Anthropic-Börsengang: Eine Basler Gruppe gehört zu den frühesten Investoren des wertvollsten KI-Startups der WeltDer Verein Macroscopic Ventures warnt vor KI-Risiken und landet gleichzeitig mit einer eigenen KI-Investition einen Volltreffer. Das Aktienpaket der effektiven Altruisten aus Basel dürfte heute ein Vielfaches wert sein.13.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenAnthropic hat OpenAI als wertvollstes KI-Start-up überholt. Nun planen beide Unternehmen den Börsengang.Chris Ratcliffe / Bloomberg / GettyBasel, ein Geschäftsgebäude an der Inneren Margarethenstrasse, Mitte Mai. Zwei Männer, die in dem Haus arbeiten, stehen vor dem Eingang und rauchen. «Macroscopic Ventures? Noch nie gehört», sagt einer. Doch die Adresse stimmt: Hier befindet sich das Domizil eines Basler Vereins, der bald zu den Gewinnern eines der grössten Börsengänge der Geschichte gehören dürfte. In dem Gebäude ist neben einem Fitnesscenter und der Basler Kantonspolizei auch ein Betreiber von Gemeinschaftsbüros eingemietet. Das könnte die fehlende Anschrift erklären, meinen die beiden Raucher.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Macroscopic Ventures und seinen Verantwortlichen ist in seiner kurzen Geschichte etwas gelungen, was man in der Risikokapitalbranche in Anlehnung an den Baseball-Sport einen «Home-Run» nennt: ein Volltreffer. Der gemeinnützige Verein hat im Mai 2021 und im April 2022 als einer der ersten Investoren weltweit in das KI-Unternehmen Anthropic investiert. Anthropic steht heute mit seinem höchst erfolgreichen Sprachmodell Claude an der Spitze im globalen Wettlauf um künstliche Intelligenz.In ihrer letzten Finanzierungsrunde erreichte die Firma des Geschwisterpaars Dario und Daniela Amodei eine Bewertung von 965 Milliarden Dollar und damit mehr als die Konkurrentin Open AI, das Unternehmen von Sam Altman, das hinter Chat-GPT steht. Anthropic ist derzeit das wertvollste KI-Startup der Welt. Für die frühesten Investoren bedeutet das, dass sie ihr Vermögen wohl mit einem Faktor von über 100 vervielfacht haben.Und mittendrin ein gemeinnütziger Verein aus Basel, der es sich zum Ziel gesetzt hat, «die Lebensqualität zukünftiger Generationen möglichst umfassend zu verbessern». Und der im laufenden Jahr laut eigenen Angaben bis zu 100 Millionen Dollar an Fördergeldern ausgeben will.Dennoch ist über Macroscopic Ventures wenig bekannt, vielleicht auch, weil der Verein seit seiner Gründung im Jahr 2019 zweimal seinen Namen geändert hat. Im Vorstand sitzen zwei Schweizer, ein Deutscher und ein Ire. Gespräche mit Wachstumskapitalexperten, interne Dokumente und Stellungnahmen der Vorstandsmitglieder geben einen Einblick in die Entstehung und die Aktivitäten der Gruppierung.Fokus auf KI – lange vor Chat-GPTDie Geschichte von Macroscopic Ventures beginnt mit einem jungen Ostschweizer, der vor mehr als zehn Jahren nach dem Bachelor sein Medizinstudium an der Universität Basel abbricht.Jonas Vollmer, heute als Vorstandsmitglied eine treibende Kraft bei Macroscopic Ventures, entschied, dass er nicht Arzt, sondern effektiver Altruist werden möchte. Die globale Bewegung der effektiven Altruisten will mit datengetriebenen, wissenschaftlichen Methoden möglichst viel Leid in der Welt verhindern. So bevorzugen die Aktivisten die Verteilung von Moskitonetzen, um Malaria-Ansteckungen zu verhindern, statt teurer Forschung an seltenen Krankheiten. Pro eingesetztem Dollar liessen sich so mehr Menschenleben retten, lautet ihr Argument. Die Hilfsgelder sollen dorthin fliessen, wo sie am meisten bewirken.Jonas Vollmer.PDIm Jahr 2016 erklärte der noch unbekannte Vollmer in einem NZZ-Artikel, als künftiger Arzt hätte er in seinem Berufsleben voraussichtlich etwa zwanzig Menschenleben gerettet. Mit einer einmaligen Spende von 50 000 Franken an die richtige Organisation könne er das Gleiche erreichen. Es war klar: An seiner Entscheidung für den effektiven Altruismus gab es nichts zu rütteln.An der Universität Basel hatte Vollmer Gleichgesinnte gefunden. «Aus den Hörsaaldebatten wurden bald erste gemeinnützige Projekte in Basel», sagt er heute. Als Geschäftsführer der Stiftung für effektiven Altruismus sammelte er Millionenbeträge in Form von Spenden. Er erwirkte mit einer Volksinitiative, dass die Stadt Zürich einen fixen Anteil ihrer Steuereinnahmen für Entwicklungsausgaben ausgibt, und förderte Forschung, die die Wirksamkeit von Hilfsprojekten untersucht.Doch mit den Jahren rückte ein anderes Thema immer stärker in den Vordergrund. Ein Gebiet, das damals noch wenigen und heute fast jedem vertraut ist: die künstliche Intelligenz. Viele Jahre bevor Open AI mit Chat-GPT live ging, befassten sich die effektiven Altruisten wie Vollmer mit den mutmasslich existenziellen Risiken, die der menschlichen Zivilisation aus dieser Technologie erwachsen könnten. Effektive Altruisten in aller Welt warnen seit Jahren davor, dass sich eine künstliche Superintelligenz dereinst verselbständigen und die Menschheit entmachten könnte.Millionen dank FTXUm diesen technologischen Gefahren mit neuen Lösungsansätzen zu begegnen, gründete Vollmer mit anderen Aktivisten im Juli 2019 den Verein Center for Emerging Risk Research (CERR), der sich zeitweise Polaris Ventures nannte und heute Macroscopic Ventures heisst. Das CERR wollte andere wohltätige Projekte unterstützen und gleichzeitig Investitionen in Unternehmen tätigen, die «socially beneficial» sind. Ein solches Investment würde, wie man heute weiss, Anthropic sein.Sein Startkapital erhielt der Verein hauptsächlich von Ruairi Donnelly: Der Ire, ebenfalls effektiver Altruist, spendete der Organisation seinen aufgelaufenen Lohn, den er als Stabschef bei der anfänglich erfolgreichen Krypto-Börse FTX verdient hatte. Betrag: über 11 Millionen Einheiten der Kryptowährung FTT im Wert von mehreren Millionen Franken. Seine Grossspende floss laut Dokumenten, die der NZZ vorliegen, 2019 von der Effective Altruism Foundation in den USA nach Basel. Per Ende 2020 beliefen sich die aktiven Vermögenswerte des Vereins auf 25 Millionen Franken. Der Basler Verein beschäftigt heute etwas mehr als ein Dutzend Angestellte in der Schweiz, in Oxford und San Francisco.Der erste CoupDie Gelegenheit für den «Home-Run» eröffnete sich Anfang 2021, als Dario Amodei und seine Schwester Daniela Amodei Anthropic gründeten. Beide waren zuvor bei Open AI angestellt gewesen und waren besorgt darüber, dass das Unternehmen unter der Führung von Sam Altman die Risiken der KI-Technologie zu wenig ernst nimmt. Im Mai 2021 führten sie eine sogenannte Series-A-Finanzierungsrunde durch und nahmen 124 Millionen Dollar ein. Eine «kühne» Summe für ein eben erst gegründetes KI-Startup, wie der britische Tech-Investor Ian Hogarth jüngst in der «Financial Times» anmerkte; er war ebenfalls in bescheidenem Ausmass an der Runde beteiligt.Die Amodeis trafen mit ihren Bedenken in Bezug auf die Sicherheit von KI einen Nerv. Von den grossen Wachstumskapitalgesellschaften im Silicon Valley war bei der Series-A-Runde allerdings keine dabei. Der führende Investor war stattdessen der Skype-Gründer Jaan Tallinn. Zu den weiteren Geldgebern gehörten der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt und der Facebook-Mitgründer Dustin Moskovitz. Und der kleine Basler Verein namens CERR, wie man bis heute auf der Anthropic-Website nachlesen kann.Die zweite Runde – und der SchockDie zweite Finanzierungsrunde (Series B) folgte bereits im April 2022. Und wieder waren die effektiven Altruisten aus Basel dabei. Dieses Mal sammelten die Amodeis 580 Millionen Dollar ein. Als «leading investor» fungierte der FTX-Gründer Sam Bankman-Fried, der zu diesem Zeitpunkt vielleicht bekannteste effektive Altruist der Welt. Bankman-Fried fiel allerdings wenige Monate später in Ungnade und wurde auf den Bahamas wegen Betrugs verhaftet. Später wurde er zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.Bankman-Frieds Verhaftung erschütterte die weltweite Bewegung der effektiven Altruisten – und auch Polaris Ventures, wie sich der Basler Verein inzwischen nannte. Die Grossspende von Ruairi Donnelly an die Gruppierung wurde öffentlich. Gleichzeitig zählte sich Polaris Ventures selbst zu den Geschädigten, nahm sich einen Anwalt und kämpfte um einen zweistelligen Millionenbetrag, der bei der Krypto-Börse FTX blockiert war. Ob der Verein das Geld im Konkursverfahren zurückerhalten hat, ist nicht klar.Aus Millionen werden MilliardenFinanziell geht es Macroscopic Ventures, wie sich der Verein seit März 2025 nennt, dennoch hervorragend. Finanzzahlen veröffentlicht der Verein seit dem Geschäftsjahr 2021 zwar keine mehr. Aber laut Vollmer will Macroscopic Ventures allein in diesem Jahr bis zu 80 Millionen Franken (100 Millionen Dollar) spenden. «Davon wurden bereits knapp 30 Millionen Franken gesprochen», hält Vollmer gegenüber der NZZ fest. Das Geld fliesst zu einem erheblichen Teil an andere Organisationen aus dem Kosmos des effektiven Altruismus. Und viele befassen sich in irgendeiner Form mit KI-Risiken.Die Cooperative AI Foundation in Grossbritannien etwa erhielt 2021 eine Zusage von 15 Millionen Dollar. Das Center for Mind, Brain, and Consciousness an der New York University erhielt ebenfalls substanzielle Mittel. «Es untersucht, wie sich grosse Sprachmodelle von menschlicher Kognition unterscheiden», erklärt Vollmer. Seit diesem Jahr unterstützt Macroscopic Ventures das Basler Rhine AI Lab. Das Schweizer Projekt entwickelt «agentenbasierte KI-Systeme mit Fähigkeiten zum logischen Denken, zur Anpassung und zur Selbstevolution».Welchen Wert die Anthropic-Beteiligung von Macroscopic Ventures heute hat, lässt sich nur grob abschätzen: Der Verein bestätigt sein Investment, hält sich aber mit Verweis auf die Vorbereitungen des Börsengangs mit Äusserungen zurück. «In dieser Phase gelten strenge kommunikationsrechtliche Beschränkungen (‹Quiet Period›). Wir können uns deshalb derzeit nicht weiter zu Anthropic äussern.»Wenigstens die Höhe der Rendite lässt sich erahnen: Die Gruppe der Series-A-Investoren, zu denen der Basler Verein gehört, besitzt heute noch etwa 3 Prozent an Anthropic, wie Max Meister, Investor und Dozent für Entrepreneurship an der Hochschule für Wirtschaft Zürich, erklärt. Das heisst: Selbst wenn Macroscopic Ventures im Mai 2021 «bloss» 1,24 Millionen Dollar beigesteuert hätte, wäre die Rendite gewaltig: Die Series-A-Investoren haben ihren Einsatz mit einem «Multiple» von deutlich über 200 vermehrt. Aus 1,24 Millionen Dollar wären gut 300 Millionen Dollar geworden. Bei den Series-B-Investoren läge das Multiple immer noch über 100. Die Zahlen sind mit grossen Unsicherheiten behaftet, doch die Grössenordnung ist klar.Dietmar Grichnik, Professor für Entrepreneurship und Technologiemanagement an der Universität St. Gallen, bezeichnet die Renditen der Series-A- und -B-Investoren als gigantisch. «Die meisten Risikokapitalgeber sind mit einem Multiple von mehr als 10 wunschlos glücklich.»Gleichzeitig gibt er zu bedenken, dass frühe Investoren oft nicht sofort nach dem Börsengang verkaufen könnten. Sie brauchten Geduld, bevor sie ihre Aktien abstossen dürften – wenn sie das überhaupt wollten.Jonas Vollmer betont derweil, dass das Investment im Dienst der effektiv-altruistischen Mission steht: «Wir investierten in Anthropic, um deren Sicherheitsbestrebungen mit einer Impact-Investition zu unterstützen.»Die Traumrendite ist ein schöner Nebeneffekt für die effektiven Altruisten von Basel.Passend zum Artikel