Europas neues Asylsystem könnte für Deutschland wenig ändern. Denn es lebt von der Solidarität unter den StaatenIn der EU gilt jetzt das neue Asylsystem Geas. Es soll schaffen, was dem Dublin-System nicht gelang. Doch Skepsis ist angebracht: Auch das neue Reglement lebt vom Mitmachen.13.06.2026, 06.00 Uhr3 LeseminutenHier kann es weiterhin Kontrollen geben. An der deutschen Grenze im sächsischen Görlitz.Florian Gaertner / ImagoIst dies das Ende des Asylchaos in Europa? In der Europäischen Union gilt seit Freitag das neue Gemeinsame Europäische Asylsystem (Geas), das vor zwei Jahren beschlossen wurde. Damit sollen Asylverfahren beschleunigt, die Weiterreise innerhalb der Europäischen Union erschwert – und Staaten mit besonders vielen illegalen Einreisen unterstützt werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der christlichsoziale deutsche Innenminister Alexander Dobrindt feiert Geas als Beginn einer «neuen Phase der europäischen Migrationspolitik». Das «Ende eines Systems der Dysfunktionalität und des Zuständigkeitschaos» sei gekommen und «der Beginn von Kontrolle, Klarheit und Konsequenz».Den Anstoss zu einer Reform der bisherigen Asylregeln hatte die millionenfache irreguläre Migration nach Europa seit dem Jahr 2015 gegeben, von der auch Deutschland besonders betroffen war. Der massive Anstieg der Zuwanderung vor zehn Jahren führte den Europäern vor Augen, dass das Dublin-System in seiner bisherigen Form gescheitert war.Das nach einem im Jahr 1990 in Dublin beschlossenen europäischen Übereinkommen benannte System sieht vor, dass für Asylverfahren in Europa die Länder zuständig sind, in die Migranten zuerst einreisen. Dieser Grundsatz hätte Deutschland während der Migrationskrise eigentlich entlasten müssen. Doch liessen viele andere Staaten Migranten weiterreisen und nahmen diese häufig auch nicht von Deutschland zurück.Nun gelten die Dublin-Regeln zwar weiterhin, sie wurden aber in ein neues System integriert, das vor allem die innereuropäische Migration regulieren soll.Verfahren soll beschleunigt werdenDas neue System sieht ein «Screening» von Asylsuchenden an den EU-Aussengrenzen sowie an Flug- und Seehäfen vor, bei dem ihre Daten und Fingerabdrücke in eine EU-weite Datenbank eingespeist werden. Für Migranten, die aus Ländern mit niedrigen Asyl-Anerkennungsquoten kommen, sieht es ein beschleunigtes Verfahren vor.Als niedrig gilt die Anerkennungsquote, wenn höchstens 20 Prozent der Asylbewerber aus dem betreffenden Herkunftsland Schutz erhalten. Gleiches gilt für Migranten, die über ihre Identität täuschen oder als gefährlich eingestuft werden. Innerhalb von maximal zwölf Wochen soll über ihre Asylanträge entschieden werden. Während der Prüfung müssen sie in geschlossenen Auffanglagern oder Transitzonen an Flughäfen bleiben.Damit nicht vor allem die Länder an den EU-Aussengrenzen belastet werden, soll Geas einen «Solidaritätsmechanismus» schaffen: Die übrigen Mitgliedstaaten sollen 30 000 der anfallenden Asylverfahren übernehmen. Offen ist allerdings noch, wie die praktische Umsetzung aussehen soll. Die Koordination dafür liegt bei der EU-Kommission. Deutschland muss aufgrund seiner bisherigen hohen Aufnahmezahlen vorerst niemanden aufnehmen, Polen und Ungarn verweigern sich einem solchen Mechanismus grundsätzlich.Experten bezweifeln, dass Geas etwas verbessertOb sich mit Geas aber wirklich so viel ändern wird, ist offen. Manche Migrationsexperten bezweifeln die Durchschlagskraft der neuen Regeln. Skeptisch zeigt sich etwa der Frankfurter Rechtswissenschafter Maximilian Pichl: Dass sich tatsächlich alle Staaten an die Vereinbarungen halten werden, bezweifelte er gegenüber der Nachrichtenagentur DPA.Solidarität bemesse sich vor allem daran, ob ein Land bereit ist, Asylsuchende von den Staaten mit Aussengrenzen zu übernehmen – und dazu sei bislang kaum ein Land bereit. Der Konflikt darüber werde «hinter den Kulissen» weitergeführt.Tatsächlich weigert sich das durch Migration stark belastete Italien seit dem Jahr 2022, Migranten aus anderen Staaten zurückzunehmen, auch wenn diese von Italien aus weitergereist waren.Enden nun die deutschen Grenzkontrollen?Die deutsche Regierung hatte direkt zu Beginn der Legislaturperiode im Mai 2025 Kontrollen an den deutschen Grenzen eingeführt, um illegale Einreisen zu verhindern. Dieser Schritt stiess auf Kritik, weil damit praktisch der freie Reiseverkehr innerhalb Europas eingeschränkt wird.Der Innenminister Dobrindt sieht sich in Anbetracht des Geas-Starts denn auch bereits mit Forderungen des sozialdemokratischen Koalitionspartners konfrontiert, die Grenzkontrollen nun wieder abzuschaffen. Diese müssten «perspektivisch zu einem Ende kommen», fordert Sebastian Fiedler, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, gegenüber der Mediengruppe Bayern. Dobrindt aber will an den Kontrollen festhalten – und erst einmal abwarten, ob Geas überhaupt funktioniert.Die Zahlen der Asylanträge in Deutschland sind jedenfalls zuletzt stark gesunken. Das allerdings dürfte in weiten Teilen an der veränderten politischen Lage in Syrien liegen.Passend zum Artikel