«Es drohen Verhältnisse wie in anderen Ländern»: Die Schweiz war lange stolz auf ihre gute Infrastruktur. Doch nun müssen für Milliarden Strassen, Schienen, Strom- und Wasserleitungen saniert werdenDas Land steht punkto Infrastrukturen vor einem Neustart. Das Werk der Vorfahren beginnt langsam zu bröckeln, es braucht Investitionen für die nächsten Generationen.14.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenSchanze statt Autobahn: ein früherer Belagsschaden auf der Rheintalautobahn.Sebastian Schneider / KeystoneKleiner Defekt, grosser Effekt: Ein technischer Fehler an einem Schutzgerät im Unterwerk, eine Kettenreaktion, die weitere Werke stilllegt – und schon war die ganze Stadt Biel am Freitagmorgen ohne Strom. Das Handynetz war stark eingeschränkt, Läden konnten nicht pünktlich öffnen, Industriebetriebe die Produktion nicht starten, das Spital ging in den Notbetrieb.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es war der dritte Stromausfall in Biel in drei Monaten. Und nicht nur er wirft gerade die Frage auf, wie es mittlerweile um die Schweizer Infrastrukturen steht. An Pfingsten liess die Frühlingshitze im St. Galler Rheintal die A 13 aufplatzen, die Fahrbahn wurde zur Schanze, über die prompt zwei Autofahrer fuhren und (zum Glück nur) Totalschaden am Wagen erlitten. In Rheinfelden (AG) schoss derweil nach einem Wasserrohrbruch unter der Kantonsstrasse plötzlich eine Fontäne durch den Belag, schleuderte Steine in die Luft und zerstörte die ganze Strasse.Und trotzdem sagt Bryan Adey, Professor für Infrastrukturmanagement an der ETH Zürich: «Die Infrastruktur ist im Vergleich mit anderen Ländern ausgezeichnet.» Adey gibt ihr sogar die Note 9,5 von 10 – und fügt dann ein Aber an, das es in sich hat: «Im Moment noch.» Diesen Moment verdankt die Schweiz der Weitsicht früherer Generationen. Sie haben früh in die Infrastruktur investiert, etwa die Bahn elektrifiziert und Stauseen und Alpentunnel erstellt. Und sie bauten, nachdem das Land unversehrt zwei Weltkriege überstanden hatte, diesen Vorsprung mit grossen Investitionen weiter aus, so dass die Schweiz in den internationalen Ranglisten zur Infrastruktur bis heute weit oben steht. Doch wer früh gebaut hat, muss auch früh nachbessern. Ob auf Strasse oder Schiene, in der Kanalisation oder dem Stromnetz – viele Bauwerke erreichen heute oder bald das Ende ihrer Lebensdauer, sie müssen saniert oder ersetzt werden. Dazu kommt, dass die Schweiz jüngst stark gewachsen ist und sich die Bedürfnisse etwa bei der Mobilität oder dem Stromverbrauch verändert haben. Zusammen führen diese drei Faktoren dazu, dass der besagte «Moment» zu verstreichen droht. Die Schweiz steht damit punkto Infrastruktur vor einer Art Neubeginn oder wie es Bryan Adey sagt: «Es wird Zeit, nochmals einen grossen Schritt zu machen für die nächsten fünfzig Jahre. Und der wird nochmals grosse Investitionen verlangen.»Es nagt der Zahn der ZeitExemplarisch dafür stehen die SBB: Noch ist ihr Bahnnetz laut offiziellem Zustandsbericht «ausreichend bis gut». Doch beim Unterhalt ihrer Anlagen kommen die Bahnen nicht nach. «Die hohe Belastung des Netzes und gleichzeitig zu wenig Mittel für die Erneuerung führen dazu, dass die Anlagen überaltern», heisst es im Bericht. Der Rückstand ist in den letzten Jahren stets angewachsen und summiert sich bereits auf 9,5 Milliarden Franken. Vor den Folgen warnen die SBB unverblümt: «Ohne Gegenmassnahmen drohen auf der Schiene Verhältnisse wie in anderen Ländern.»Etwas besser sieht es bei den Strassen aus. Der Zustand der Nationalstrassen ist «gut bis zufriedenstellend», wie das Bundesamt für Strassen in seinem Monitoring schreibt, auch wenn der Zielwert erneut leicht verfehlt wurde. Doch die Investitionen liegen ebenfalls unter dem empfohlenen Richtwert. Ob sie ausreichen, wird «die Zustandsentwicklung der kommenden Jahre zeigen». Bei den Kantonsstrassen war der Zustand zuletzt bei 41 Prozent des Netzes gut, bei 11 Prozent kritisch oder schlecht. Doch auch elf Kantone investieren weniger in den Unterhalt, als gemeinhin als nötig erachtet wird. «Die vorausschauende Werterhaltung der Kantonsstrassen ist derzeit nicht flächendeckend gewährleistet», mahnt Adrian Dinkelmann, Geschäftsführer des Verbandes Infra Suisse, der die Daten letztmals 2023 bei den Kantonen erhoben hat. «Das könnte sich in Zukunft rächen, durch hohe finanzielle Mehrbelastungen oder schlechtere Strassenqualität.»In die Milliarden geht der Finanzbedarf beim Strom. Im nationalen Übertragungsnetz müssen in den nächsten 30 Jahren 4500 von 6700 Netzkilometern altersbedingt ersetzt werden. Um dieses Netz zu erneuern, auszubauen und zu verstärken, plant die nationale Netzgesellschaft Swissgrid vorderhand bis 2040 Investitionen von 5,5 Milliarden Franken. «Wir haben unglaubliche Rückstände!», enervierte sich just diese Woche der Walliser Mitte-Ständerat Beat Rieder im Parlament. Das sei auch ein «Versagen unserer Hochspannungsleitungsproduzenten und unserer staatlichen Energiekonzerne». Weniger gut bezifferbar ist der Sanierungsbedarf auf der unteren Ebene der Verteilnetze. Eine Beschleunigung des Ausbaus sei aber auch dort «dringend notwendig», schreibt der Verband der Elektrizitätsunternehmen.Noch grösser sind die Zahlen bei der Abwasserversorgung. Allein die altersbedingte Sanierung von Kläranlagen, Kanalisationen und Siedlungsentwässerung dürfte laut Max Maurer, ETH-Professor und Wissenschafter beim Wasserforschungsinstitut Eawag, bis 2050 rund 70 Milliarden Franken kosten. Die Trinkwasserversorger melden demgegenüber, dass sich der Zustand ihres Netzes kontinuierlich verbessere.Schliesslich wollen auch modernde Schutz- und moderne Netzanlagen erneuert sein. Der Bundesrat hat erst kürzlich ein umfangreiches Investitionsprogramm lanciert, um die Schutzanlagen zu modernisieren, die vor Luftangriffen, atomaren, biologischen oder chemischen Gefahren schützen sollen. Und beim schnellen Internet plant er eine Anschubfinanzierung, um der Breitbandinfrastruktur fern der Zentren auf die Sprünge zu helfen.Ausruhen verbotenDie Schweiz kann sich also nicht länger auf ihrem Infrastrukturvorsprung ausruhen, und die Bürger werden dies in ihrem Portemonnaie spüren. Bei der Bahn will der Bundesrat ein eigentlich befristetes Mehrwertsteuerpromille nun für immer erheben, für die Strasse ist eine neue Abgabe für Elektrofahrzeuge geplant. Beim Trink- und Abwasser steigt stetig die Zahl der Gemeinden, welche die Tarife erhöhen. Und für die Schutzbauten und das Breitbandinternet plant der Bund zusätzliche Investitionen von einigen hundert Millionen Franken.Unabhängig davon fürchtet die Wirtschaft, dass Sanierung und Ausbau nicht schnell genug vorankommen. Die Schweiz leide an einer Art Infrastruktursklerose, sagt Alexander Keberle, Leiter Standortpolitik beim Wirtschaftsverband Economiesuisse – «einem schleichenden Zurückfallen in verschiedenen Bereichen». Ein Allerheilmittel gebe es dagegen leider nicht, Handlungsansätze aber schon. Die Wirtschaft fordert etwa eine bessere Priorisierung der Investitionen, mehr politischen Willen sowie die Flexibilität, um bestehende Handlungsspielräume zu nutzen.Andere Experten sehen den wunden Punkt bei der Planung. «Die Art und Weise, wie unsere Anlagen geplant, gebaut und verwaltet werden, taugt für die Anforderungen unserer Zeit schlicht nicht mehr», mahnte Matthias Finger, emeritierter ETH-Professor für Netzwerkindustrien, schon vor einigen Jahren. Die Schweiz müsse ihre Infrastrukturen übergeordneter und vernetzter planen, aus einer Hand und aufeinander abgestimmt – so liesse sich mit weniger Geld mehr Wirkung erzielen. Ähnliches empfiehlt mit Blick auf sein Gebiet der Eawag-Experte Maurer. Das Abwassersystem der Zukunft müsse wegen des Klimawandels in der Lage sein, die häufigeren Starkregen abzuleiten und gleichzeitig mehr Wasser in Grünflächen zu leiten, um das Stadtklima zu verbessern und das Überschwemmungsrisiko zu reduzieren. Diese Anpassung gelinge nur, wenn die Planung über die einzelnen Sektoren und Gemeindegrenzen hinaus angegangen und national koordiniert werde. Und er sagt in Bezug auf das Abwasser, was für alle genannten Bereiche gilt. «Diese Infrastruktur ist ein Generationenbauwerk. Es ist nun an unserer Generation, die nötigen Investitionen zu tätigen, um sie für unsere Kinder fit zu machen.»Wie gut sie gelöst wird, werden später andere Generationen beurteilen – ob beim Wasser, dem Verkehr oder dem Strom. In Biel floss Letzterer am Freitagmorgen relativ rasch wieder, ohne dass jemand zu Schaden gekommen wäre. Binnen 48 Minuten war die Panne repariert. Die Frage bleibt: Wie gut?Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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Das Land steht punkto Infrastrukturen vor einem Neustart. Das Werk der Vorfahren beginnt langsam zu bröckeln, es braucht Investitionen für die nächsten Generationen.








