt es sich nicht sagen, beziehungsweise Marats Kalkulationen ändern sich fast täglich. Kaum je vergisst er dabei, seine Sanftmut zu betonen: Er könne eigentlich kein Insekt leiden sehen, sagt der «Volksfreund». Doch furchtbare Umstände machten nun einmal schreckliche Mittel nötig.«Despotismus der Freiheit»Erstaunt es da noch, dass Marat auch für eine Diktatur offen ist? Entsprechende Gedanken äussert er bereits 1790. Drei Jahre später geht es an die praktische Umsetzung. Die gerade erst gegründete Republik hat keine operationsfähige Exekutive, die in der Lage wäre, Krieg, Hunger und Aufstände zu bewältigen. Ein Gewirr aus verschiedenen Ausschüssen ringt um Positionen und kommt kaum zu Beschlüssen. Im April 1793 schlägt Marat vor, ein kleines Gremium zu schaffen, das die Politik geeint und aktiv gestaltet, zu diesem Zweck hinter verschlossenen Türen tagt und sowohl exekutive wie legislative Gewalt besitzt.Manche Girondisten sind alarmiert und warnen vor der Herrschaft einiger weniger. Marat treibt derweil etwas anderes um: Er ist sich nicht sicher, ob ein Organ, das vom Konvent eingesetzt würde und von diesem auch aufgelöst werden könnte, überhaupt eine richtige Despotie zu entfalten vermöchte. «Der einzige Einwand gegen diesen Ausschuss ist vielleicht, dass er nicht mit ausreichend grosser Macht ausgestattet sein wird, um die Feinde zu vernichten. Die Freiheit muss durch Gewalt begründet werden, und es ist jetzt der Augenblick gekommen, da man den Despotismus der Freiheit einrichten muss, um den Despotismus der Könige zu vernichten.»Marats Sorge wird sich als unbegründet erweisen. Am 6. April schafft der Konvent auf Basis seines Vorschlags den «Wohlfahrtsausschuss»: das Gremium, mit dem Vertreter der Montagne nach dem Ausschluss der Girondisten ein Jahr lang eine blutige Alleinherrschaft führen.Ein Toter für hunderttausend Leben«Die Bergpartei triumphiert durch Verbrechen und Unterdrückung», schreibt Charlotte Corday in einem Manifest, bevor sie am 13. Juli zu Marats Ermordung aufbricht. Die Frau, damals knapp 25-jährig, hat aus den politischen Entwicklungen von 1793 ihren eigenen Schluss gezogen: Frankreich versinkt in Zwist und Chaos – es braucht einen Coup, einen symbolträchtigen Schlag gegen das Übel, um eine Wende einzuleiten.Wo Corday politisch genau steht, ist schwer zu sagen, man weiss wenig über ihr Leben. Sie ist 1768 in eine Adelsfamilie der Normandie hineingeboren worden, hat nach dem frühen Tod ihrer Mutter die Jugendjahre in einer Abtei verbracht und ist folglich stark religiös geprägt. Ihre zwei Brüder sind als überzeugte Royalisten nach Ausbruch der Revolution ins Ausland emigriert, auch ein Onkel, der als Pfarrer tätig war, hat Frankreich verlassen.Corday selber hat die Hinrichtung des Königs zwar mit «Entsetzen und Entrüstung» verfolgt, wie sie 1793 einer Freundin schreibt. Allerdings scheint sie Ludwig durchaus kritisch gesehen zu haben – an einem Abschiedsessen für adlige Emigranten soll sie sich geweigert haben, auf den Monarchen anzustossen. In den Verhören nach dem Attentat bezeichnet sie sich selber als Republikanerin, und in Erklärungen, die sie in Briefen und gegenüber dem Gericht abgibt, beanstandet sie nicht die Revolution als solche. Sondern den Umstand, dass die Revolution pervertiert worden sei: von Marat, diesem «Monster», und seinen Vertrauten.Dem «Volksfreund» wirft sie vor, Frankreich zugrunde gerichtet, den Bürgerkrieg befördert, Massaker angezettelt und mit diktatorischen Ambitionen die Souveränität des Volkes angegriffen zu haben. Aber Rettung ist möglich: Corday ist überzeugt davon, dass sie den Weg zum Frieden bereitet, indem sie den «schändlichsten aller Verbrecher» beseitigt. Im Kern folgt sie dabei einer ähnlichen Logik wie ihr Opfer, ja, mit Blick auf den Gebrauch von Gewalt gleichen sich die Argumente von Corday und Marat aufs Wort, nur dass die Frau etwas weniger wild mit Zahlen jongliert: «Ich habe einen Mann getötet, um hunderttausend zu retten», gibt sie am 17. Juli bei ihrem Prozess zu Protokoll.Besuch mit KüchenmesserAber wie tötet man überhaupt einen Mann, der seine Tage in der Badewanne verbringt? Corday setzt auf eine List. Sie weiss, dass sich Marat brennend für Verräter und Komplotte interessiert, und bedient diese Obsession: In mehreren kurzen Schreiben teilt sie ihm mit, dass sie Informationen über eine girondistische Verschwörung habe, die sich in Caen zusammenbraue.In diese normannische Stadt, Cordays Wohnort, haben sich Anfang Juni mehrere der aus dem Konvent ausgeschlossenen Girondisten zurückgezogen, insofern ist der angebliche Tipp nicht völlig unplausibel. Für das Attentat reist die junge Frau aus dem Norden Frankreichs zum ersten Mal in ihrem Leben nach Paris. Am 11. Juli kommt sie an, nach zweitägiger Kutschenfahrt, und bezieht ein Hotel im Montmartre-Quartier. Sie orientiert sich zunächst in der Stadt und macht sich am Samstag, dem 13. Juli, auf den Weg zu Marat.Der Freund des Volkes ist diesem wirklich nahe: Marat wohnt am linken Ufer der Seine in einem Quartier, in dem sich kleine Buden an Druckereien reihen und viele Graveure, Maler und Typografen leben. Bei sich zu Hause ist Marat von Frauen umgeben, er teilt sich die Wohnung mit seiner Gefährtin Simonne Évrard, deren Schwester, einer Köchin sowie einer Druckereiarbeiterin. Als nun Charlotte Corday am 13. Juli bei Marat anklopft, wird sie von seiner Frauenriege zunächst abgewiesen. Am Abend gegen 19 Uhr steht sie aber erneut vor der Tür, stellt sich als Absenderin der Briefe vor und pocht auf Einlass, um Marat eine grosse Verschwörung enthüllen zu können. Und tatsächlich wird sie jetzt in den Bade- und Arbeitsraum des Politikers geführt.Das ist weniger ungewöhnlich, als es heute scheinen mag. Privates und Öffentliches gehen im 18. Jahrhundert oft ineinander über, eine strikte Trennung der Sphären wird sich erst später durchsetzen. Auch viele, die nicht in der Wanne liegen müssen, arbeiten damals in ihren Wohnungen oder in angeschlossenen Ateliers, und als Abgeordneter des Konvents empfängt Marat regelmässig Besuch bei sich zu Hause.Nur zückt der Besuch vom 13. Juli dann mitten im Gespräch eine Waffe. Am Morgen hat Corday bei einem Krämer in der Nähe des Palais Royal ein Küchenmesser gekauft, jetzt stösst sie es Marat zwischen die Rippen. Ein Schrei, die Frauen und etliche Nachbarn eilen herbei, bald sind auch ein Arzt sowie die Polizei vor Ort. Aber da ist Marat schon tot. Niedergestreckt mit einem einzigen Stich, der laut medizinischem Protokoll präzis die Lungenarterie traf und das Opfer innert kürzester Zeit verbluten liess.Corday wird am Tatort verhaftet und stirbt vier Tage später: Nach einem kurzen Prozess wird sie am 17. Juli um 18 Uhr 30 guillotiniert. Sie habe «bis auf den letzten Augenblick auf dem Blutgerüste» eine grosse «Heiterkeit» ausgestrahlt, berichtet der deutsche Reiseschriftsteller Georg Forster, der die Hinrichtung zusammen mit den Parisern verfolgt. Corday selber notiert im Gefängnis, dass sie den Tod nicht im Geringsten fürchte. «Seit zwei Tagen bin ich im Frieden», schreibt sie in einem letzten Brief und geht im Glauben, dass dank ihrer Tat auch Frankreich bald den Frieden finde.Jeder wird verdächtigOb die Frau auch dann mit «Heiterkeit» zum Schafott geschritten wäre, wenn sie die Folgen ihres Attentats gekannt hätte? Cordays Anschlag ist ein Musterbeispiel für das, was der Historiker Michael Sommer als Dialektik politischer Mordanschläge bezeichnet: Die Geschichte zeigt, dass Attentäter nicht selten das genaue Gegenteil von dem erreichen, was sie wollten.Das Gegenteil von Frieden ist Krieg, und etwas Kriegsähnliches löst Marats Ermordung mit aus: Sein Tod ist ein Brandbeschleuniger für die Terrorherrschaft, die sich im Spätsommer 1793 ausbildet. Die Justiz und die tonangebenden Montagnards stellen das Attentat als Komplott dar. Corday, heisst es, sei von den Girondisten auf Marat angesetzt worden. Dafür gibt es keinerlei Belege, aber Gerüchte genügen, um die moderateren Republikaner endgültig zu diskreditieren. Und zu eliminieren: Im Herbst werden die girondistischen Abgeordneten zur Guillotine geführt.Dieses Schicksal teilen Zehntausende andere «Feinde der Freiheit». Cordays Anschlag bestätigt die Machthaber in ihrer Paranoia: Offenbar lauert tatsächlich überall Gefahr, sogar in unscheinbar wirkenden jungen Frauen. Gegen diese diffuse Bedrohung wird im September eine drakonische Massnahme ergriffen: Die «loi des suspects» verlangt die Inhaftierung – in einer Verschärfung von 1794 dann die Hinrichtung – aller irgendwie «Verdächtigen».Wer zu den «suspects» gehört, liegt im Auge des Betrachters beziehungsweise des Wohlfahrtsausschusses. Das neue Gesetz institutionalisiert die «terreur», mit der die Mitglieder des diktatorischen Gremiums die Franzosen bis zu Robespierres Sturz im Sommer 1794 tyrannisieren. Geschätzte 500 000 Menschen werden in dieser Zeit verhaftet, zwischen 35 000 und 50 000 getötet. Die genauen Zahlen kennt niemand, weil viele «Verdächtige» ohne Prozess hingerichtet werden und also keine Spuren in den Quellen hinterlassen.Frauen raus!Unter die Guillotine kommt im November auch Olympe de Gouges, eine der ersten Frauenrechtlerinnen. Schon am 20. Juli, eine Woche nach Cordays Anschlag, wird sie verhaftet. Der unmittelbare Anlass ist zwar ein politischer: de Gouges hat vorgeschlagen, die Franzosen in einem Referendum über die Staatsform abstimmen zu lassen, die sie am liebsten hätten. Damit hat sie gegen ein Gesetz verstossen, das es bei Todesstrafe verbietet, die «Wiedereinführung der Monarchie» zu betreiben. Aber de Gouges’ Ende ist auch vor dem Hintergrund der Frauenfeindlichkeit zu sehen, die sich nach Cordays Anschlag ausbreitet.In vielen Zeitungen und Journalen wird Cordays Attentat geschlechtsspezifisch gedeutet: Man präsentiert es als Akt eines impulsgetriebenen, beeinflussbaren Weibes – und benutzt es dazu, den Ausschluss der Frauen aus der politischen Sphäre zu rechtfertigen oder überhaupt erst richtig zu vollziehen. Wie ein Grossteil der Männer haben die Frauen mit der Revolution keine politischen Rechte erhalten, viele sind aber in revolutionären Klubs und Zirkeln aktiv. Im Herbst 1793 wird dieses Engagement unterbunden: Politische Frauengruppen werden am 30. Oktober per Gesetz verboten. Damit rückt die weibliche Teilhabe an der Politik in weite Ferne. Es wird gut 150 Jahre dauern, bis die Frauen in Frankreich das Wahlrecht erhalten und die Republik politisch mitprägen können.Diese Republik aber – und das ist vielleicht die seltsamste Folge von allen – hat durch Cordays Attentat erst richtig Gestalt angenommen. Dem jungen Staat fehlt es an allem, als die Frau mit einem Messer auf einen seiner prominentesten Vertreter losgeht: Die Republik sucht nicht nur blindwütig nach Institutionen, Gremien und Gesetzen, die ihr Funktionieren sichern, sondern auch nach einer Kultur, nach Ritualen und Symbolen, die dem Volk eine emotionale Bindung zu ihr ermöglichen. Wie aber stellt man so etwas her? Mit grossen Zeremonien, zum Beispiel. Mit einer ergreifenden Trauerfeier, wie man sie für Jean-Paul Marat inszenierte: Der Historiker Guillaume Mazeau sieht das Begräbnis des «Volksfreunds» als zentralen Moment im Entstehen von Frankreichs «moderner politischer Kultur».In der Abendhitze des 16. Juli schart sich die Republik um einen der ihren und verabschiedet ihn mit Riten, in denen monarchische Traditionen mit einem neuen Heldenkult verschmelzen. In Anlehnung an alte Traditionen wird Marat sogar das Herz entnommen und seinen politischen Gefährten zur Aufbewahrung übergeben.Die bis ins letzte Detail geplante Feier ist dabei nur ein Teil eines umfassenderen Erinnerungsprogramms. Im Sommer 1793 werden auch Strassen und Plätze nach Marat benannt; man lässt Theaterstücke über ihn aufführen und Bilder von ihm malen. Das bekannteste schafft Jacques-Louis David, der sich im Nationalkonvent mit kulturellen Belangen beschäftigt und auch das Begräbnis orchestriert. Der «Marat assassiné» des Künstlers und Politikers wird zu einer Ikone, bis heute kennt jeder Franzose das Gemälde. Es zeigt den «Volksfreund» eher schlafend als erstochen und mit einem feinen Lächeln auf den Lippen. Die Revolution lebt weiter, scheint der Ermordete zu sagen.Der politische MordVerschwörungen, Attentate und politische Morde prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Welche Nebenwirkungen haben sie? Und was passiert mit den Opfern und den Tätern? In einer Artikelserie widmet sich die NZZ in den kommenden Wochen einigen der gravierendsten politischen Morde der Weltgeschichte. Am 6. Juni lesen Sie über die Ermordung des russischen Revolutionärs Leo Trotzki, der im August 1940 im Exil in Mexiko mit einem Eispickel erschlagen wurde.Passend zum Artikel