Madonna ist zurück im SexbombengeschäftDie Pop-Musikerin wirbt für ihr neues Album mit einem 13-minütigen Film, der anstösst und begeistert – und zeigt, wie sehr sie es immer noch kann: Kunst und Kalkül vermischen.14.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenReuters; Bearbeitung NZZaSSie ist die «Queen of Pop», 67 Jahre alt, und muss niemandem mehr etwas beweisen. Wenn da nur nicht dieser unersättliche Wunsch wäre, geliebt zu werden. Also hat sie es wieder getan: die Welt in zwei Lager gespalten – in diejenigen, die sich über sie empören, und diejenigen, die sie vergöttern. Diesmal ist es ein Kurzfilm. Madonna wirbt damit für ihr Anfang Juli erscheinendes Album «Confessions II», ihr fünfzehntes Studioalbum.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aus der über 13 Minuten dauernden Bilder- und Klangorgie, in der sechs Lieder kurz vorgestellt werden, sticht in der Rezeption momentan vor allem die Szene im Männerklo heraus, in der die 67-Jährige mit einem muskulösen jungen Mann schnellen Sex hat. Oder auch jene, bei der aus Geschlechtsteilen grüne Laserstrahlen entweichen. Ebenso gut kalkuliert sind die Gastauftritte von vierzehn Berühmtheiten, von Sabrina Carpenter über Kate Moss bis Benedict Cumberbatch. Auch das erregt Aufsehen. Und so hat der Film auf Youtube schon nach wenigen Tagen über zwei Millionen Klicks gesammelt. Euphorische Fans überschlagen sich in den Kommentarspalten: «The Mother is back!»Für Devotees des Dancefloors ist Madonna weniger Sexsymbol als Mutterfigur.21 Jahre ist es her, seit Madonna mit «Confessions on a Dance Floor» ihr letztes wirklich erfolgreiches Album veröffentlicht hat. Der Titel ist nicht der einzige Rückbezug. Am Tag bevor sie ihren Film am New Yorker Tribeca-Filmfestival vorstellte, gab sie am Times Square ein Überraschungskonzert. Genau dort, in einer Filiale von Dunkin’ Donuts, hatte sie vor 41 Jahren als Kellnerin zu jobben begonnen, nachdem sie mit 35 Dollar in der Tasche von zu Hause weggezogen war. So jedenfalls geht die Legende, die Madonna gerne weitererzählt.Madonna Louise Ciccone wurde 1958 in einer Kleinstadt in Michigan geboren. Mit ihrer Mutter, die Röntgenassistentin und früher Tänzerin war, teilt sie ihre beiden Vornamen, aber nur wenig Lebenszeit: Sie ist fünf Jahre alt, als ihre Mutter an Krebs stirbt. Madonna sagt später in einem Interview mit «Rolling Stone», dass sie dieser Verlust geprägt hat, mehr als jedes andere Ereignis in ihrem Leben: «Okay, I don’t have a mother to love me. I’m going to make the world love me.»Ihr Vater, Sohn italienischer Einwanderer, studiert als Erster in der Familie und macht Karriere als Ingenieur bei Chrysler. Nach dem frühen Tod seiner Frau heiratet er die Haushälterin. Madonna braucht einige Jahre, bis sie ihm verzeihen kann.Als junge Frau in New York lernt sie nebenbei Schlagzeug und Gitarre spielen und schreibt erste Songs. Ein DJ stellt sie dem Chef eines Plattenlabels vor. Der ist von ihren Demobändern begeistert und bietet ihr einen Plattenvertrag an. Bereits ihr Debütalbum mit nur 24 Jahren verkauft sich millionenfach. Was folgt, ist Pop-Geschichte: Madonna umgibt sich mit den Besten ihres Fachs und schafft Kunstfiguren – von der lasziven Unschuld in «Like a Virgin» bis zur Sünderin in «Like a Prayer» –, die sie zu einer nicht unumstrittenen Ikone des «female Empowerment» macht.Ihre Vorliebe, andere Identitäten anzunehmen, streicht sie auch in ihrem Kurzfilm heraus, der in der Pressemitteilung als «transzendentale Reise durch eine aus den Fugen geratene Nacht» angepriesen wird: «Ich kann sein, wer immer ich sein will», sagt sie im Intro. Um gleich danach einen weiteren denkwürdigen Satz anzufügen: «Alles beginnt mit dem Bewusstsein». Madonna ist eben nicht nur versessen auf alles Körperliche. Sie war immer schon auch eine spirituelle Sucherin: in ihrer Revolte gegen den Kleingeist der katholischen Kirche, im Techtelmechtel mit der jüdischen Kabbala und jetzt, wie es scheint, in ihrer existenzialistischen Phase.Tanzmusik sei für sie ein «metaphysisches Werkzeug», sagte sie am Tribeca Film Festival. «Sie lässt dich den Rhythmus spüren, deinen Körper bewegen. Es ist dann, als ob du dich mit dem ganzen Universum verbinden würdest.» Die nicht ganz neue Idee von der völkerverbindenden Wirkung des Tanzens ist in eines der Lieder ihrer neuen Platte geflossen. «Danceteria», heisst es, benannt nach einem legendären New Yorker Nachtklub der achtziger Jahre. Für Madonnas Jünger ist schon jetzt klar: Das wird der nächste Nummer-1-Hit.Madonnas grösste Kunst? Nicht die Musik, nicht die Provokation, nicht einmal die permanente Neuerfindung. Es ist ihre Fähigkeit, die Welt auch nach vier Jahrzehnten noch dazu zu bringen, über sie zu sprechen. Ob liebevoll oder nicht, macht keinen Unterschied.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel