Besuch im Lehigh Valley, dessen Erfolgsgeschichte mit einem Betrug an seinen Ureinwohnern begann.13.06.2026, 05.30 Uhr15 LeseminutenDas ist die Geschichte einer Verheissung: Wer hart arbeitet, kann alles erreichen. In Allentown und Bethlehem, den beiden Zwillingsstädten in Pennsylvania, wurde der amerikanische Traum Wirklichkeit: Hier fanden europäische Abenteurer ein Tal voller sagenhafter Reichtümer. Das Stahlwerk ermöglichte einfachen Arbeitern den Aufstieg. Sie bauten Hochhäuser und Brücken, die weltberühmt wurden. Und die Kriegsschiffe, die Amerika in eine Supermacht verwandelten. Der amerikanische Barde Billy Joel singt in «Allentown» über das, was hier wirklich zählte, «what was real»: «Iron and coke, chromium steel.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch der Traum platzte. Seither steht das Lehigh Valley für den Niedergang der amerikanischen Macht und das Ende einer goldenen Ära. Joel besang eine graue Elendsstadt, in der Arbeitslose die Zeit totschlagen, ohne Perspektive, ohne Hoffnung. Das Image der sterbenden Industriestadt ist an Allentown hängengeblieben, bis heute. Der Bürgermeister Matt Tuerk kann es nicht mehr hören. «Billy Joel müsste unserer Stadt eigentlich Entschädigung zahlen», sagt er.Das ist die Geschichte eines Tals im Herzen des amerikanischen Traums. Sie steht für die USA im Kleinen, für ihren Aufstieg, ihren Niedergang, ihre Neuerfindung. Im Pionierland Pennsylvania zeigte sich der Wandel stets besonders früh und klar. Die neue Ordnung begann hier mit einem Betrug.IExpansionIllustration Simon Tanner / NZZAls der Unternehmer William Allen erstmals das Lehigh Valley in Pennsylvania betritt, ist ihm klar: Will er das fruchtbare Tal erschliessen, müssen die Ureinwohner weg. Die Lenape-Indianer leben dort seit Jahrtausenden. Doch Allen, der als Reeder mit Rum, Sklaven und Mehl ein Vermögen verdient hat, sieht im Tal nur «dichte Wildnis, wo der primitive rote Mann umherstreift und jagt, ohne das geringste Anzeichen von Zivilisation». 1737 wittert er die Chance, mit einem Landgeschäft noch reicher zu werden. Dafür muss er die Lenape betrügen und vertreiben.Allen ist auch der Oberste Richter der Kolonie Pennsylvania. Er erfindet kurzerhand einen Kaufvertrag: Jahrzehnte früher sollen die Indianer versprochen haben, den Weissen so viel Land zu verkaufen, wie diese in 18 Stunden abschreiten können. Allen nimmt die Häuptlinge auf gemütliche Spaziergänge mit, um ihnen zu zeigen, dass niemand in dieser Zeit sehr weit kommt. Sie kennen die Tradition, dass sich verfeindete Parteien zu einem Spaziergang treffen, um zu einer Einigung zu kommen. Sie stimmen dem «Walking Purchase» zu.Doch Allen schickt keine Spaziergänger los, sondern die schnellsten Läufer von Pennsylvania. «Ihr rennt! Das ist unfair, ihr hättet gehen sollen!», rufen die Lenape am Streckenrand wütend aus. Sie können nur zusehen, wie die drei Athleten losrennen, ohne Pause, bis zur Erschöpfung. Ein Läufer gibt erschöpft auf. Einer bricht zusammen und stirbt kurz darauf. Nur Edward Marshall hält durch. 113 Kilometer lang. Den Landspekulanten sichert er ein Gebiet so gross wie das Wallis.Nun vertreiben die Siedler die Lenape mit Gewalt. Sie erhalten als Bezahlung Waffen und Kleidung, unter anderem 45 Kanonen, 2000 Nadeln und 40 Spiegel. Die Indianer kämpfen jahrzehntelang verzweifelt weiter um ihre Heimat, verbünden sich dafür sogar mit den Franzosen. «Das Land unter meinen Füssen ist der Grund, weshalb wir Krieg gegen euch führen», sagt ihr Häuptling Teedyuscung. In Allens gelobtem Land herrschen Chaos und Gewalt. Noch zwei Jahrzehnte nach dem Walking Purchase beschwert er sich bitterlich über die schlechte Sicherheitslage. Sein Versprechen, hier liege «das beste Land der Welt für den armen Mann, das sehr gut zum britischen Wesen passt», klingt wie Hohn.Grössere Siedlungen wie Bethlehem und Allentown entwickeln sich erst langsam. Sie sind bis 1762 Angriffen der Lenape ausgesetzt. Nur fünfzehn Jahre später werden sie Frontstädte in einem neuen Konflikt: dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Allens Sohn James beschreibt, wie die Armee in das heutige Allentown einmarschiert. «Tausende von Wagen sind an meiner Tür vorbeigekommen, die Spitäler sind voll.» Mit den Streitkräften kommen Waffenschmiede und Transportunternehmer. Die primitiven Verkehrswege des Tals kollabieren unter dem Ansturm.Der Fluss Lehigh könnte die Transportprobleme lösen. Doch er ist ein wildes Gewässer voller spitzer Felsen und Stromschnellen. Im Frühling überschwemmt er grosse Gebiete. Deshalb beginnen die Amerikaner 1818 mit dem Bau eines Kanals. Bald können darauf Holz und Erz aus den Bergen verschifft werden, zusammengebunden auf Flössen und auf Schiffen, bis nach Philadelphia. Auf halbem Weg liegen Bethlehem und Allentown. Hier siedeln sich Flüchtlinge, deutsche Einwanderer und Abenteurer an. Viele sind geschäftstüchtig und gut ausgebildet. Rohstoffe für die Fabriken gibt es genug, Arbeitskräfte ebenfalls. 1857 baut die Saucona Iron Company ihr erstes Werk. Daraus wird im 20. Jahrhundert die Bethlehem Steel Corporation.Das Unternehmen stellt ein einziges Produkt her. Es prägt die amerikanische Moderne wie kein anderes: Stahl. Und an der Spitze steht ein Abenteurer, der seine Vision mit vollem Risiko umsetzt: Charles M. Schwab. Der Mann aus Pennsylvania hat sich in den Stahlwerken von Andrew Carnegie vom Ingenieur zum Direktor hochgearbeitet. Er glaubt an den amerikanischen Traum, an die Möglichkeit jedes Menschen, sich selbst zu verwirklichen. «Unserer persönlichen Entwicklung sind keine Grenzen gesetzt», sagt er gern. Schwab ist ein begnadeter Verkäufer und macht Deals mit New Yorker Grossbanken. Als er sich mit J. P. Morgan zerstreitet, steigt er aus Carnegies Stahlimperium aus. Schwab übernimmt 1904 eine kleine Stahlfirma in Bethlehem. Sie wird rasch zum zweitgrössten Produzenten der USA. Zwischen der Jahrhundertwende und dem Zweiten Weltkrieg steigt die Produktion um das Hundertfache.Bei Bethlehem Steel setzt Schwab alles auf eine neuartige, kaum getestete Technologie. Als ihn sein Sekretär fragt, ob es klug sei, die ganze Firma dafür aufs Spiel zu setzen, sagt er: «Ich habe die ganze Sache durchdacht, und wenn wir pleitegehen, dann gehen wir in grossem Stil pleite.» Bethlehem Steel beginnt, neuartige Stahlträger herzustellen, die billig und vielseitig einsetzbar sind, etwa in Hochhäusern. Schwabs Stahlträger bilden die Skelette der berühmtesten Gebäude der New Yorker Skyline – darunter das Empire State Building. Die Golden Gate Bridge in San Francisco besteht aus 44 000 Tonnen Bethlehem-Stahl. Schwabs Slogan: «Stahl hat die Welt gebaut. Bethlehem baute den Stahl.»Es ist die Zeit des amerikanischen Aufstiegs, als die Städte in den Himmel wachsen und der Kapitalismus unvorstellbaren Wohlstand schafft. In seinen Büchern lobt Schwab die Moral seiner Arbeiter: «Ich liebe es, an den amerikanischen Geist in meinen Männern zu appellieren, den Geist, Dinge besser zu tun als irgendjemand vor ihnen.»Die Realität ist deutlich düsterer.Zwar erhalten Arbeiter Belohnungen, wenn sie ihre Produktionsziele übertreffen. Doch Schwab lässt sie sieben Tage die Woche schuften, 84 Stunden lang. Jedes Jahr gibt es Dutzende von schweren Unfällen: Die Arbeiter werden durch glühenden Stahl verletzt, atmen giftige Gase ein, ohne Schutzausrüstung. Gewerkschaften duldet Schwab nicht. Als Arbeiter 1910 für die Einführung freier Sonntage streiken, lässt er berittene Polizisten in die Menge schiessen. Es gibt Tote und Verletzte.IIKriegIllustration Simon Tanner / NZZDie erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist aber auch die Zeit der Kriege und Krisen. Nach dem Ersten Weltkrieg brechen die Aufträge der Stahlindustrie ein, und zwischen 1929 und 1933 fegt die Great Depression über die USA. Legendäre Brücken und luxuriöse Hochhäuser zu bauen, ist kein Geschäftsmodell mehr. Schwab erkennt das früh: Er richtet Bethlehem Steel in Kriegszeiten auf Rüstungsgüter aus. Im Ersten Weltkrieg liefert das Unternehmen nicht nur 100 Schiffe und Bordkanonen aus, sondern auch fast die Hälfte der Artillerie für die amerikanische Armee.Schwab kümmert sich dabei nur bedingt um amerikanische Gesetze. Obwohl die USA zu Beginn des Ersten Weltkriegs noch neutral sind, handelt er mit den Briten die geheime Lieferung von Munition und U-Booten aus. In den ersten Kriegsmonaten liefert Bethlehem Steel mehr als alle britischen Produzenten zusammen. Darauf ist Schwab stolz: «Ich kann alles liefern, wenn ich das Geld bekomme», soll er in London gesagt haben.Schwabs Deals sorgen für Kontroversen. Untersuchungsausschüsse des Kongresses werfen ihm vor, seine dominante Stellung ausgenutzt und den Amerikanern überhöhte Preise verrechnet zu haben. Er sei ein «Händler des Todes». Schwab sieht sich im Recht. «Ich hatte nie das Gefühl, dass wir etwas anderes taten als unsere Pflicht gegenüber dem Land und der Welt: Verteidigungsmittel zur Verfügung zu stellen.»Schwab stirbt 1939, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der Visionär ist verarmt. Sein riesiges Vermögen hat er verprasst, für Glücksspiel, Frauen und luxuriöse Villen. Und seine Anteile an Bethlehem Steel sind fast wertlos: Das Unternehmen steht nach zehn Jahren Wirtschaftskrise vor dem Ruin. Doch mit dem Kriegseintritt der USA nach Japans Angriff auf Pearl Harbor 1941 wird das Unternehmen erneut zum zentralen Waffenlieferanten. Als «das grosse Arsenal der Demokratie» bezeichnet Präsident Franklin D. Roosevelt sein Land. Ohne den Stahl aus Pennsylvania liesse es sich nicht füllen. Die Industriemacht Amerika steht an vorderster Front eines Weltkriegs.Bethlehem Steel baut die Produktion aus und stellt neue Arbeiter an. 1943 hat der Riesenkonzern 300 000 Angestellte, die in ganz Amerika tätig sind. Sie produzieren 73 000 Tonnen Stahl für das Militär und bauen in den Werften an der Küste über 1100 Kriegsschiffe. Darunter ist der Flugzeugträger USS «Lexington», den die Japaner 1942 während der Schlacht im Korallenmeer zerstören. Er sinkt mit 200 Mann und 35 Flugzeugen an Bord.Die riesige Nachfrage bringt die amerikanische Stahlindustrie an ihre Grenzen. Weil die Männer in der Armee sind, herrscht akuter Personalmangel. Deshalb folgen ihnen die Frauen in die Fabrikhallen. Auch bei Bethlehem Steel, wo plötzlich 25 000 Arbeiterinnen löten, schweissen und giessen. Für die konservative Gesellschaft ist das ein Schock, der Geschlechterrollen infrage stellt. Für die Frauen eröffnet sich eine neue Welt.«Der Lohn war sehr gut für die damalige Zeit», sagt die ehemalige Arbeiterin Doris M. Mann. «Deshalb haben es die Frauen gemacht.» Sie wird 1975 im Forschungsprojekt «Women of Steel» befragt. Die Bethlehemerin stammt aus einer armen Familie, hat kranke Verwandte. Sie braucht das Geld. Mann testet zunächst die Härte des Stahls, der in Kampfflugzeugen verwendet werden soll. Dann lässt sie sich zur Kranführerin ausbilden. Ihr gefällt der Druck, die Verantwortung: «Junge, wenn du einen Kran führst, dann musst du voll da sein», sagt sie. Die Männer beobachteten sie ganz genau.Die Arbeiterinnen stossen auch auf Ablehnung. In Bethlehem durchlaufen sie schmerzhafte Initiationsriten. Die Männer hinterlassen heisse Metallstücke an den Schweissbrennern und schauen zu, ob die Frauen weinen, wenn sie diese von Hand entfernen. Sexuelle Belästigungen kommen ebenfalls vor. Als Doris Mann von einer Nachtschicht nach Hause geht, entblösst sich ein Mann vor ihr. «Danach begleitete mich mein Vater.» Regelmässig hätten ihr Arbeiter nachgepfiffen. Für sie war das normal.In den USA überhöht die Kriegspropaganda die Frauen in den Fabriken. Kunstfiguren wie Rosie the Riveter oder Winnie the Welder tauchen auf grossen Plakaten auf, in Bethlehem und überall im Land, um die Frauen in die Fabriken zu holen. Rosie verbindet grosse Stahlstücke mit Nieten, Winnie schweisst sie zusammen. Die Poster, auf denen «We Can Do It!» steht, während Rosie ihre Muskeln zeigt, sind weltberühmt. «Sie schreibt Geschichte, arbeitet für den Sieg. Hält Ausschau nach Sabotage», heisst es in einem zeitgenössischen Lied. Ihr Freund kämpfe in der Armee, «sie macht Überzeit an der Nietmaschine».Für die Arbeiterin Doris Mann ist die Arbeit in der Fabrik eine patriotische Pflicht. Sie weiss aber auch, dass sie nicht ewig dauern kann. «Wir gingen während des Krieges, weil sie Frauen brauchten», sagt sie im Interview. «Ich glaube, das zeigte, dass Männer und Frauen zusammenarbeiten können. Ich dachte nie daran, das zu einer Lebensaufgabe zu machen. Sonst wäre ich nicht gegangen.» Sie und die sechs Millionen Frauen in der Rüstungsindustrie werden rasch entlassen, um Platz zu machen für die heimkehrenden Soldaten.IIINiedergangIllustration Simon Tanner / NZZDie Vereinigten Staaten stehen 1945 auf dem Gipfel ihrer Macht. Sie haben grosse Opfer im Zweiten Weltkrieg erbracht, doch das Land ist keine Ruinenlandschaft wie Deutschland, Japan oder die Sowjetunion. Die Industrien der Konkurrenten sind zerstört. Beim Stahl haben die Amerikaner nach dem Krieg praktisch ein Monopol. Ihre Werke stellen im Jahr 90 Tonnen her. Das ist über 60 Prozent der globalen Produktion. Ein Achtel davon kommt aus Bethlehem.In dieser goldenen Ära beginnt die Karriere von Donald Young. «Ich komme aus dem Zeitalter der Dampfmaschinen», sagt Young am Telefon. Der 88-Jährige gehört zu der Generation von Amerikanern, die sich nach dem Krieg mit harter Arbeit den sozialen Aufstieg sicherten. 1956 steigt er bei Bethlehem Steel ein. Und bleibt 56 Jahre. Young ist klug und ambitioniert. Er bildet sich in Abendkursen weiter, lernt viel über Metalle und ihre Verarbeitung. Als Vorarbeiter steigt sein Lohn. Und die Gewerkschaften, seit dem Krieg sehr einflussreich in den Fabriken, sichern ihm Zusatzleistungen. Young nennt sie «bennies», von «benefits»: Krankenkasse, Versicherung, eine grosszügige Pension.Der Mann aus Baltimore erlebt, wie rasant sich die Technologie entwickelt. «Als ich begann, haben wir die Stahlzusammensetzung mit Stift und Papier berechnet», erzählt er. Nun mache alles der Computer. Und als er angefangen habe, habe es fast keine Sicherheitsausrüstung gegeben. «Nun musst du einen Astronautenanzug tragen, damit sie dich überhaupt in die Nähe von flüssigem Stahl lassen.» Young kann wenig mit Digitalisierung anfangen. Er bezeichnet sich als «alten Griesgram», der nostalgisch an die alten Zeiten denkt. Doch er weiss, dass die Stahlindustrie zugrunde ging, weil sie sich nicht wandelte. Und er erinnert sich genau an den Tag, an dem der Niedergang begann.Am 15. Juli 1959 beginnt ein Streik von 500 000 Arbeitern, der vier Monate dauert. Sie wollen höhere Löhne. Plötzlich bleibt der Nachschub aus den Fabriken aus – ein Schock für den Bausektor, für Autobauer und Werften. Die amerikanische Regierung lässt deshalb ausländischen Stahl ins Land. Die Europäer und Japaner stehen bereit. «Plötzlich waren alle Schleusen geöffnet», sagt Young. Die USA werden über Nacht zu einem grossen Stahlimporteur.Die neue Konkurrenz trifft Bethlehem Steel, weil ihre Werke veraltet sind. «Die Technologie war auf dem Niveau der zwanziger Jahre stehengeblieben. Es gab lange schlicht keinen Grund für eine Modernisierung», sagt Don Young. Die Fabriken in Europa und Asien sind hingegen brandneu. Sie produzieren billiger und effizienter, auch dank Subventionen. Den Grundstein dafür haben die Amerikaner ironischerweise selbst gelegt: Die ersten Kredite kommen aus dem Marshall-Plan.Bethlehem erholt sich zwar noch einmal. Die Weltwirtschaft wächst, und die Stahlproduktion steigt 1973 auf einen Rekordwert. Dann kommt der Ölpreisschock. Die Energiepreise steigen rasant, machen alles teurer. Gleichzeitig bricht die Autoindustrie ein, ein zentraler Abnehmer. Und weil die Regierung neue Umweltauflagen erlässt, kosten die alten Werke nun doppelt: Sie brauchen mehr Energie und müssen für Hunderte von Millionen Dollar sauberer gemacht werden. Bethlehem Steel macht Schulden – just in dem Moment, da die Zinsen stark ansteigen. Es ist der perfekte Sturm.1977 meldet das Unternehmen ein Defizit von fast einer halben Milliarde Dollar. Fünf Jahre später folgen noch einmal eineinhalb Milliarden. Es ist damals der vierthöchste Verlust der amerikanischen Firmengeschichte. Die Gründe dafür sind die Fehler der Vergangenheit, nicht zuletzt die grosszügigen Pensionsleistungen aus den goldenen Zeiten. Bethlehem Steel entlässt Zehntausende, schliesst Werke. Der «Rust Belt» entsteht, ein riesiger Gürtel stillgelegter, vor sich hin rostender Industrieanlagen von Pennsylvania bis in den Mittleren Westen.Die Stahlindustrie ist nun im freien Fall. In Bethlehem selbst kommt die Entlassungswelle über ein Vierteljahrhundert verteilt, weil das Unternehmen sein wichtiges Werk nur zögerlich anfasst. Doch 1995 endet auch im Lehigh Valley die Stahlproduktion. «Die Jungs weinten, als sie die Hochöfen abschalteten. Ich auch», sagt Don Young. «Aber ich machte weiter.» Als Bethlehem Steel 2001 bankrottgeht, arbeitet Young in einem anderen Stahlkonzern weiter. «Ich ging erst in Pension, als sie mich mit 75 dazu zwangen.» Heute führt er Besucher durch das Werkgelände in Pennsylvania. Im Geist bleibt er Stahlarbeiter.IVLeereIllustration Simon Tanner / NZZDie tiefe Krise der Stahlindustrie, dieses Symbols nationaler Stärke, erschüttert das ganze Land. Im Rostgürtel bleiben entleerte Landstriche und verarmte Orte zurück. Billy Joel schreibt 1982 unter dem Eindruck der täglichen Schlagzeilen über Werkschliessungen sein Lied «Allentown». Eigentlich geht es darin um Bethlehem. Doch Joel findet, das klinge zu religiös. Zudem lässt sich Allentown besser reimen.«We’re living here in Allentown, and they’re closing all the factories down», singt der New Yorker. «Out in Bethlehem they’re killing time. Filling out forms, standing in line.»Joel schreibt sein Requiem auf den amerikanischen Traum. Er meine das ganze Land, wenn er über Allentown spreche, sagt er in einem Dokumentarfilm. Für die neue Generation verblasst das Versprechen auf Aufstieg und Wohlstand in der Wirtschaftskrise der Achtziger. «Jedes Kind hatte eine gute Chance, mindestens so weit zu kommen wie sein Vater», lautet eine andere Strophe. Aber die Kinder seien nie angekommen.Im Dezember 1982, auf dem Höhepunkt der Entlassungswellen, tritt Billy Joel in Bethlehem auf. Der Bürgermeister von Allentown empfängt ihn, übergibt ihm symbolisch den Schlüssel zur Stadt. «Es ist ein rauer Song über eine raue Stadt», sagt er während der Zeremonie. Und: «Klar, wir haben Arbeitslosigkeit und unerfüllte Träume, aber wer nicht?» Als Joel am Abend auf die Bühne tritt, ist das Publikum aufgewühlt. Als Mischung aus Rockkonzert, Arbeiterdemonstration und Therapiesitzung beschreibt ein Lokaljournalist den Auftritt. «Sie haben alle Kohle aus dem Boden genommen. Und die Gewerkschaftsleute schlichen sich davon», singt Joel. Die Arbeiter jubeln. «Don’t take any shit from anybody», ruft er ihnen zu. «Allentown» spielt er zweimal: am Anfang und am Schluss.Der Niedergang der Stahlindustrie verändert die USA weit über das Lehigh Valley hinaus. Auch politisch. Ronald Reagan gewinnt die Präsidentschaftswahl 1980 mit dem Slogan «Make America Great Again». Er beklagt die Schwäche der USA – und idealisiert die Nachkriegsjahre als Ära mit einem stabilen Wertekanon, voller industrieller Potenz.2020 tritt Donald Trump mit der gleichen Botschaft in Allentown auf. Er schimpft über «Globalisten» in Washington und die Schmarotzer in Europa, die Amerika nur ausnutzten. Zusammen hätten sie die Industrie vernichtet. «Stahl hat die Mittelschicht geschaffen, hat unsere grossartigen Wolkenkratzer gebaut und zwei Weltkriege gewonnen», sagt Trump. Er verspricht, die Industrie mit Zöllen wiederzubeleben. Die Resultate dieser Politik sind zwar bescheiden. Aber sie kommt bei vielen an, die sich vom stetigen Wandel überfordert fühlen und geistig in die Vergangenheit fliehen.Das stillgelegte Fabrikgelände in Bethlehem wirkt heute auf den ersten Blick wie eine typische Industriebrache: eine Leere von der Grösse Gibraltars. Es ist eine deprimierende Landschaft mit langen Hallen voller zerborstener Fenster, ein Lost Place. Rostende Eisenbahnschienen mit Graffiti schlängeln sich durch ehemalige Verladeanlagen. Dahinter thronen die stillgelegten Hochöfen.VNeuerfindungIllustration Simon Tanner / NZZErst auf den zweiten Blick zeigt sich an diesem kalten Wintertag Ende 2025, dass es Leben gibt in den alten Gemäuern. In einer ehemaligen Werkstatthalle erzählt das Nationale Museum für Industriegeschichte von der Vergangenheit. Im Sommer finden daneben regelmässig Konzerte und Festivals statt. Eineinhalb Millionen Menschen besuchen jedes Jahr die Brache. In einen Neubau ist der Fernsehsender PBS eingezogen, ein Stadion beherbergt den lokalen Hockeyklub. Dahinter steht ein Casino mit Hotel und Einkaufszentrum. Kultur, Shopping und Vergnügen: Bethlehem hat sich neu ausgerichtet, auf die amerikanische Konsumgesellschaft. Wo einst Arbeiter schufteten, stehen heute Touristen an Spielautomaten oder kaufen sich am Weihnachtsmarkt handgemachten Schmuck.Verschwunden ist die Industrie im Lehigh Valley nicht. Allentown und das ehemalige Werkgelände von Bethlehem Steel gehören zu einem Cluster aus Fabriken, Warenhäusern und Verladestationen. Firmen wie Amazon, Fedex, UPS und Walmart haben ihre Präsenz stark ausgebaut. Marken wie Olympus, Fender oder Crayola blieben. Im Transportbereich arbeiten 40 000 Menschen, fast gleich viele wie früher bei Bethlehem Steel. Der Stahl ist zwar verschwunden. Doch die Nähe zu den Metropolen New York und Philadelphia, das gute Verkehrssystem und das Know-how der Bevölkerung bleiben die Trumpfkarte des Tals. Daran hat sich in den letzten 300 Jahren wenig geändert.Matt Tuerk, der Bürgermeister von Allentown, hört das Wort «Rust Belt» deshalb ungern. «Eigentlich müsste Billy Joel den Schlüssel zur Stadt zurückgeben», sagt er im Gespräch. Seine Forderung einer Entschädigung meint Tuerk nur halb ironisch. Als ehemaliger Wirtschaftsförderer habe er Mühe gehabt, Investoren anzulocken, weil sie Allentown so stark mit industriellem Niedergang verbanden. Der Demokrat betont deshalb lieber die vielen neuen Arbeitsplätze und die grosse Zuwanderung aus anderen Landesteilen.Dass Matt Tuerk überhaupt Bürgermeister wurde, zeigt, wie sehr sich das Tal verändert hat. Der 51-Jährige ist der erste Latino in dieser Position. Seine Grossmutter kam nach dem Krieg aus Kuba in die USA, er wuchs in der Nähe des Lehigh Valley auf. Dessen Bewohner und damit auch die Stahlarbeiter waren damals fast ausschliesslich weiss. Nun ist Allentown eine Stadt mit einer Latino-Mehrheit. 60 Prozent der Bewohner sind seit 2010 zugezogen. «Sie kennen die Ära des Stahls gar nicht mehr. Weil sie nicht hier waren», sagt Tuerk.Die demografische Veränderung schaffe aber auch Verunsicherung, sagt Tuerk. «Es gibt einen Teil der alteingesessenen Bevölkerung, der den siebziger Jahren nachtrauert.» Politisch durchziehen das Lehigh Valley breite Gräben. Die Weissen in den Vorstädten wählen republikanisch, Allentown und Bethlehem sind in den Händen der Demokraten. 2008 gewann Obama im Tal eine Mehrheit. 2024 war es Donald Trump. Auch dies hat mit demografischen Veränderungen zu tun: Ein Teil der Latinos ist empfänglich für die konservativen Wertvorstellungen der amerikanischen Rechten. Dazu kam die Unzufriedenheit über zu hohe Lebenskosten und relativ tiefe Löhne. Das ist eine politische Entwicklung, die stellvertretend für die gesamten USA steht.«In der Stadt gibt es viel Frust bei jenen, die nicht vom Wachstum profitieren», sagt Bürgermeister Matt Tuerk. Das hängt eng mit der Veränderung der Wirtschaft zusammen: Viele der Zuzüger verlassen New York und andere Metropolen, weil das Leben für sie zu teuer geworden ist. In Allentown finden sie günstige Häuser, weil die Weissen die Stadt in den achtziger Jahren verlassen haben. Die Zentren verödeten.Doch auch diese Entwicklung ist nicht von Dauer. «Downtown Allentown» erlebt einen enormen Aufschwung. Vielerorts stehen zwar weiterhin einfache Läden mit vergitterten Fenstern. An der Hauptstrasse schiesst aber ein Büroturm nach dem anderen in den Himmel. Daneben stehen neueröffnete Hotels und Restaurants für ein zahlungskräftiges Publikum. Für Kinder gibt es ein modernes Technikmuseum, und das Kunstmuseum steht kurz vor dem Umzug in einen Neubau. In den letzten fünf Jahren stiegen die Häuserpreise um zwei Drittel. Arme Familien müssen befürchten, dass sie verdrängt werden.Das Lehigh Valley steht damit vor einer weiteren Verwandlung. Aus dem unerschlossenen Tal wurde das Herz der amerikanischen Moderne, aus der Industriebrache formte sich eine neue Wirtschaft. Auf Indianerstämme folgten weisse Europäer und jüngst Latinos. Es ist eine vielschichtige und polarisierte Gesellschaft, die aus dieser reichen Geschichte hervorgegangen ist. Was sie noch verbindet, wird zunehmend unsicher. Sie ist ein Sinnbild des ganzen Landes, das für sich einen neuen Platz in der Welt sucht.Wie singt Billy Joel? «Well we’re waiting here in Allentown. For the Pennsylvania we never found.» Das Tal und seine Menschen erfinden sich nochmals neu. Was daraus wird, bleibt offen.Passend zum Artikel
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Besuch im Lehigh Valley, dessen Erfolgsgeschichte mit einem Betrug an seinen Ureinwohnern begann.
Bethlehem Steel wird 1904 unter Schwab zur zweitgrössten US-Stahlproduktion und prägt den amerikanischen Aufstieg. Rohstoffe, Infrastruktur und Execution schaffen Dominanz; strategische Innovation bestimmt Langfristigkeit – Lehrstück für Industrietransformation.









