Der Beamte mit der Lizenz zum Lügen. Ein NachrufAlex Younger, ein Meisterspion alter Schule und langjähriger Chef des britischen Geheimdienstes MI6, ist 62-jährig gestorben.14.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFalsche Schnurrbärte und Brombeerkonfitüre für Afghanistans Präsident: MI6-Chef Alex Younger sagte, er sei ein Romantiker.Andrew Milligan / APAls Alex Younger in die Schattenwelt der Spione tritt, besteht er den psychologischen Eignungstest mit einem überraschenden Resultat: «Sie sind perfekt», sagt der Prüfer des MI6, des britischen Auslandgeheimdienstes. «Was meinen Sie damit?», fragt Younger. «Sie sind introvertiert, geben aber vor, extrovertiert zu sein. Das ist genau, was wir wollen.» So erzählt er es einmal in einem Interview mit dem britischen Podcast «The Rest is Politics: Leading».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seine erste Spionagemission im Geheimdienst Ihrer Majestät führt ihn Anfang der neunziger Jahre in die Greuel der Jugoslawienkriege. Unter falscher Identität schleust er sich in eine Gruppe bewaffneter Serben ein, die auf dem Westbalkan Völkermord begehen will. «Es bedeutete viele Nächte, in denen wir obskuren, selbst gebrannten Alkohol tranken und versuchten, die Absichten der Konfliktparteien zu entschlüsseln», erzählt er in einer Rede an seiner Alma Mater, der schottischen Universität St. Andrews. Seine Arbeit trägt zur Verhaftung von Kriegsverbrechern bei. Das zu wissen, sagt er, erfülle ihn mit Genugtuung.Es sind nicht die einzigen Anekdoten aus dem eigentlich geheimen Leben des Alex Younger, dem langjährigen Leiter des MI6. Begeistert spricht er im privaten Kreis von seinen Einsätzen, manches davon erzählt er auch in der Öffentlichkeit. Denn er hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Mythos des traditionell verschlossenen, elitären Geheimdienstes aufzubrechen, den die James-Bond-Filme zum Stereotyp gemacht haben. Das mache ihn, so schreibt der «Guardian», zu einem der «sympathischsten und offensten» Chefs in der 116-jährigen Geschichte des MI6.Geboren wird Alexander William Younger 1963 in Westminster, dem zentralen Stadtteil Londons. Seine Familie stammt von ehemaligen schottischen Brauern ab. Er besucht das Eliteinternat Marlborough College, bevor er an der Universität St, Andrews Wirtschaftswissenschaften und Informatik studiert. Sein Studium finanziert die britische Armee. In seiner Freizeit trainiert er als Kadettenschüler bei den Royal Scots, dem ranghöchsten Infanterieregiment Grossbritanniens. Nach seinem Abschluss besucht er die Offiziersakademie Sandhurst. Die dortige Erfahrung bezeichnet er später als «phantastisch», obwohl es sich damals nicht so angefühlt habe. Denn über Selbstdisziplin habe er nicht im Überfluss verfügt. «Ich war damals ein notorisch träger Mensch», sagt er zur «New York Times», «und die Veränderung war aussergewöhnlich.»Als Offizier wird er zunächst in Deutschland an der Grenze zur DDR stationiert, später in Nordirland. Nachdem er seinen Aktivdienst als Hauptmann beendet hat, arbeitet er in Afghanistan für den Halo Trust, eine Nichtregierungsorganisation, die das Land von Minen befreien will. Während dieser Zeit wird er vom MI6 angeworben. Die Agentur hatte ihn seit seiner Studienzeit im Auge.Als Spion arbeitet Younger viele Jahre in Europa, im Nahen Osten und in Afghanistan. Zunächst wirbt er als «Case Officer» menschliche Quellen an, um an geheime Informationen zu kommen. Später leitet er als führender Offizier zahlreiche Operationen. Nach aussen tritt er nahbar auf, empathisch und humorvoll. Gleichzeitig wahrt er Distanz und bleibt dabei integer. «Ich bin ein Romantiker», sagt er in einem Interview mit der «Financial Times». Er liebe die Tatsache, dass Einzelpersonen etwas bewirken könnten. «Ich wollte einer dieser Menschen sein.»Getarnt ist er als Diplomat. Manchmal lebt er mit bis zu vier unterschiedlichen Identitäten gleichzeitig. Sein Leben als Geheimagent gleicht einem Abenteuerroman. In einem Badezimmer in Kolumbien entschlüsselt er eine geheime Nachricht und wird dabei fast durch tödliche Dämpfe vergiftet. Während einer Verhandlung, in die er sich undercover eingeschleust hat, löst sich ein falscher Schnurrbart. Den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai umwirbt er erfolgreich mit der hausgemachten Brombeerkonfitüre seiner Schwiegermutter.«Es ist ziemlich wunderbar, Teil dieses Stücks zu sein, von dem niemand weiss, dass es mitten im Leben aller stattfindet», sagt er in einem Interview mit BBC Radio 4. Es sei aber auch unglaublich isolierend, voller Zweifel und Ängste. Lange wissen nicht einmal seine drei Kinder, womit er eigentlich seinen Lebensunterhalt verdient. Doch als er endlich seiner Mutter erzählt, dass er Spion sei, antwortet sie laut «Financial Times»: «Ja, Liebling, das war ich auch.»Nachdem Younger fast ein Vierteljahrhundert lang im Verborgenen gearbeitet hat, wird er 2014 zum einzigen Mitglied des MI6, das öffentlich genannt werden darf: zu dessen Chef. In seine Zeit als Spionagechef fallen einige der grössten sicherheitspolitischen Verwerfungen, die das Land seit dem Kalten Krieg erlebt: Terroranschläge, russische Cyberangriffe und Desinformationskampagnen, der Aufstieg Chinas als Rivale, der Brexit, die Corona-Pandemie. 2019 schlägt ihn Königin Elizabeth zum Ritter. Im selben Jahr stirbt einer seiner Söhne bei einem Autounfall.Vergangenes Jahr erhält Alex Younger die Diagnose Prostatakrebs. Seinen Tumor tauft er «Putin».Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel