Johann Wadephul macht Aussenpolitik zur Frontlinie gegen die AfDLange argumentierten die Unionsparteien gegen die Konkurrenz von rechts vor allem innenpolitisch – über Migration, Radikalisierung und demokratische Normen. Nun rückt der deutsche Aussenminister einen anderen Konflikt ins Zentrum: die geopolitische Verortung der Partei.13.06.2026, 09.37 Uhr5 LeseminutenDer deutsche Aussenminister Johann Wadephul am Freitag in Mainz. Er nutzt eine Rede bei der Stresemann-Gesellschaft für eine doppelte Positionsbestimmung: gegen die AfD – und für die aussenpolitische Linie der Union.Andreas Arnold / DPADer deutsche Aussenminister Johann Wadephul greift die AfD an einem empfindlichen Punkt an. Der CDU-Minister, kein Mann der grossen Geste, macht die Aussenpolitik vor wichtigen Landtagswahlen zur Frontlinie im Kampf gegen die AfD. Die Partei biedere sich «einem russischen Diktator an», sagte Wadephul. Seine Schlussfolgerung ist ebenso knapp wie scharf: «Wer für Putin ist, ist nicht für Deutschland.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn die Unionsparteien vor der AfD warnen, geschieht das meist mit Blick auf Migration, Radikalisierung oder ihren Umgang mit demokratischen Institutionen. Wadephul setzt nun anders an: Er erklärt die Russlandnähe der AfD nicht nur zum Problem der Aussenpolitik der Partei, sondern zur Frage deutscher Staatsräson.Der Ort ist Teil der Botschaft. Wadephul sprach am Freitagabend in der Mainzer Staatskanzlei bei der Stresemann-Gesellschaft, benannt nach jenem liberalen Aussenminister der Weimarer Republik, der Deutschlands Interessen nicht in Isolation, sondern in Einbindung, Verlässlichkeit und internationalem Ausgleich verankert sah. Gustav Stresemann hatte einigen Anteil daran, dass das Land vom Besiegten des Ersten Weltkriegs wieder zum Akteur werden konnte.Die Warnung vor der AfD steht dabei am Ende einer grundsätzlicheren Rede, die von einem sorgfältig aufgebauten Gegensatzpaar geprägt ist: Realismus gegen Illusion. «Stresemann war Realist», heisst es in der Rede. «Realist in einer Zeit von Wunsch und Wahn.»Wadephul spricht von den «geliebten Illusionen» der Vergangenheit, etwa der Erwartung, die USA würden Europas Sicherheit dauerhaft garantieren. Deutschland müsse auch heute «realistisch und illusionsfrei» auf die Welt blicken, sagte er. «Und realistisch und illusionsfrei auf die Möglichkeiten, die Deutschland in dieser Welt hat.»Aus dieser Logik heraus attackiert er die AfD, die er als radikal und revisionistisch bezeichnet: Sie verkörpere Abschottung, Spaltung und geopolitische Illusionen – das Gegenteil dessen, wofür Wadephuls CDU steht: Sie sieht Deutschlands Stärke in Europa, der Westbindung und belastbaren Partnerschaften.Parteipolitischer AngriffBevor Wadephul seinen Punkt zuspitzt, zieht er eine kleine institutionelle Trennlinie ein. Er spreche nun, sagte er, als «gewähltes Mitglied des Deutschen Bundestages» – ein kaum zu überhörender Hinweis darauf, dass die folgende Attacke parteipolitisch gelesen werden soll, nicht als Regierungserklärung.Einfluss liegt für den Minister international in Vertrauen, Verlässlichkeit und der Fähigkeit, in unterschiedlichen Weltregionen und von verschiedenen Seiten und Konfliktparteien als Gesprächspartner akzeptiert zu sein.Solche Akzeptanz sei «ein Erfolg einer neuen deutschen Aussenpolitik, die nüchtern analysiert, zuhört und nicht doziert», sagte Wadephul. Die AfD aber stelle infrage, «was heute genau unsere aussenpolitische Stärke ist»: «Die Anspielbarkeit. Das Vertrauen in der Welt.»Nach der jüngsten Niederlage bei der Wahl in den Uno-Sicherheitsrat mag man fragen, wie weit dieses Vertrauen tatsächlich trägt. Um in Wadephuls eigenem Fussballbild zu bleiben: «Am Ende muss der Ball auch ins Tor.»Die Abkehr von der Besserwisserei auf der Weltbühne ist nicht bloss eine Spitze gegen seine Vorgängerin Annalena Baerbock von den Grünen – Wadephul unternimmt zudem den Versuch, die deutsche Aussenpolitik neu zu bestimmen.Im anschliessenden Gespräch wird er noch deutlicher: Deutschland müsse sich davon lösen, «unsere Gesellschaftsbilder immer auf andere Länder zu projizieren», sagte er. Man dürfe nicht so tun, als müssten andere Gesellschaften «genauso ticken» wie die deutsche.«Das Völkerrecht ist nicht der eine alleinige Massstab» aussenpolitischen Handelns, sagte er. Es bleibe wichtig, aber er müsse auch «andere Interessen unseres Landes, unseres Bündnisses, wirtschaftliche Interessen, militärische Interessen und Sicherheitsinteressen» in die Abwägung einbeziehen.Vor wenigen Jahren hätte ein solcher Satz heftigen Widerspruch ausgelöst. Oder, wie der Mainzer Zeithistoriker Andreas Rödder, der Vorsitzende der Stresemann-Gesellschaft, in der Diskussion anmerkte: «Da wäre hier aber was los gewesen.»Russland: Rote Linie auch für SöderWadephuls Pointe bleibt: Ein Deutschland mit AfD-Einfluss wäre in der Welt nicht souveräner, sondern schwächer.Ganz neu ist diese Argumentationslinie in der Union nicht. Markus Söder formulierte sie im Gespräch mit der NZZ bereits deutlich. Die AfD, sagte der CSU-Chef, stehe für «eine fundamental andere Welt». Scharf zog auch Söder die Trennlinie bei der Russlandfrage. Eine AfD an der Macht würde, so seine Warnung, «eine bis zur Selbstaufgabe reichende Abhängigkeit von Russland» bedeuten.Diese Entwicklung gewinnt in der Union seit einiger Zeit an Kontur: Im Kampf gegen die AfD setzt sie nicht mehr nur auf Abgrenzung in der Migrationspolitik oder auf Warnungen vor demokratischer Radikalisierung. Sie erinnert zugleich an ihren eigenen aussenpolitischen Markenkern.Dieser ist älter als die Bundesrepublik selbst, wurde aber vor allem durch Konrad Adenauer geprägt: Westbindung statt Sonderweg, Einbettung statt Isolation, Souveränität durch Bündnisse statt Souveränitätsfantasien. Für die Union war deutsche Stärke nie primär die Fähigkeit zum Alleingang. Sie entstand aus Verlässlichkeit gegenüber Partnern, in Europa, in der Nato und im transatlantischen Verhältnis.Darin erkennt Wadephul den fundamentalen Gegensatz zur AfD. Die Partei inszeniert sich als Anwältin nationaler Souveränität. Aus Sicht führender Unionspolitiker würde sie jedoch das Gegenteil bewirken. Lange lautete das zentrale Argument gegen die AfD: Sie sei gefährlich, weil sie demokratische Normen infrage stelle. Wadephul ergänzt nun ein zweites: «Ein Deutschland, in dem die AfD Macht erhält, ist in dieser Welt schwächer.»Angebot an bürgerliche WählerDas ist der Versuch, den Kampf gegen die Rechtspartei aus der moralischen in die strategische Sphäre zu verlagern. Konservative und bürgerliche Wähler reagieren oft sensibler auf Fragen nationaler Stärke als auf moralische Belehrungen darüber, was man wählen dürfe und was nicht.Allerdings, auch das legen Umfragen nahe: Speziell in Teilen Ostdeutschlands wirkt die Russlandnähe der AfD offenkundig nicht abschreckend. Für manche Wähler ist sie kein Makel, sondern Teil des Versprechens, sich vom aussenpolitischen Konsens der Berliner Republik abzusetzen.Zugleich versucht die Union aber so, einen wunden Punkt der AfD freizulegen. Die Partei hat bis heute nicht geklärt, wo sie geopolitisch steht. Ihre Rhetorik schwankt zwischen Bewunderung für Donald Trumps Machtpolitik und offener Nachsicht gegenüber Wladimir Putin. Zwischen Maga und Moskau bleibt vieles unscharf – teils bewusst, teils als Folge innerparteilicher Widersprüche.Wadephul will die AfD zur Selbstverortung zwingen: Eine Partei, die zugleich von Trump und Putin fasziniert ist, kann nationale Souveränität schwerlich glaubhaft als eigenes Projekt verkaufen.Passend zum Artikel
Union verschärft Ton: Wadephul geisselt AfD als Gefahr für Deutschlands Stärke in der Welt
Lange argumentierten die Unionsparteien gegen die Konkurrenz von rechts vor allem innenpolitisch – über Migration, Radikalisierung und demokratische Normen. Nun rückt der deutsche Aussenminister einen anderen Konflikt ins Zentrum: die geopolitische Verortung der Partei.
Wadephul attackiert AfD-Putin-Nähe als Gefahr für deutsche Souveränität und geopolitischen Einfluss in der Welt. Für IT-Entscheidungsträger in EU: Deutschlands Polarisierung schafft Unsicherheit bei Cloud-Governance, Datenhoheit und strategischen Tech-Partnerschaften.










