Vier verbrannte Erdbeerpflücker erinnern daran, was in Italiens Landwirtschaft schiefläuftAnfang Juni kommt es in Süditalien zu einer grausamen Tat. Sie gibt einen Einblick in ein längst bekanntes Problem.Salome Woerlen13.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenTrockenheit in der Landwirtschaft Landwirtschaft: Erdbeerernte auf einem Acker in Langenberg. Eine rumänische Gastarbeiterin pflückt auf einer Plantage Erdbeeren. Die Verkaufssaison der roten Früchte startet jetzt. Wegen des Corona-Virus müssen die Erntehelfer Handschuhe sowie einen Mundschutz tragen. Rheda-Wiedenbrück Nordrhein-Westfalen Deutschland *** Drought in agriculture Agriculture Strawberry harvest on a field in Langenberg A Romanian guest worker is picking strawberries on a plantation The red fruit sales season starts now Because of the corona virus, harvest workers must wear gloves and a mouthguard Rheda Wiedenbrück North Rhine-Westphalia Germany Copyright: xInderlied/Kirchner-MediaxKirchner-Mediax / ImagoDer Carabiniere bemerkt den Minivan schon auf der Staatsstrasse. Jemand schmeisst Plastiksäcke aus dem Fenster, das Fahrzeug wird fahrlässig gelenkt. Der Carabiniere folgt dem Minivan, bis dieser wenige Kilometer später bei einer Tankstelle anhält. Dort stoppt auch der Carabiniere, steigt aus, zeigt dem Fahrer des Minivans seinen Dienstausweis und ermahnt ihn: «So riskieren Sie einen Unfall.» Der Fahrer nickt, der Carabiniere verschwindet. Was dann folgt, ist kein Unfall, sondern eine kaltblütige Tat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Fahrer und ein weiterer Mann verlassen den Van. Der eine beginnt, Benzin in das Innere des Wagens zu schütten. Der andere hält währenddessen die Türen von aussen zu. Dann setzen sie das Auto in Brand. Vier Männer im Innern des Fahrzeugs verbrennen bei lebendigem Leib. Drei Afghanen und ein Pakistaner im Alter zwischen 19 und 29 Jahren. Der Afghane Taj Mohammed Alamyar brennt am Oberkörper, kann sich aber durch den offenen Kofferraum ins Freie retten. Er überlebt.Wenig später fasst die Polizei die zwei Tatverdächtigen. Ahmed Safeer und Ali Raza. Beides Pakistaner, beide seitdem des mehrfachen Mordes angeklagt.So rekonstruiert die italienische Zeitung «La Repubblica» den Vorfall, der sich am 1. Juni am helllichten Tag nahe der kleinen Gemeinde Amendolara im Süden Italiens ereignet hat. Die Tat rückt ein zwielichtiges System in den Vordergrund. Eines, das Italiens Landwirtschaft trägt. Und eines, das bis in die Supermarktregale der Schweiz und Deutschlands reicht.Ausbeutung in SüditalienTaj Mohammed Alamyar und seine vier Freunde waren Erntehelfer. Sie ernteten Erdbeeren in Scanzano Jonico, einer Gemeinde an der ionischen Küste, die sich auch «Stadt der Erdbeeren» nennt. Die gesamte Gegend in Süditalien ist bekannt für den Anbau von Erdbeeren, Orangen und Mandarinen. Und sie ist ebenso bekannt für die teilweise unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Die meisten Erntehelfer sind Migranten und kommen aus Ländern wie Indien, Pakistan, Bangladesh oder Afghanistan. Viele von ihnen schuften für einen Stundenlohn von unter drei Euro. Einen gesetzlichen Mindestlohn gibt es in Italien nicht.Die Arbeitsbedingungen sind oft prekär. Einen Tag nach dem Vorfall erzählt Alamyar mit bandagierten Armen vor laufenden Kameras und Mikrofonen von seinen Erfahrungen. Es ist ein seltener Einblick in eine Branche, über die in Italien gerne geschwiegen wird.Viele Landarbeiter in Italien befinden sich in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen.Francesco Pecoraro / GettySie hätten auf einem Matratzenlager in einem Haus geschlafen, sagte Alamyar. Zu zehnt in einem Raum. Zum Essen sollen sie nur Brot und Kartoffeln bekommen haben, sonst nichts. Den Transport zu den Erdbeerfeldern hätten sie selbst bezahlen müssen. Je 5 Euro für die Hin- und Rückfahrt. Die Arbeit habe jeweils mit der Dämmerung begonnen und am Mittag geendet, wenn die Hitze unerträglich wurde. Den versprochenen Tageslohn von 45 Euro hätten sie seit Beginn ihrer Anstellung am 20. April nicht erhalten. Mehrere Tage lang hätten sie diesen bei den Vorarbeitern eingefordert. So auch am Morgen jenes 1. Juni. Das könnte sie ihr Leben gekostet haben. Alamyar ist sich sicher: Die Vorarbeiter wollten ein Exempel an ihnen statuieren.Das Caporalato-SystemBei den Vorarbeitern handelt es sich um die beiden Angeklagten. Dass diese pakistanischer Herkunft sind, ist kein Zufall. Obwohl seit 2016 in Italien verboten, wird in der Landwirtschaft vielerorts noch immer Caporalato praktiziert – ein System illegaler Arbeitsvermittlung. Sogenannte Capos vermitteln zwischen Landwirtschaftsbetrieben und Wanderarbeitern. Es sind häufig selbst Migranten, die in der Hierarchie nach oben geklettert sind. Sie rekrutieren Wanderarbeiter, organisieren Transport und Unterkunft. Dafür behalten sie einen Teil des Lohns oder verlangen separate Gebühren.Sowohl die Opfer als auch die Angeklagten waren beim Obstunternehmen Zuccarella angestellt. Der Inhaber Rocco Zuccurella sagte zu italienischen Medien, dass er alle Männer am 20. April eingestellt habe. Bei der Rekrutierung wende sich das Unternehmen allenfalls an jemanden, der dieselbe Sprache wie die Feldarbeiter spreche. Aber Capos setzten sie keine ein.Ob diese Aussage stimmt, muss nun die Staatsanwaltschaft ergründen. Auch ob die örtliche Mafia, die ’Ndrangheta, in die Ausbeutung der Arbeiter verwickelt ist. Der zuständige Staatsanwalt Alessandro D’Alessio hält sich zu den laufenden Ermittlungen bis jetzt bedeckt: Die Ermittlungen seien komplex, man sei personell knapp besetzt – «und die Bürger kooperieren nicht, auch nicht die Italiener».Hinter dem System steckt ein Milliardengeschäft mit vielen Profiteuren. In Italien spricht man auch von der Agrarmafia. Laut dem Gewerkschaftsverband Flai-CGIL arbeitete in Italiens Landwirtschaft 2024 fast jeder fünfte Beschäftigte irregulär – insgesamt über 200 000 Menschen. Das italienische Forschungsinstitut Eurispes schätzt, dass kriminelle Netzwerke in Italiens Agrar- und Lebensmittelwirtschaft jährlich einen geschätzten Umsatz von 25 Milliarden Euro erzielen. «Dieses Netzwerk anzugreifen, wäre die wichtigste Investition in die Demokratie Italiens», schrieb die «Repubblica» vergangene Woche in einem Kommentar.Erdbeeren schon im FrühjahrDas Problem reicht weit über Süditalien hinaus. In der Schweiz stammen in den Frühjahrsmonaten zwischen 15 und 25 Prozent der importierten Erdbeeren aus Italien, wie Zahlen des Bundesamts für Zoll und Grenzsicherheit zeigen. Im März und April zusammen importiert die Schweiz mehr Erdbeeren, als einheimische Bauern in einer ganzen Saison ernten.Wer auf saisonale Erdbeeren aus der Region zurückgreifen will, muss sich bis Mitte Mai gedulden. Und dafür mehr zu zahlen bereit sein. Der Schweizer Bauernverband empfiehlt derzeit einen Preis von zwischen 13 Franken 20 und 19 Franken 20 für ein Kilo heimische Erdbeeren. In Deutschland kostet das Kilo um die 12 Euro. Erdbeeren aus dem Ausland hingegen bekommt man teilweise bereits für 4 Franken oder 2 Euro 50 pro 500 Gramm.Passend zum Artikel
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