Herr Forner, Deutschland hat seine Kernkraftwerke abgeschaltet. Sie versprechen den Bau eines Fusionskraftwerks im hessischen Biblis. Wie soll das funktionieren?Bei der Fusion verschmelzen leichte Atomkerne, ähnlich wie in der Sonne. Dafür wird eine winzige Brennstoffkapsel mit Lasern so stark erhitzt und verdichtet, dass für einen kurzen Moment Fusionsenergie entsteht. Diese wird in Wärme umgewandelt, daraus wird Dampf erzeugt, und am Ende treibt eine Turbine wie in einem klassischen Kraftwerk einen Generator an. Der Brennstoff basiert auf Deuterium-Tritium, wobei Deuterium aus Wasser und Tritium aus Lithium gewonnen werden kann. Der große Unterschied zu den heutigen Kernkraftwerken auf Basis der Kernspaltung: Kernfusion ist grundlegend sicher. Es gibt kein Kettenreaktionsrisiko und keinen langlebigen hoch radioaktiven Abfall.In Deutschland wird oft beklagt, neue Technologien würden durch Bürokratie und Bedenkenträgertum abgewürgt. Wie ist es mit der Kernfusion?Der Blick in Deutschland auf die Kernfusion hat sich unglaublich gewandelt – und zwar zum Besseren. Vor fünf Jahren hieß es noch: Mit Nukleartechnik machen wir gar nichts. Heute ist das komplett anders. Wir sind, was die Regulierung angeht, auf einem sehr guten Weg. Und was man auch sagen muss: Der Atomausstieg hat Deutschland einen weltweiten Standortvorteil verschafft.Das müssen Sie erklären.Wir haben einen unglaublich großen Vorteil dadurch, dass die deutschen Atomkraftwerke, die eigentlich noch gut in Schuss waren, abgeschaltet wurden. Denn nun können wir den ehemaligen Kernkraftwerksstandort im hessischen Biblis wunderbar als Fusions-Forschungscampus und in Zukunft als Standort für ein Fusionskraftwerk nutzen. Deshalb war der Atomausstieg ein Glücksfall für die deutsche Kernfusion. Focused Energy hat gerade von Investoren weitere 240 Millionen Euro Kapital eingesammelt. Für ein Fusionskraftwerk reicht das aber noch lange nicht, oder? Dieses Investment ist sehr wichtig für uns, wir sind jetzt das Fusionsunternehmen mit der höchsten Bewertung in Europa. Aber wir benötigen auch Partner für den Bau eines Kraftwerkes, deshalb ist es für uns sehr wichtig, dass wir RWE als Investor mit an Bord haben, denn dieses Unternehmen kennt sich gut aus, wie man Kraftwerke betreibt. Wir brauchen aber weitere Partner, die wissen, wie man Kraftwerke baut. Da geht es um Betonbau, um Dampfturbinen, um Netzanschlüsse. Und Focused Energy liefert den Fusionsmotor dazu.Und wie viel Geld benötigen Sie?Wir gehen von insgesamt 1 bis 2 Milliarden Euro für die Entwicklung des Fusionsmotors aus. Ein erstes Fusionskraftwerk, das wir bis 2035 realisieren wollen, kostet etwa 7 bis 8 Milliarden Euro. Aber wie gesagt: Das ist ein Projekt, das wir zusammen mit großen Partnern stemmen müssen, wie zum Beispiel RWE, Siemens Energy und dem Laserhersteller Trumpf. Das wäre aber noch kein kommerzielles Kraftwerk?Nein, ich spreche von einem Kraftwerks-Prototypen mit 100 oder 200 Megawatt Leistung. Ein kommerzielles Kraftwerk halten wir in der zweiten Hälfte der Dreißigerjahre für möglich. Es soll eine Leistung im Gigawatt-Bereich erreichen und damit mit konventionellen Großkraftwerken vergleichbar sein. Focused Energy würde das aber nicht selbst bauen, das ist ein Projekt für Großunternehmen. Wie wichtig wird die Kernfusion für die deutsche Energieversorgung langfristig werden? Die Fusionsenergie ist die einzige Technologie, die die Energieerzeugung vom Ressourcenverbrauch entkoppelt. Für den Betrieb eines Fusionskraftwerks braucht es nur Wasser und Lithium in kleinen Mengen. Für ein großes Fusionskraftwerk reichen drei Wassergläser voll Treibstoff am Tag aus. Auf ganz lange Sicht, 100 bis 150 Jahre, glaube ich, dass die Fusionsenergie zunehmend dominieren wird. Und nicht ganz so langfristig gedacht, auf Sicht von 30 bis 40 Jahren, ist sie eine super Ergänzung zu Wind- und Solarkraftwerken.
Kernfusion: Thomas Forner von Focused Energie über die Zukunftstechnologie
Focused Energy aus Darmstadt ist das wertvollste Fusionsunternehmen Europas. Im Interview erklärt Geschäftsführer Thomas Forner, wie ehemalige Kraftwerksstandorte zur Chance für den Nuklear-Neustart werden sollen.






