Die Dimension ist atemberaubend. Das gerade einmal fünf Jahre alte US-Unternehmen Anthropic sammelt in seiner neuen Finanzierungsrunde rund 65 Milliarden Dollar ein und kommt damit auf eine Bewertung von annähernd einer Billion Dollar. Damit hat der derzeit angesagteste Anbieter von Künstlicher Intelligenz den Dauerrivalen Open AI überholt.Als dessen Chef Sam Altman seinen Chatbot vor rund dreieinhalb Jahren auf die größtenteils unvorbereitete Menschheit losließ, war vom „ChatGPT-Moment“ die Rede gewesen. Diese generative Künstliche Intelligenz konnte plötzlich Dinge, die selbst Spezialisten lange für unmöglich gehalten hatten. Die Download-Zahlen der Open-AI-App brachen alle Rekorde, ChatGPT wurde zum Gattungsbegriff wie Tempo für Papiertaschentücher. Der große Angreifer schien geboren, der sogar das Suchmaschinen-Imperium von Google ins Wanken bringen könnte.Doch die Geschichte scheint wieder einmal zu zeigen, dass der Erste nicht automatisch auch der Erfolgreichste sein muss. Google hat die Internetsuche schließlich auch nicht erfunden, aber nahezu perfektioniert. Wer erinnert sich heute noch an Alta Vista oder Lycos?Unternehmenskunden sind entscheidendTechnologie ist kein Selbstzweck, am Ende muss sich ihr Einsatz rechnen. Viele Menschen nutzen ChatGPT vor allem als kostenlose und bequemere Alternative zur Googlesuche, scheuen jedoch vor kostenpflichtigen Abos zurück. OpenAI tut sich schwer, die Einnahmen je Kunden zu erhöhen. Meta kämpft mit seinem Nachrichtendienst Whatsapp mit ähnlichen Herausforderungen.Anthropic hat seinen KI-Dienst Claude dagegen schon früh auf die Bedürfnisse von Unternehmenskunden ausgerichtet und ist damit auf der Überholspur. Dass das Unternehmen unter der Leitung von Dario Amodei dabei einen exzellenten Job macht, spiegelt sich nun in den Bewertungen wider. Auch Google hat sich vom anfänglichen Schock gut erholt. Sein Modell Gemini muss sich hinter den beiden Wettbewerbern nicht verstecken und die Integration in die einzigartige Architektur des Mutterkonzerns Alphabet hat Googles Position sogar noch gestärkt.Das bedeutet nicht, dass das Rennen um die KI-Marktführerschaft schon entschieden ist. Eine der größten Herausforderungen für Anthropic besteht zum Beispiel darin, sich genug Rechenleistung für sein rasantes Wachstum zu sichern. Der Zugang zu solcher „Compute-Power“ als limitierender Faktor könnte den Wettbewerb munter in Gang halten. Aus europäischer Sicht muss es allerdings zutiefst beunruhigen, dass sich trotz aller erkennbaren Bemühungen um mehr digitale Eigenständigkeit die Dominanz amerikanischer Technologie-Konzerne in atemberaubender Geschwindigkeit erhöht.