Fari Ramic, 33, ist stolz auf seinen grauen Nadelstreifen-Anzug. Ein Luxusteil, das neu im Laden gut und gerne 5000 Euro kostet, er aber Secondhand für 740 Euro erstanden hat. Ein paar Euro für Änderungen kamen noch dazu. Schlussendlich gab der Jurist in Diensten der österreichischen Außenministerin Beate Meinl-Reisinger etwa 1000 Euro aus. Dafür spürt er „definitiv eine gewisse Genugtuung“, wann immer er das feine Tuch trägt. Oder auch nur, wenn sein Blick auf den Kleidersack fällt – mit dem Namensschild des Vorbesitzers: „Mr. Benko“.Besagter René Benko sitzt seit gut 500 Tagen in Untersuchungshaft. Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) in Wien wirft dem ehedem milliardenschweren österreichischen Geschäftsmann schweren Betrug und andere Vermögensdelikte vor – in Zusammenhang mit dem Kollaps seines Immobilien- und Kaufhausimperiums Signa. Zu dessen Überbleibsel gehören zahlreiche fertige und halbfertige Gebäude in Bestlagen deutscher Großstädte sowie Kaufhäuser wie Galeria oder Sport-Scheck. Deutschland war ein Hauptbetätigungsfeld Benkos. Der bestreitet alle Vorwürfe vehement.Die juristische Aufarbeitung der Causa Benko läuft derweil auf Hochtouren weiter. Am Freitag teilte die WKStA mit, eine weitere Anklage gegen den Milliarden-Pleitier zu erheben. Gewöhnlich gut informierte Medien wie die Kronen-Zeitung oder Der Standard hatten seit Tagen, wie sich nun herausstellt, zurecht darüber spekuliert, dass es sich dabei um eine Waffe Benkos und zudem den Vorwurf des schweren Betrugs dreht. Dabei geht es um knapp fünf Millionen Euro, die der österreichische Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner auf Betreiben Benkos im Herbst 2023 aus dem Vermögen seiner Familienstiftung an die Münchner Sporthandelskette Sport-Scheck überwies, um in letzter Sekunde eine Insolvenz abzuwenden.Haselsteiner hatte den Medien zufolge bei der WKStA ausgesagt, er habe Benko das Geld nur unter der Bedingung gegeben, dass er es ihm zurückzahle. Benko habe das schriftlich garantiert. Dessen Anwalt hingegen erklärte, Benko habe Haselsteiner keine neue Schuld aufgebürdet. Das Geld entspreche einer Dividende, die sein Mandant aus einem früheren Signa-Investment ohnehin zu bekommen gehabt hätte. Die WKStA hält diese Darstellung jedoch für „wahrheitswidrig“ und ermittelt nun wegen schweren Betrugs, ohne allerdings in der Pressemitteilung den Namen Haselsteiner zu erwähnen.Unternehmer:Bumm-Bumm-BenkoDer österreichische Pleite-Unternehmer René Benko soll auch Problembären in Rumänien gejagt haben. Bei manchen seiner Waffen waren seine Initialen eingraviert. Gehört hätten sie ihm trotzdem nicht, sagt er.Beim zweiten zur Anklage gebrachten Vorwurf geht es um ein 80 000 Euro teures Jagdgewehr, eine Scheiring Doppelbüchse. Sie soll Benko in seinem einstigen Wohnsitz, der „Villa N“, in Innsbruck-Igls verborgen – und so dem Zugriff der Gläubiger entzogen haben. Von solchen Waffen soll der leidenschaftliche Jäger René Benko insgesamt 15 besessen haben. Wobei nicht immer klar war, wem sie rechtlich gehörten: Benko selbst, einer Signa-Firma oder einer ganz anderen Gesellschaft. Bei dem 80 000-Euro Stück jedenfalls ist sich die WKStA sicher, dass es Benkos Gläubigern hätte zugeschrieben werden müssen. Weil Benko das verhindert habe, hätte er sich der betrügerischen Krida schuldig gemacht. Soll heißen, er habe mit betrügerischer Absicht seine eigene Insolvenz vorgegeben, damit seine Gläubiger möglichst wenig Geld bekommen.Ebenfalls ohne Namen zu nennen, gaben die Ermittler dann auch noch bekannt, wegen „versuchten schweren Betrugs gegen eine Familienangehörige“ zu ermitteln. Den für gewöhnlich gut informierten Medien zufolge handelt es sich hier um Benkos Ehefrau Nathalie. Sie soll eine Richterin des Landesgerichts Innsbruck getäuscht haben, um eine Klage auf Rückzahlung einer höheren Summe abzuwehren. Es geht um zwei Millionen Euro, die ihr René im Januar 2023 überwiesen hat. Nathalie Benko habe der Richterin ein falsches Dokument vorgelegt, so die WKStA, mit dem Ziel, „so die Insolvenzmasse von René Benko um zwei Millionen Euro zu schädigen“. Mit anderen Worten: Auch dieses Geld sollten die Gläubiger nicht erhalten.Der bislang letzte Prozess gegen den in besseren Zeiten als „Wunderwuzzi“ gefeierten Ex-Investor liegt schon ein halbes Jahr zurück. Kurz vor Weihnachten verurteilte ihn das Landesgericht Innsbruck zu 15 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung und 4320 Euro Geldstrafe. Das Gericht war überzeugt, dass Benko im Tresor einer Verwandten zwei Luxusuhren und vier Paar Manschettenknöpfe unerlaubt vor seinen Gläubigern versteckt hatte. Bereits im Oktober 2025 hatte dasselbe Gericht Benko zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt, weil er, die eigene Insolvenz bereits vor Augen, seiner Mutter noch schnell 300 000 Euro geschenkt haben soll.Gegen beide Urteile hat René Benko Berufung eingelegt, über das 300 000-Euro-Urteil wird der Oberste Gerichtshof Österreichs (OGH) am 2. Juli verhandeln. Im Fall der Uhren und Manschettenknöpfe empfiehlt die Generalprokuratur, die höchste Staatsanwaltschaft des Landes, dem OGH, das Urteil zu bestätigen. Noch ist keines der beiden Urteile rechtskräftig und dementsprechend gilt für Benko die Unschuldsvermutung.Parallel läuft die zivilrechtliche Aufarbeitung der Milliardenpleite. Dabei geht es um die in Innsbruck registrierte Laura Privatstiftung, die seit März 2026 insolvent ist. Eine von insgesamt vier Stiftungen im Familienumfeld des abgestürzten Geschäftsmannes. Ermittler gehen davon aus, dass Stiftungen die privaten Geldbunker Benkos waren, um möglichst viel Vermögen beiseitezuschaffen. Er selbst bestreitet dies. Zwei dieser Stiftungen sind im verschwiegenen Liechtenstein registriert, zwei waren es in Österreich.Bei der Ingbe-Stiftung in Vaduz, benannt nach Benkos Mutter Ingeborg, erlangte die Familie Benko kürzlich einen kleinen Sieg. Das Oberlandesgericht in Liechtenstein hob eine einstweilige Verfügung auf, mit der rund 50 Millionen Franken eingefroren waren. Die Ingbe-Stiftung gilt als der letzte große Geldtresor der Benkos. Mutter Ingeborg kann ihre Stiftungsrechte nun einstweilen wieder uneingeschränkt ausüben.Gegen die insolvente Laura Privatstiftung, genannt nach Benkos Tochter, machen hingegen 32 Gläubiger ingesamt 1,7 Milliarden Euro an Forderungen geltend. Größter Gläubiger ist mit 1,1 Milliarden Euro der arabische Staatsfonds Mubadala, dessen Ansprüche Masseverwalter Stefan Geiler jedoch nicht anerkennt, wegen fehlender Vollstreckbarkeitserklärung in Österreich. Einem früheren Bericht des Masseverwalters zufolge betrug das Vermögen der Stiftung Ende 2024 etwa eine Viertelmilliarde Euro, überwiegend in Form von Immobilien.Dazu gehört auch besagte „Villa“ N, benannt nach Nathalie. Das frühere Hotel ließ er entkernen und nach seinem Gusto umbauen, inklusive eines originalgetreuen Nachbaus der Blauen Grotte von Capri zwölf Meter unter der Erde. Die Kosten für all dies betrugen 67,5 Millionen Euro, die monatlichen Betriebskosten für das Anwesen lagen bei 18 000 Euro; die Miete belief sich auf knapp 240 000 Euro – pro Monat.Die „Villa N“ in Innsbruck-Igls. Johann GroderWegen der Villa wird inzwischen auch gegen einen früheren Signa-Manager und einen Steuerberater Benkos ermittelt. Sie sollen ihm geholfen haben, Einrichtungsgegenstände aus der Villa im Wert von acht Millionen Euro vor den Gläubigern zu verbergen und beiseitezuschaffen.Doch auch in Deutschland hat die Laura Privatstiftung reichlich Immobilien. Zum Beispiel das Schokoladenhaus in der Berliner Charlottenstraße 60/61 am Gendarmenmarkt, das umgebaut wird und im besten Fall verkauft werden soll. Auch in Leipzig, Chemnitz und Halle an der Saale war die Stiftung an Immobiliengesellschaften beteiligt. Viele Beteiligungen hielt sie über Treuhänder oder anonyme Gesellschaften. Hunderte sollen es gewesen sein. Vollständige, öffentlich zugängliche Listen existieren nicht. Vieles steht zum Verkauf oder hat bereits den Eigentümer gewechselt.In Zürich, unweit des Paradeplatzes, wartet ein 1000-Quadratmeter-Objekt auf Käufer – Preis nur auf Anfrage. Und in Wien belebt das „Goldene Quartier“ die Fantasie von Immobilienmaklern, mitten in der Innenstadt gelegen, zwischen Tuchlauben, Bognergasse und Am Hof. Ein denkmalgeschütztes Ensemble mit Wohnungen, Gastronomie und Boutiquen großer Luxuslabels von Zegna, Valentino, Armani oder Bottega Veneta. Allein Dior belegt 2100 Quadratmeter, angeblich für eine monatliche Miete von 160 Euro pro Quadratmeter. Das „Goldene Quartier“, haben österreichische Zeitungen ausgerechnet, bringe seinen Eigentümern 18 Millionen Euro Jahresmiete ein und habe einen Verkehrswert von 458 Millionen Euro.Eigentümer waren bislang die insolvente Signa Prime Selection mit einem Anteil von etwa 75 Prozent und mit knapp einem Viertel die RAG-S Real Estate GmbH, eine Tochter der deutschen RAG-Stiftung in Essen, die eine ungewöhnliche Aufgabe hat: Sie finanziert die Folgekosten des deutschen Steinkohlebergbaus an Ruhr, Saar und in Ibbenbüren: vom Abpumpen des Grubenwassers bis zur Reinigung des Grundwassers. Die Arbeit endet nie, deswegen heißen die Kosten „Ewigkeitsaufgaben“. Um sie finanzieren zu können, legt die Stiftung ihr Kapital am Markt an, zum Beispiel in Wiener Luxusimmobilien. Pütt meets Dior, Benko machte es möglich. Ein Plot, wie erträumt für Kunstschaffende.Und tatsächlich hat der Immobilienjongleur die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zu einem neuen Stück inspiriert – einer kapitalismuskritischen Abrechnung über Geld, Gier und das System Signa. Mitte August feiert es bei den Salzburger Festspielen Premiere, danach geht es am Wiener Burgtheater weiter. Der Titel: „Unter Tieren“.
René Benko: Unter Tieren – und vor Gericht
Elfriede Jelinek schreibt ein Stück über Benko. Die Wirklichkeit liefert aber das bessere Drehbuch.
René Benko angeklagt: Betrug 5 Mio. Euro, Vermögensverheimlichung, falsche Dokumente – bankrotter Unternehmer. Warnsignal: Stiftungen in Liechtenstein/Österreich als Insolvenz-Bunker; Governance-Fiasco und strukturiertes Asset-Hiding.








