Wenn einem Premierminister immer neue Kabinettsmitglieder von der Fahne gehen, sind seine Tage gezählt. Das hat einst schon Margaret Thatcher erfahren, später galt es für Boris Johnson und seine kurzlebige Nachfolgerin Liz Truss. Nun wird es bei Keir Starmer ähnlich sein – mit dem Unterschied, dass seine Labour-Partei wegen komplizierterer Verfahren länger brauchen wird, um einen Nachfolger zu bestimmen.Dass der erfolgreichste Labour-Anführer seit den Zeiten Tony Blairs zwei Jahre nach seinem üppigen Wahlsieg seine politische Fortune verspielt hat, liegt in Teilen an ihm selbst. Starmer fehlt es an politischem Instinkt und – worüber das Rücktrittsschreiben seines Verteidigungsministers in brutaler Offenheit Auskunft gibt – an Durchsetzungsvermögen.Starmer scheitert auch an den UmständenDoch Starmers Scheitern ist auch den Umständen geschuldet, in denen das Vereinigte Königreich steckt. Die Politik hat schon vor Jahrzehnten ihren finanziellen Spielraum ausgereizt, weitere zusätzliche Schulden wären wegen steigender Schuldzinsen nicht mehr bezahlbar. Die Sozialkosten sind wegen zunehmender Rentenausgaben und wachsender Kosten des Gesundheitswesens kaum noch beherrschbar, die Steuerlast hat ein Maximum erreicht.Der Premierminister hätte harte Entscheidungen in seiner Regierungspartei durchsetzen müssen, beispielsweise die Reform der Sozialhilfe, die er vor einem Jahr anstieß, dann aber wegen massiven Widerstands in der Labour-Unterhausfraktion wieder fallen ließ. Eigentlich fing damals schon die Zählung seiner Tage an.