Jahrelang war mit Wetten auf das deutsche Team wenig Geld zu verdienen. Das hat sich geändert – auch wegen der Genügsamkeit im DFB.14.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenGewissheiten haben im Fussball meist eine kurze Halbwertszeit. Schnell reisst eine Serie ab, rasch schwindet das Vertrauen in einen Goalgetter, schlagartig verändern sich Dinge, von denen man geglaubt hat, sie würden ewig so weitergehen. So verhält es sich mit der deutschen Fussballnationalmannschaft, die sich mittlerweile in einer völlig neuen Situation befindet. Früher einmal galt: Das DFB-Team ist eine Turniermannschaft. Steigerungsläufe waren die Domäne der Mannschaft, die mit Widrigkeiten umzugehen wusste wie keine andere. Und das über Jahrzehnte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Völler: «Wir werden verdammt schwer zu schlagen sein»In die USA sind die Deutschen nicht als Favorit gereist, sondern als ein qualitativ passabler Mitbewerber, der auf gute Form angewiesen ist, wenn er weit kommen möchte. Das ist keine böswillige Einschätzung, sondern sie deckt sich mit der des Direktors des Nationalteams, Rudi Völler: «Wir werden verdammt schwer zu schlagen sein», sagte Völler bei seinem ersten offiziellen Auftritt im Trainingslager, als er auf das erste Spiel der DFB-Elf am Sonntag in Houston gegen Curaçao blickte.Ein solcher Satz zeugt zwar von Selbstvertrauen, aber hinter ihm verbergen sich nicht unbedingt die grössten Ambitionen. Völler wurde als Spieler Weltmeister, als Trainer erreichte er einen Final; er weiss, was es bedeutet, ein Turnier zu spielen.Zu erklären, man wäre für jedes Team der Welt eine grosse Hürde, ist etwas anderes, als selbstverständlich einen Titelanspruch zu formulieren. Eben diesen Anspruch hatte Julian Nagelsmann noch vor zwei Jahren öffentlich ausgesprochen, nur kurz nachdem das deutsche Nationalteam an der EM im eigenen Land gegen Spanien ausgeschieden war. Ihn ärgere, sagte Nagelsmann, dass es nur noch zwei Jahre dauern werde, um Weltmeister zu werden.Nagelsmann setzte diese Aussage nicht in den Konjunktiv. Er stand offenbar noch unter dem Einfluss der berauschenden Partie gegen Spanien, in der die deutsche Nationalmannschaft in der Verlängerung in Stuttgart in letzter Minute mit 1:2 unterlag. Tatsächlich war es ein Spiel, das das Prädikat erinnerungswürdig verdiente: von hoher Intensität, von Klasse, garniert mit Härte und Einsatz bis zum Äussersten. Aber am Ende blieb eben doch nicht mehr als das Ausscheiden im Viertelfinal.Davon, dass er angereist ist, um den Titel zu gewinnen, sprach Nagelsmann bisher noch nicht, seit die Mannschaft in Winston-Salem Quartier bezogen hat. Und auch der Rest der Equipe übt sich in auffälliger Zurückhaltung, wenn es darum geht, das ganz grosse Ziel zu formulieren. Joshua Kimmich, der in sein erstes Turnier als Captain der DFB-Elf geht, sagte einen eigenartig tönenden Satz: «Ich hoffe, dass jeder hier Weltmeister werden möchte.»Eine Aussage mit Netz und doppeltem Boden. Als würde Kimmich sagen: Wenn es nicht klappt, hat es nicht an mir gelegen. Und vielleicht versteckt sich darin sogar eine Botschaft – zumindest für diejenigen, die zwischen den Zeilen lesen können. Nur der forsche Stuttgarter Deniz Undav nahm den Ball auf: Er sei nicht am Turnier, um in den Achtelfinal zu kommen, der Titel müsse her.Spitzenergebnisse in SerieTurniermannschaft: ein Begriff, den es nur in Deutschland gibt, denn in keiner anderen Fussballkultur hätte er sich so ausbilden können. Das hat mit der Geschichte des DFB seit 1954 zu tun, als die Mannschaft nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals wieder an einem internationalen Turnier teilnehmen durfte. Der Titelgewinn in Bern schuf das Fundament für Erfolge in einer Konstanz, wie sie kein anderer europäischer Mitbewerber je erzielen konnte. Vier Weltmeistertitel, drei Europameistertitel, Halbfinal- oder Finalteilnahmen in Serie. Mit einer Wette auf die Deutschen war meist nicht viel Geld zu verdienen. Das Vorstossen in die Runde der letzten vier galt eigentlich als Pflicht.Dabei musste die Mannschaft gar nicht gut spielen, um zu solchen Ergebnissen zu kommen. Oft ergab die Mannschaftsleistung mehr, als die Qualität der einzelnen Spieler hergab. 2002, als Rudi Völler als Nationaltrainer mit den Deutschen nach Japan und Südkorea reiste, befehligte er ein Fussballbataillon von sogenannten Rumpelfüsslern.Rumpeln – dieses Verb wurde zu einem absolut angemessenen Ausdruck der deutschen Fussballästhetik jener Jahre, die für vieles stand, nicht aber für Schönheit, Filigranität und Eleganz. Aber für eine Effizienz, wie sie kein Konkurrent hatte. Auch das zählte zu den Eigenschaften einer Turniermannschaft.Zwar heisst es immer wieder, dass Begriffe die Wahrnehmung und somit die Realität prägen, und da ist sicher etwas dran. Andersherum aber vermag die Realität Begriffe schnell zu entwerten, wenn diese keinen realen Gehalt mehr haben. Und so ist es wohl mit der Turniermannschaft – ein Begriff, der so teutonisch sperrig klingt, dass man ihn hätte in den Sockel des Hermannsdenkmals meisseln können.Zweimal ist die Mannschaft an einer WM nicht über die Vorrunde hinausgekommen. Das ist ein Novum in der Geschichte des DFB. Der Absturz folgte auf einen Rausch, auf das beste Jahrzehnt, das der deutsche Fussball je erlebt hatte. 2006 hatte Jürgen Klinsmann das Nationalteam in die WM im eigenen Land geführt. Kein Favorit damals, aber es lief von Spiel zu Spiel besser. Solche Turnierverläufe waren Klinsmann gut bekannt. Drei Weltmeisterschaften hatte er für Deutschland gespielt, 1996 wurde er Europameister. Als Spieler wie als Trainer zählte er zu denjenigen, die am Mythos der Turniermannschaft kräftig mitgeschmiedet haben.Was ihn heute irritiert, ist die Genügsamkeit, die im DFB offenbar Einzug gehalten hat. «Es hat mich auch sehr verwundert, wie positiv diese Europameisterschaft betrachtet wurde – rein vom Ergebnis her», sagte Klinsmann im Interview mit der «NZZ am Sonntag». 1994 habe man sich als deutscher Nationalspieler in der Öffentlichkeit wochenlang nicht sehen lassen können nach dem Viertelfinal-Aus in den USA.Eine «Vollkatastrophe» sei es gewesen, auch, weil die Mannschaft mit einem klaren Auftrag in das Turnier gegangen sei. Eben diesen Auftrag vermisst Klinsmann gegenwärtig: «Man muss die Ansprüche schon hochschrauben, um der Mannschaft klar die Botschaft mit auf den Weg zu geben: Ihr habt den Job, die Geschichte weiterzutreiben, ins Endspiel zu kommen und es zu gewinnen.»Diesen Anspruch pflegt man im DFB zumindest öffentlich nicht mehr. Man kann es als Realismus bezeichnen, angesichts einer starken Konkurrenz. Oder aber aus einer ausbleibenden Verpflichtung gegenüber der eigenen Geschichte, in der Mannschaften immer wieder überraschen konnten und über ihre Möglichkeiten spielten. Für das Auftreten an der Weltmeisterschaft sind das keine guten Aussichten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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